Tenoraler Ehrgeiz: Jonas Kaufmann im Alleingang

Dass sich ein Sänger allein an die Soli seines „Liedes von der Erde“ wagt, hätte sich Mahler nie träumen lassen. Zur Genealogie einer ungewöhnlichen Symphonie.

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Der „Einsame im Herbst“? Jonas Kaufmann als Florestan in der heftig umstrittenen „Fidelio“-Inszenierung von Claus Guth bei den Salzburger Festspielen. – (c) Roman Zach-Kiesling / First Look / picturedesk

Seine Verehrer werden vor jedem Auftritt nervös. Diesmal aber steigt das Erwartungsbarometer auf ein selbst bei diesem Tenor ungewohntes Niveau: Jonas Kaufmann singt im Konzert der Wiener Philharmoniker unter Jonathan Nott heute, Dienstagabend, im Musikverein Mahlers „Lied von der Erde“. Im Alleingang!

„Eine Symphonie für eine Tenor- und eine Alt- (oder Bariton-)Stimme und Orchester nach Hans Bethges ,Die chinesische Flöte‘“ steht etwas umständlich auf dem Titelblatt. Viel schlichter lautete die ursprüngliche Nomenklatur: „9. Symphonie“. Der pure Aberglaube – Beethoven und Bruckner waren nicht über diese Nummer hinausgekommen – hat Mahler davon abgehalten, die Nummerierung beizubehalten.

Der virtuelle Bannfluch hat den Komponisten dennoch eingeholt. Die offizielle Neunte wurde tatsächlich seine letzte vollendete Symphonie – und schließt mit einem bewegenden Abschiedsgesang. Doch schon der letzte Satz des „Liedes von der Erde“ – er dauert allein so lang wie die fünf vorhergehenden zusammengenommen – heißt „Der Abschied“ und verweht als eine der bewegendsten Kompositionen Mahlers in einem ätherisch schönen Klangnirvana.

Wenn Jonas Kaufmann nun die gesamte Symphonie im Alleingang bewältigen möchte, dann ist das schon wegen der Länge der Aufgabe außerordentlich: Etwas über eine Stunde dauert das „Lied von der Erde“ – das quasi ohne Pause, nur durch ein paar Orchester-Ritornelle unterbrochen, durchzustehen ist eine athletische Aufgabe.

Noch bemerkenswerter ist aber die vokaltechnische Komponente, nicht nur wegen der ständig wechselnden Tenor- und Baritonlage. Die Musik ruft auch nach höchst unterschiedlichen Stimmcharakteren. Da sind die lyrischen, nur verhalten aufrauschenden Gesänge vom „Einsamen im Herbst“ und „Von der Schönheit“, die nebst dem schon erwähnten „Abschied“ der tiefen Stimme zugedacht sind. Da ist als Nummer drei der Partitur das Tenorlied „Von der Schönheit“, das gut zu diesen introvertierteren Stücken passt.

 

Karajan brauchte einst zwei Tenöre

Doch gleich am Beginn der Symphonie steht das heldische „Trinklied vom Jammer der Erde“, dem sich noch das zynisch-lässige „Der Trunkene im Frühling“ hinzugesellt. Es war kein Zufall, dass ein Dirigent wie Herbert von Karajan einmal entschied, er brauche für „Das Lied von der Erde“ nicht zwei, sondern gar drei Solisten: In Berlin standen 1970 neben Christa Ludwig noch Ludovic Spiess – sozusagen als Mann fürs Grobe – und der zartstimmige Horst R. Laubenthal auf dem Podium der Philharmonie. Wozu das gut gewesen sein soll? Wer die Aufführungsgeschichte des Werks verfolgt, stößt auf die bis heute unerreichte Londoner Aufnahme unter Otto Klemperer, in der die unvergleichliche Christa Ludwig sich die Symphonie mit dem ebenso unvergleichlichen Gestalter Fritz Wunderlich teilt; allein, als Karajan im Mahler-Jahr 1960 „Das Lied von der Erde“ im Musikverein dirigierte, wusste der „Presse“-Rezensent zu berichten, dass die Orchesterwogen über der Edelstimme im ersten „Trinklied“ unbarmherzig zusammenschlugen. Im Plattenstudio herrschen andere Gesetze.

Allerdings absolvierte auch Wunderlich an dem bewussten Tag einen Mahler-Marathon wie morgen Abend Jonas Kaufmann: Er sang zwar nur die drei Tenorlieder, war zur Feier des Komponistengeburtstags aber am selben Abend auch als Solist in der Achten Symphonie zu hören.

Auch das, wie der morgige Abend, ein Eintrag im imaginären Buch der Rekorde der musikalischen Interpretationsgeschichte. Was finden wir, wenn wir dort nachschlagen? Kräfteraubende Kuriosa wie den Auftritt von Gwyneth Jones im Zürcher Opernhaus, die wegen plötzlicher Erkrankung ihrer Kollegin zwei Monsterpartien, die Kaiserin und die Färberin in Richard Strauss' „Frau ohne Schatten“ am gleichen Abend sang! Oder Lorin Maazels Beethovenmarathon, alle neun Symphonien an einem Tag – in London oder Pittsburg Ende der Achtzigerjahre zu erleben. Die Sache mit der Bilokation ist freilich noch nicht ganz gelöst: Sir Georg Solti träumte davon, ein und dasselbe Konzertprogramm in London und Chicago präzis ab 19.30 zu dirigieren – am selben Kalendertag. Als die Concorde noch flog, wäre sich das ausgegangen. Es wurde nie realisiert.

 

Bilokation mit der Wiener Straßenbahn

Nur, apropos beliebter Tenor, Plácido Domingo sang am selben Abend in zwei Wiener Häusern: Der damalige Opernchef Eberhard Waechter chauffierte den Sänger nach der Aufführung von Puccinis „Tabarro“ in der Volksoper in einem Straßenbahn-Oldtimer zur Staatsoper, wo nach der Pause der „Bajazzo“ auf dem Programm stand.

Jetzt kommt es im Fall Jonas Kaufmanns vielleicht nur noch darauf an, ob Robert oder Dominique Meyer die Lenkberechtigung als Wiener Bim-Fahrer erwerben . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2016)

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