Karl Böhm: Das große Klangtheater

KritikKarl Böhm: „Great Recordings 1953–1972“.

Franz Schubert: Symphonie Nr. 8
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Franz Schubert: Symphonie Nr. 8
Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 – (c) ORF

Great Recordings“ heißt die Sammlung von Aufnahmen unter Leitung Karl Böhms aus den Jahren von 1953 bis 1972. In jüngster Zeit sind die Platteneinspielungen des Grazer Dirigenten, der für die Wiener und Salzburger Interpretationsgeschichte der Nachkriegszeit so prägend war, auch in seiner Heimat wieder auf CD greifbar. In Japan hat man die Digitalumschnitte stets in höchsten Ehren gehalten. Hierzulande beschränkte man sich eine Zeit lang darauf, Böhms politische Ansichten zu analysieren und seine künstlerischen Leistungen möglichst vergessen zu machen. Dass das auf Dauer nicht gelingen kann, war allen Musikfreunden klar, die Böhm wenigstens in seinen letzten Jahren noch erleben durften. Mit der „Frau ohne Schatten“ seines Lehrmeisters Richard Strauss etwa. Oder mit „Fidelio“: Welche andere Wiedergabe der dritten Leonoren-Ouvertüre hat je eine solche Intensität erreicht? Auch als Symphoniker war Böhm, entgegen anderslautenden Gerüchten, oft animiert und sorgte für energetische Wiedergaben der Musik seiner Hausgötter Mozart, Beethoven, Strauss. In der „Great Recordings“-Box finden sich einige Studioaufnahmen, die dieses Epitheton tatsächlich verdienen. So die Symphonien 3, 5 und 7 von Beethoven, die wunderbar die Balance zwischen analytischer Durchhörbarkeit und dramatischer Attitüde halten: Man höre nur die (bis hin zur klaren Differenzierung aller eng verschachtelten Themeneinsätze) eloquente Abmischung von Bläser- und Streicherklang in der Durchführung des ersten „Eroica“-Satzes oder die rhythmische Agilität, die die gesamte A-Dur-Symphonie durchpulst. Das sind Erinnerungen an eine Zeit vor der „Originalklang“-Revolution, die beweisen, dass der spätere „Fortschritt“ in Sachen Transparenz, ganz Nestroys Diktum folgend, „größer ausschaut, als er wirklich ist“, bei gleichzeitigem Verlust an Ausdrucksqualität, möchte man hinzufügen.

 

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(c) Beigestellt

Herrlicher „Zarathustra“. Keine Diskussion gab es je über Böhms Strauss-Kompetenz: Sowohl die (meist monauralen) Interpretationen mit der Staatskapelle Dresden als auch jene mit den Berliner Philharmonikern sind brillant, die des „Zarathustra“ war gar überwältigend: Ein solch exuberantes „Tanzlied“ gibt es auf Tonträgern wohl kein zweites Mal. Dazu die hinreißenden Haydn’schen „Jahreszeiten“, von der Engelsstimme der Gundula Janowitz überstrahlt; auch hier begreift man, was Zeitgenossen an dieser Musik einst überwältigt haben muss. Diese tönenden Naturbilder entfesseln, scheint’s, Urkräfte, nicht nur, wenn es um Gewitter, Sturm und Donnergebraus geht. (DG)

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