„Il Postino“: Pablo Neruda, erstickt im Opern-Zuckerguss

Mit „Il Postino“ von Daniel Catán zeigt das Theater an der Wien Mut zur Schmonzette. Das Publikum lässt sich freilich verzaubern – vor allem von Plácido Domingo in der Rolle des chilenischen Dichters.

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(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Um leichter zu fliegen, häng dir zwei rosa Flügel um“, dichtet der große Poet an einer Stelle des Stücks. Genau solche rosa Flügel müssen es gewesen sein, mittels derer sich der 1949 in Mexico geborene Komponist Daniel Catán zu der Idee aufgeschwungen hat, Michael Radfords Film „Il Postino“ (1994) zu einer Oper zu machen. Nach einem Roman des aus Chile stammenden Autors Antonio Skármeta erleben wir, wie Mario Ruoppolo, ein gänzlich unbedarfter italienischer Postbursche, durch die berufsbedingte Bekanntschaft mit dem im Exil lebenden Dichter Pablo Neruda die faszinierende Welt der Lyrik entdeckt und dadurch seine geliebte Beatrice erringen kann. Als er sich den Kommunisten Neruda auch politisch zum Vorbild nimmt, kommt er ums Leben.

Kein schlechter Stoff für eine Oper – zumal sich auch Plácido Domingo früh für die Rolle des Neruda interessiert und Catán ihm diesen edlen Grandseigneur auf den Leib komponiert hat. Im vergangenen September erlebte das Werk seine Uraufführung in Los Angeles, wo Catán lebt und Domingo als General Director des Opernhauses fungiert, nun ist die Koproduktion mit dem Theater an der Wien und dem Théâtre du Châtelet bei uns zu erleben – in leicht veränderter Besetzung, aber natürlich mit Domingo.

 

Simple Figuren, süßlicher Klang

Nun, wirklich kein schlechter Stoff – „doch in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied“, ließ Hofmannsthal schon die Marschallin weise seufzen. Catán selbst hat ein wirklich sehr einfaches Libretto geschrieben, das sich in seiner Verknappung immerhin als günstig erweist, darüber hinaus aber durch teils allzu simple Wendungen befremdet. Zwei zähe Akte lang gibt es kaum konkrete Konflikte, welche die Fischerdorf-Idylle stören könnten, bis in die zweite und dritte Reihe sind alle Figuren liebenswert bis zur Gehirnerweichung, wie Leo Slezak gesagt hätte: Marios treuer Freund und Genosse Giorgio in Gestalt des wackeren Federico Gallar, sein wortkarger Vater, der sich bei der Hochzeit des Sohnes an dessen verstorbene Mutter erinnert und ein rührendes Lied singt (Gabriel Lautaro Osuna überrascht mit der Tongebung originaler Volksmusik), selbstverständlich die geliebte Beatrice (passabel: Amanda Squitieri), eine kesse Kellnerin, der Mario verfällt, als sie ihn am Wuzler 3:0 besiegt, auch deren resolute Mutter, tadellos gesungen von Géraldine Chauvet, welche Beatrices Ehre notfalls mit der Büchse verteidigen will, der ulkige Pfarrer (pointiert: Alexander Kaimbacher) und sogar der schleimig-unfähige Provinzpolitiker Di Cosimo (Gregorio González), der immer eine Blaskapelle im Schlepptau hat, geht knapp noch als akzeptabel durch.

Noch problematischer erweist sich die Musik, über die Häme auszugießen ein Leichtes wäre. Hier nur soviel: Trotz oder gerade wegen ihrer rosa Flügel kann sie niemals abheben. In leichtem Konversationston plätschert sie dahin, ermöglicht durch duftige, nie zu schwere Instrumentation immerhin einige Lacher durch den Text und wird immer wieder in Geberlaune arios – freilich in einer Manier, die Puccini und Lehár besser und im guten Sinne effektvoller beherrscht haben. Die Wiener Symphoniker unter Jesús López-Cobos geben sich dennoch keine Blöße und rühren zärtlich sanft im Saccharinsud. Avancierteres bleibt nämlich ganz ausgespart. Und wenn sich die Klänge im dritten Akt doch noch zu pathetischer, zuletzt rührseliger Geste verdichten, dann nimmt man ihr dies nicht mehr ab – Domingos intensiver Autorität zum Trotz.

 

Keine Tiefe, keine Entwicklung

Als Pablo Neruda darf sich der Marathonmann der Oper gleich in mehreren Rollen gefallen, die er auch im Leben gern spielt: Als Womanizer besingt er mit unvermindert prächtigem, bronze-golden leuchtendem Timbre die nackten Brüste seiner Frau (Cristina Gallardo-Domâs), als Dichter und Denker verzweifelt er am Unrecht in der Welt, als Mentor junger Künstler nimmt er Mario lächelnd unter seine Fittiche, bis dieser flügge wird. Ein echter Wandel, ein Wachsen über das bloße Erwachsenwerden hinaus fehlt der Figur des Mario jedoch – zumindest diesmal. Denn der spanische lyrische Tenor Israel Lonzano bleibt auch dann der sympathisch-naive Bursch von nebenan, wenn er uns in seiner als Rückblende präsentierten Todesszene bereits als gereifter, politisch engagierter junger Künstler entgegentreten könnte, der durch einen eiskalt kalkulierten Schuss aus dem Weg geräumt wird. Hier wirkt sein Ende eher zufällig. Das ist zwar tragisch genug, verweigert dem Ende aber eine mögliche zusätzliche Dimension.

Die steuert auch Ron Daniels' Inszenierung nicht bei, sie ist wie die Musik von großer Gefälligkeit geprägt: Im leicht abstrahierten blauen Bühnenbildrahmen werden naturalistisch-detailgetreue Requisiten verwendet (Riccardo Hernández) und mit die musikalischen Naturschilderungen verdoppelnden Videoprojektionen von Philip Bussmann garniert. Jubel für alle.

„Il Postino“: Theater an der Wien; noch am 11., 14., 18., 21.12.; Karten: 01/58885.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2010)

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