Oper in Madrid: Was in Bayreuth verboten bleibt

Am Teatro Real versucht man sich an Richard Wagners Jugendsünde „Das Liebesverbot“. Regisseur Kasper Holten gelang eine ironisierende Ehrenrettung des Werks.

Das Liebesverbot
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Das Liebesverbot
(c) Teatro Realo/ Javier del Real

Für eine Aufführung bei seinen Bayreuther Festspielen hat Richard Wagner seine frühe Opera buffa „Das Liebesverbot“ nicht vorgesehen. Wie der Musiktheater-Erstling, die Märchenoper „Die Feen“, und die danach komponierte Grand Opéra „Rienzi“ zeigt uns auch die als Zweitversuch entstandene komische Oper einen Meister auf dem Weg: Auch ein Originalgenie wie Wagner, lernt man da, kommt nicht ohne Studien bei bedeutenden Vorgängern aus.

Mag sein, dass Ludwig von Beethoven mit seiner Neunten Symphonie und dem „Fidelio“, aber auch Carl Maria von Weber und Heinrich Marschner letztendlich die prägenden Vorbilder gewesen sind. Und doch: Wagner nahm auch Maß bei Donizetti, Rossini, Auber oder Boieuldieu. Die Melodik der großen Italiener und Franzosen, aber auch ihre Formensprache spiegeln sich in einem Stück wie dem „Liebesverbot“ in nahezu jeder Nummer. Erst, wer diese Partitur kennt, versteht, wo manche große Phrase, wo die Architektonik gigantischer Ensembles der frühesten für den Bayreuther Gebrauch kanonisierten Kompositionen wurzeln. So führt etwa von den sogenannten Concertati der Belcantisten ein direkter Weg über die Chor-Ensembles im „Liebesverbot“ bis zum Höhepunkt des zweiten „Lohengrin“-Aufzugs.

Das hörbar zu machen, ist das Verdienst jeder musikalischen Einstudierung von Wagners Frühwerk. Dass man sich im Teatro Real von Madrid daran macht, die Sache auch szenisch vor dem Vergessenwerden zu bewahren, darf hingegen als Mutprobe bewertet werden. Allzu fließbandmäßig nach dem Gusto der Zeit scheinen doch viele der Arien, Duette und Chöre arrangiert – erst die Gerichtsszene im Mittelakt lässt den späteren Meister musikalischer Dramaturgie erahnen. Da findet sich eine reizvoll verdrehte Abfolge von Satyrspiel und hohem Drama: Zuerst ein größenwahnsinniger Polizist, der sich als Richter aufspielt, dann der zentrale Gerichtsprozess, in dem eine Nonne den obersten Juristen um den Finger wickelt.

 

Sieg der Weiblichkeit über Testosteron

In beiden Szenen geht es um die Macht der Erotik und den Sieg weiblichen Raffinements über männliche Eitelkeit und Triebhaftigkeit. Einleitend erleben wir die Sache als geradezu operettentaugliche Farce, dann als hochemotionales Duett, das tatsächlich schon auf spätere Wagner'sche Seelenprotokolle vorausweist. Manuela Uhl (Isabella) und Christopher Maltman (Friedrich) laufen da zu voller musikdramatischer Form auf – während die lyrische Eingangsszene an der Seite der klösterlichen Schwester Mariana (Maria Miró) für Uhls mächtig entwickelten Sopran doch zu fragil wirkt und nach mehr Italianità verlangen würde.

Ante Jerkunica (Brighella) und Maria Hinojosa (Dorella) hingegen agieren im komödiantischen „Vorspiel“ mit dem rechten Gusto wie ein veritables Buffo-Paar. Holtens Regie schöpft aus dieser Spannung zwischen bitterem Ernst und fröhlicher Ironie. Immerhin geht es bei der gerichtlichen Auseinandersetzung um Tod und Leben, denn Statthalter Friedrich will Freude aus dem Leben seiner Untertanen verbannen und stempelt per Dekret (freie) Liebe, Freude(nhaus) und das traditionelle Karnevalstreiben zu Kapitalverbrechen. Erst die List der findigen Klosterschwester bringt den Heuchler zu Fall.

Mit derb-kabarettistischem Aktionismus zeigt die Madrider Aufführung die Handlung als Karikatur eines diktatorischen Systems. Angesichts der zuletzt wiedergefundenen Karnevalslust ziehen dann sogar Figuren aus späteren Wagner-Dramen durch die Gassen, sogar das Gesicht von Bayreuth-Besucherin Angela Merkel taucht im Maskengewimmel auf. Inmitten solch zeitgebundener Zeitlosigkeitsmetaphern stehen die tatsächlich allzeit gültigen Momente gesungener Beziehungsverstrickungen doch in der gebotenen Ernsthaftigkeit zur Diskussion.

So lässt sich mit einem insgesamt uneinheitlich gelungenen Werk doch klug verfahren, auch weil Madrids neuer Chefdirigent, Ivo Bolton, mit dem exzellenten Chor und dem engagiert aufspielenden Orchester für Tempo und Bewegung sorgt, ohne im entscheidenden Moment auf klangliche Delikatesse zu verzichten.

Dass im „Liebesverbot“ noch keine Heldentenöre, sondern Abkömmlinge belcantesker Koloraturvirtuosen gefragt sind, macht es dem Besetzungsbüro nicht leicht: Peter Lohdahl (Luzio) und Ilker Arcayürek (Claudio) versuchen, das Beste aus ihren vertrackten Aufgaben zu machen. Da sie vorrangig in den komödiantischen Passagen des Werks gefragt sind, kommt ihnen zugute, dass sie sich auch in Werken wie der „Fledermaus“ schon bewährt haben und sich also in den verwinkelten Zimmern von Steffen Aarfing locker zu bewegen verstehen. Die Bilder finden die Verbindung zwischen Casino und Konvent mühelos: In beiden dominieren ja kleinste Zellen oder Zimmerchen die Architektur . . .

Weitere Termine: 1., 3., 4. und 5. März. Die Aufführung am 5. März wird für DVD mitgeschnitten und von etlichen Radiostationen übertragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)

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