KHM-Ausstellung: Scharfe Blicke auf bunte Götter

Dass antike Statuen nicht weiß, sondern bunt waren, weiß man mittlerweile. Aber wie bunt! Das zeigt eine Wanderausstellung, die zurzeit die Antikensammlung des Kunsthistorische Museums unterminiert.

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(c) München, Stiftung Archäologie, Foto: Brinkmann

Natürlich wäre es für das Kunsthistorische Museum spektakulärer, Großausstellungen zu Tizian, Parmigianino oder Rudolf II. zu eröffnen, der heuer vor 500 Jahren gestorben ist. Doch damit darf man dieses Jahr nicht mehr rechnen, alle Energien (und Budgets) des Wiener Parademuseums scheinen in die Fertigstellung der Kunstkammer bis 28. Februar zu fließen. Ab 21. November kann man übrigens online sein Kunstkammer-Ticket reservieren. Am 12. Dezember ab 14 Uhr wird der erste Saal der Neuaufstellung präsentiert, bei freiem Eintritt – „ein Teaser“, so KHM-Generaldirektorin Sabine Haag am Montag am Rande der Pressekonferenz zur neuen Sonderausstellung „Bunte Götter“.

Der Titel kommt einem bekannt vor. Kein Wunder, ist von einer hauseigenen Großausstellung dabei nicht die Rede. Sondern von einer seit 2003 durch die Welt tourenden Wanderschau. 2003 wurde sie von der Münchner Glyptothek ins Leben gerufen, seither war sie u. a. in Kopenhagen, Rom, Athen, Berlin, Kassel, zuletzt sogar in den Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum. Und jetzt im Wiener Kunsthistorischen, was für eine Renaissance!

Grell bunt statt Götter in Weiß

Ein wenig ausgelutscht kommt dem verwöhnten Wiener das Thema also erst einmal vor. Bis man die Schau weniger als Sonderschau zu verstehen lernt denn als Intervention. 14 Stationen hat man dazu in der Antikensammlung verteilt, um zu verdeutlichen, dass es hier ziemlich anders aussehen würde, wäre der Originalzustand der Objekte erhalten geblieben. Dass man sich die Tempel und Statuen der Antike nicht rein weiß, sondern eigentlich bunt vorzustellen hat, sollte mittlerweile zwar als bekannt vorausgesetzt werden. Wie bunt sie tatsächlich waren und wie nahezu schockierend das auf uns, die wir an „Götter in Weiß“ gewohnt sind, immer noch wirkt, wird einem aber erst klar, steht man direkt vor einem der „didaktischen Modelle“, wie Archäologe und Kurator Vinzenz Brinkmann seine Exponate nennt.

Die Abgüsse originaler Statuen, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen farbig bemalt wurden, könnten einem billigen Asterix-Erlebnispark entsprungen sein. Knallbunt, glatt, kitschig – von wegen „edle Einfalt und stille Größe“, wie der deutsche Antikenpapst Johann Joachim Winckelmann das Klischee prägte. Besonders herb wirkt das farblich rekonstruierte Ensemble der westlichen Giebelskulpturen des Aphaia-Tempels von Ägina, der Bogenschütze erinnert frappant an Papageno. Dennoch, man muss sich mit diesem neuen folkloristischen Eindruck abfinden, er beruht auf Untersuchungen mit Stereomikroskop, UV-, Infrarot-, Luminiszenz-, Fluoreszenz- und Reflexionstechniken. Danach wurde versucht, mit Naturpigmenten einen möglichst authentischen Eindruck zu geben. Wobei Brinkmann zugibt, dass es sich dabei nur um Annäherungen handelt, fehlt doch vor allem das Wissen über das Finish. Dadurch kann eher „ein Werkstatt-Einblick“ gegeben werden.

Auf jeden Fall schafft man mit der wenig dezenten Intervention Beachtliches: nämlich die Sehgewohnheiten zu brechen. Geht man noch dazu durch die an Farben gewohnt satte ägyptische Sammlung in die der sonst so weißen Antike hinüber, wird einem die bis nach dem Zweiten Weltkrieg ohne große wissenschaftliche Einmischung aufrecht erhaltene, absurde Künstlichkeit des Antikenbilds in Museen plötzlich sonnenklar.

Quiz: Was ist Original, was ist Kopie?

Das KHM scheint sich diesen Herbst überhaupt in eine unterhaltsame Schule des Sehens verwandelt zu haben. In der Gemäldegalerie macht das besonders Spaß. Dort hat Galerie-Direktorin Sylvia Ferino ein kleines Quiz hängen lassen: Sieben „Doppelgänger“ wurden aus dem Depot ausgegraben, das heißt grob gesagt sieben „Kopien“ wurden neben die Originale gehängt. Mit ausführlichen Beschreibungen, allerdings ohne „richtig“ und „falsch“ zu markieren (die Auflösung wird nur auf einem Saalzettel bekannt gegeben). So kann man vor zwei Susannas im Bade überlegen, welche wirklich von Tintoretto stammt. Vor dem bogenschnitzenden Armor, welcher jetzt der berühmte von Parmigianino, welcher der von Joseph Heintz d. Ä. ist. Bei Tizians Kirschenmadonna hat man sogar drei Möglichkeiten zur Auswahl. Laut hauseigenem Kopistenbuch ist es übrigens das beliebteste Motiv des Museums, hunderte Kopien wurden bereits angefertigt.

Spektakuläre Großausstellungen zu Tizian, Parmigianino oder Rudolf II. sind vielleicht prestigeträchtiger, vor allem mit dem Blick aufs Ausland. Von kleinen, originellen, liebevollen, durchdachten Interventionen in den Schausammlungen profitiert der Einzelne unter Umständen mehr. „Bunte Götter“: bis 17. März, „Doppelgänger“: bis 14. Jänner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2012)

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