New York: Eine Party für Andy Warhol und seine Erben

26.12.2012 | 16:06 |  Von unserem Korrespondenten Thomas Vieregge (Die Presse)

Das Metropolitan Museum zeigt den Künstler und seine Einflüsse auf Zeitgenossen. Vier Songs der Velvet Underground orchestrieren das Finale der Andy-Warhol-Ausstellung „Regarding Warhol.

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Sphärische Klänge, durchsetzt mit einem treibenden Rhythmus, mal schleppend und mal schnell, erfüllen den Raum. Silberne Luftkissen schweben, ja, tanzen in der spielerischen Performance „Silver Clouds“ dazu in der Luft. Vier Songs der Velvet Underground orchestrieren das Finale der Andy-Warhol-Ausstellung „Regarding Warhol. Sixty Artists, Fifty Years“ im New Yorker Metropolitan Museum.

Wer könnte besser als diese Band, deren erstes Album der Pop-Art-Guru 1967 mit einer Banane auf dem Cover veredelte, die Hommage abschließen? Lou Reeds „All Tomorrow's Parties“ war so etwas wie ein Leitmotiv für den Partytiger Warhol, der mit seiner silbernen Perücke und seiner Entourage Stammgast war in der Nobeldisco „Studio 54“. Keine Party, die auf sich hielt, kam ohne Andy aus, den aus Pittsburgh zugewanderten Werbegrafiker und Auslagendesigner mit den ruthenischen Vorfahren, der sich als exzentrisches Gesamtkunstwerk und Faktotum inszenierte. Lou Reeds „I'll be your mirror“ oder „Waiting for the Man“ stehen programmatisch für den Narzissten mit der homosexuellen Neigung. Sein asexuelles Credo lautete allerdings: „Sex auf der Leinwand und auf Buchseiten ist aufregender als unter den Bettlaken.“

„Screen Test“ für Lou Reed und Nico


In einer früheren Phase, in den Sixties, hat der manische Filmer und Fotograf die beiden Protagonisten der Kultband in seinem Studio porträtiert: Reed starrt im Videoexperiment „Screen Test“ minutenlang unbewegt in die Kamera, als müsse er eine Wette in Coolness gewinnen. Währenddessen setzt die Sängerin Nico, das deutsche Exmodel, einen Kontrapunkt. Sie flirtet und kokettiert, dass es eine Art hat.

Die Schau stellt das Oeuvre Warhols in Verbindung mit dem seiner Zeitgenossen und Epigonen. Das Who's who der modernen Kunst gibt sich ein Stelldichein, fast so, als hätte Warhol sie zu einer Nachlassparty in den Flügel des Museums am Central Park geladen: Ed Ruscha, Nan Goldin, Cindy Sherman, Jean-Michael Basquiat, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Damien Hirst, Nam June Paik („Zen for TV“) reflektieren und entwickeln die Avantgarde Warhols weiter.

Die Ausstellung versammelt alles, was Warhol in den Pop-Art-Olymp befördert hat und untersucht seinen Einfluss auf die Nachwelt. Die Alltagsprodukte wie Campbell-Suppendosen, die seinen Ruhm begründeten, sowie die serienweise angefertigten Siebdrucke sozio-kultureller Ikonen der USA dürfen dabei nicht fehlen: Als Halbgötter personifizierten Marilyn Monroe, Elvis Presley, Marlon Brando, Elizabeth Taylor und Jackie Onassis für den von Prominenz wahrhaft besessenen Warhol den „American Dream“. Weder die Mona Lisa noch Mao waren vor ihm sicher. „30 sind besser als eine“, hieß sein Motto zur Multiplizierung der Mona Lisa, des berühmtesten Lächelns der Kunstgeschichte. Als Grenzgänger lotete Warhol die Kunst in all ihren Terrains aus – bis zu Werken, auf denen Urin Kupfer zersetzte.
Obgleich er die Konsum- und Medienwelt karikierte, charakterisierte er sich einst einmal so: „Kaufen ist amerikanischer als Denken. Und ich bin so amerikanisch, wie man nur sein kann.“ Sein Faible für Geld fand in dem Bild „Dollar Signs“ und dem Bekenntnis „Ich liebe es, Geld an die Wand zu hängen“ einen selbstironischen Anklang.
Warhol-Epigone Jeff Koons schuf eine Persiflage, in der er sich über den Persönlichkeitskult der 1980er-Jahre und sein Vorbild Warhol lustig machte: eine weiß-goldene Keramik Michael Jacksons, in der Mund, Nase und Augen einem ewigen Kindchenschema entsprechen, und in der Jacksons Spielgefährte, der Schimpanse Bubbles, auf seinem Schoß hockt und ihm gleicht. Julian Schnabel nimmt bei seinem Porträt der TV-Moderatorin Barbara Walters, zusammengesetzt aus einem Mosaik aus Tellern und Scherben, Anleihen beim Renaissance-Maler Arcimboldo. Hans Haacke stilisiert in einem Ölgemälde die britische Premierministerin Margaret Thatcher im türkisen Chiffonkleid und in Herrscherpose zur Queen Victoria. Und Maurizio Cattelan trieb das Ganze auf die Spitze: Er hängte das Supermodel Stephanie Seymour als Wachsfigur-Plastik wie eine Jagdtrophäe an die Wand – ein Auftragswerk für ihren Mann.

Am spannendsten sind vielleicht die politischen Bezüge in Warhols Frühzeit, als er die Todesstrafe, den Waffen- und Gewaltkult seines Landes thematisierte. Die Feministin Valerie Solanas hatte 1968 ein Attentat auf den Künstler verübt, und dies inspirierte ihn zur Serie „Death in America“ – heute so aktuell wie damals. Von der „Banalität zum Desaster“ nennt sich das Subkapitel der Warhol-Schau. Kelley Wacker bespritzte ein Foto von den Rassenunruhen mit Milch und Schokolade, Cady Noland perforierte den Körper des JFK-Attentäters Lee Harvey Oswald.

Eingangs knallbunt, am Ende düster


In „Helmsboro County“ kommentiert Haacke die Kontroverse um den Künstler Robert Mapplethorpe und dessen Aktfotos. Der republikanische Senator Jesse Helms, ein Hardliner aus dem Tabak-Anbaugebiet North Carolina, erzwang die Absage einer Ausstellung Mapplethorpes. Die Spendengelder des Marlboro-Konzerns flossen indessen dem Tabak-Lobbyisten Helms zu. Unter das Marlboro-Logo „Veni, Vidi, Vici“ rückte Haacke ein Foto des Jesse Helms. Eröffnete ein Selbstporträt Warhols in knallbunter Grüblerpose die Hommage, so schließt sie ein schwarz und grau gesprenkeltes Spiegelbild kurz vor seinem Tod 1987 ab.

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