"Kenotaph": Eine neue Symphonie als Mahnmal

Thomas Larchers Zweite, "Kenotaph" genannt, ist ein außerordentlicher Wurf. Die Wiener Philharmoniker spielten sie zum 200-Jahr-Jubiläum der Nationalbank.

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(c) Richard Haughton

Kenotaph“ lautet der Untertitel des Auftragswerks zum 200-Jahr-Jubiläum der Nationalbank, das vergangenen Freitag, im Vorfeld der beiden Abonnementkonzerte der Wiener Philharmoniker, seine Uraufführung erlebte. Auf den ersten Blick steht diese Zweite Symphonie Thomas Larchers in einer Reihe mit den großen Symphonien, die Wiens Meisterorchester in seinen ersten Dezennien uraufgeführt hat. Wie Brahms' Zweite oder Mahlers Neunte hat auch diese Novität vier Sätze, noch dazu in „klassischer“ Reihenfolge, mit einem Adagio und einem Scherzo als Mittelblock.

Doch definiert Larcher die symphonische Form neu. Wer seinen Werdegang verfolgt hat, weiß, dass der Tiroler Pianist und Komponist als Interpret wie als schöpferischer Kopf sich wendig zwischen den Stilen bewegt, sich unterschiedlichste Ausdrucksmöglichkeiten zunutze macht. Sein Handwerk beherrscht er, nützt die Klangfülle des Orchesters zu vielfältigen Farbwirkungen.

 

Die Gravitationskraft von a-Moll

Gerade diese Wendigkeit garantiert ihm, dass er ganz Larcher bleiben kann. Einer „Richtung“ ist er nicht zuzurechnen, auch wenn er bewusst mit den Gravitationskräften der Tonalität spielt, sie als Ausdrucksmittel nützt. Der Titelzusatz „Kenotaph“ („leeres Grab“, Ehrenmal für Tote) verweist auf die Flüchtlingswelle, die zur Zeit der Entstehung des Werks anrollte, und auf die Bootskatastrophen im Mittelmeer. Ein leeres Grab, ein tönendes Mahnmal für die, die den sinnlosen Tod sterben mussten, das ist diese Symphonie wohl auch. Aber das muss der Hörer so konkret nicht wissen, um die tiefere Botschaft der Töne dechiffrieren zu können.

In gewissem Sinne knüpft Larcher an die Tradition der Programm-Musiken an, die im Gefolge der Neudeutschen Schule um Franz Liszt die scheinbar klassizistische Symphonik durchdrang und spätestens bei Mahler zu einer offenkundigen Anreicherung überkommener Form-Schemata mit pittoresken Klang-Erzählungen führte. Aus Symphonien, ob im herkömmlichen viersätzigen Gewand oder nicht, wurden „Dramen ohne Worte“.

Spätestens seit Mahlers Hammerschlägen, Alban Bergs Zitaten von Bach-Chorälen und Kärntner Volksliedern oder Schostakowitschs komponierten Granaten-Einschlägen weiß der Konzertbesucher auch um die doppelten Böden von, oberflächlich betrachtet, simplen Zeichensetzungen innerhalb solcher „Konzertsaal-Tragödien“, denen Larcher eine weitere, höchst eindrucksvolle hinzugefügt hat.

 

Eine „Konzertsaal-Tragödie“

Auch in seinem „Kenotaph“ gibt es drastische Metaphern. So schließt das Scherzo nicht einfach ein stilleres Trio ein, sondern entartet in eine Folge von immer intensiver, immer rascher aufeinander folgenden Schlägen, unter denen die musikalische Struktur völlig zusammenbricht. Aus den Trümmern dringen dann die Klänge eines Ländlers hervor; ob die Assoziation mit der angesichts der Katastrophe noch weiter musizierenden „Titanic“-Kapelle ganz falsch ist?

Alle vier Sätze der Larcherschen Symphonie stechen nach altvertrautem Allegro- oder Adagio-Muster in See, um sich aufzulösen und unterzugehen; nicht nur die rhythmisch-metrischen, die melodisch-thematischen Strukturen zerfleddern, auch die stets klar definierten tonalen Zuordnungen driften in einen vagen, unsicheren harmonischen Raum.

Dass die Aussage auch die Form dieses Werks definiert, rechtfertigt – im nach-mahlerschen Verständnis – die Wahl des Genres: „Kenotaph“ ist nicht nur der äußeren Form nach eine veritable Symphonie. Womit es einem Österreicher gelungen wäre, Haydns Form für das 21. Jahrhundert zu „aktualisieren“. Die Philharmoniker unter Widmungsträger Semjon Bytschkow haben den Rang dieses außerordentlichen Wurfs – vor einer Aufführung des altvertrauten „Heldenlebens“ von Richard Strauss – auf engagierte Weise unter Beweis gestellt und damit dem Komponisten den verdienten Erfolg erspielt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2016)

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