Oper: Karottendämmerung in Lyon

Die Wiedergeburt eines irrwitzigen Meisterwerks: Erstmals nach 139 Jahren wird Jacques Offenbachs „Le Roi Carotte“ wieder aufgeführt. Ein pures veganes Vergnügen.

Herrschaft der Gemüsesorten: In Offenbachs „Le Roi Carotte“ ergreifen der Karottenkönig und sein Gefolge die Macht.
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Herrschaft der Gemüsesorten: In Offenbachs „Le Roi Carotte“ ergreifen der Karottenkönig und sein Gefolge die Macht.
Herrschaft der Gemüsesorten: In Offenbachs „Le Roi Carotte“ ergreifen der Karottenkönig und sein Gefolge die Macht. – (c) Stofleth

Immer noch zählt Jacques Offenbach zu den meistunterschätzten Komponisten. Wenngleich beim Publikum nach wie vor beliebt, finden nur noch zirka sieben seiner 103 Werke den Weg auf die Bühne. Umso großartiger von der Opéra de Lyon, dass sie seinen „Le Roi Carotte“, der seit Dezember 1876 (damals am Theater an der Wien) nie wieder irgendwo aufgeführt worden war, jetzt endlich wiederbelebt hat.

Der Karottenkönig ist ein Monstrum – in jeder Hinsicht: Die Premiere soll sechs Stunden gedauert haben, mit 24 Bühnenbildern, 250 Mitwirkenden und 1500 Kostümen. Aber er war ein Riesenerfolg: Er wurde 195 Mal en suite gespielt. So etwas kann man heutzutage doch niemandem mehr zumuten, meinen manche. Diesen Bedenken Rechnung tragend, dauert die Lyoner Produktion nur knappe drei Stunden. Regisseur Laurent Pelly kann sich dabei darauf berufen, dass Offenbach selbst seine XXL-Karotte auf die Hälfte gekürzt hatte, um Folgeaufführungen in Europa und Amerika zu erleichtern.

Das freilich wurde von den Gralshütern der kritischen Ausgabe verdammt, die auf der ungestrichenen Originalfassung bestehen und die Akte mit dem Zauberer Quiribiri, den Bienen und dem Affenkönig schmerzlich vermissen. Sei's drum! Natürlich würde man sich eine Begegnung mit dem „Composer's Cut“ wünschen, aber wer von all diesen Querelen nichts weiß, kann in Lyon eine in sich schlüssige, überzeugende Produktion erleben.

Die Gattungsbezeichnung des „Le Roi Carotte“ lautet ursprünglich „Grand opéra-bouffe-féerie“, das drückt sehr gut seinen hybriden Charakter aus. Das Libretto stammt von niemand Geringerem als Victorien Sardou (dem Schöpfer der Ur-„Tosca“), und man kann es nur als genial bezeichnen. Fridolin XXIV. (allein schon dieser Name!), der Erbe des Königreichs Krokodyne, ist ein Hallodri. Der Mitgift wegen will er die leichtfertige Prinzessin Cunégonde heiraten. Um das zu verhindern, verbünden sich der „Genius“ Robin-Luron (eine puckartige Gestalt) und die Hexe Coloquinte, um den Jungspund auf den rechten Weg zurückzubringen. Coloquinte erweckt mit ihrem Zauber das Gemüse im Schlossgarten zum Leben, und so ergreifen der Karottenkönig und seine Kumpane (Radieschen, Kohl, rote Rüben etc.) die Macht.

 

Nach Pompeji gebeamt

Der 24. Fridolin muss fliehen und verbringt den Rest des Abends auf einer Art Initiations- und Zeitreise. Zuerst wird er mithilfe einer Taschenlampe in das Pompeji vor dem Vulkanausbruch zurückgebeamt, um sich den von einem römischen Soldaten entwendeten Zauberring König Salomons zu beschaffen. Dem Aschenregen gerade noch entkommen, wird er in die Welt der Ameisen versetzt. Die Bienenkönigin rettet ihn und bringt ihn nach Krokodyne zurück, wo aufgrund der in der Zwischenzeit enorm gestiegenen Gemüsepreise (!) der Volkszorn bereits am Kochen ist. Fridolin und seine wieder zu ihm übergelaufenen Ex-Minister entfachen mittels der Wutbürger eine Gegenrevolution, in deren Verlauf der Karottenkönig abgesetzt (bzw. in dieser Inszenierung durch eine riesige Presse zu Püree verarbeitet) wird.

Genial ist klarerweise auch Offenbachs Musik. Auf halbem Weg zwischen der „Schönen Helena“ und „Hoffmanns Erzählungen“ angesiedelt, verströmt sie unendlichen Einfallsreichtum, gespickt mit „gelahrten“ Zitaten und Parodien seiner „ernsthafteren“ Komponistenzeitgenossen. Und das in jener subtilen Mischung aus Melancholie und Heiterkeit, die im deutschen Sprachraum so schwer verstanden wird. Was dazu führt, dass man diesen Schüler Mozarts, Rossinis und Cherubinis hierzulande meistens zum Faschings- oder Karnevalsclown degradiert.

Nicht anders als genial zu nennen ist auch Laurent Pellys Inszenierung. Dank seiner eigenen Kostüme und der detailverliebten Bühnenbilder bewahrt er in jedem Moment eben jene heikle ironische Balance: die Ahnenbilder von Fridolins Rittervorfahren, die nach der Machtergreifung der Karotte von Gemüseporträts ersetzt werden; die wetterwendischen Höflinge, die sich plötzlich die Haare orange färben; die verräterische Prinzessin, die sich dem unterirdischen Gespons mit einem ebenso orangen Ballkleid anpasst; des Karottenkönigs Thron als Gemüsekiste . . . einfach köstlich. Die Bewegungsregie, die Führung der Chormassen macht Pelly derzeit ohnehin kaum jemand nach.

Unter dem jungen und energetischen Dirigenten Victor Aviat glänzen alle Sänger und Sängerinnen, besonders der souveräne Yann Beuron (Fridolin), die erfrischende Julie Boulianne (Robin-Luron), die bezaubernde Chloé Briot (als „gute“ Prinzessin) und die quirlige Antoinette Dennefeld (als ihr „böser“ Counterpart) . . .

„Le Roi Carotte“: ein reines Vergnügen, in Lyon noch bis 1. Jänner. Wenn es aber mit rechten Dingen zuginge, müsste die EU nach der Gurkenrichtlinie nun eine Karottenrichtlinie erlassen: dass der König dieses Gemüses gefälligst sofort überall nachzuspielen wäre. Nicht zuletzt im Theater an der Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2015)

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