„Jeder hat nur einen Tod, eine Auslöschung“

Interview. Der deutsche Künstler Olaf Nicolai gestaltet das Deserteur-Denkmal am Ballhausplatz, ein „X“ mit der Inschrift „all alone“. Mit der „Presse“ sprach er über Blau als Symbol des Individualismus und seine DDR-Erfahrungen.

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Olaf Nicolai – Wikimedia

Die Presse: Ein Denkmal ist nicht gerade die prickelndste Aufgabe für einen zeitgenössischen Künstler.

Olaf Nicolai: Absolut nicht.

Was hat Sie daran also gereizt?

Es ist der erste Wettbewerb für ein Denkmal, an dem ich teilnehme. Vor allem zu Denkmälern habe ich eine sehr distanzierte Haltung, weil sie bestimmte Perspektiven festschreiben und es doch darum gehen sollte, dass Geschichte keine monologische Struktur hat, sondern viele Stimmen existieren. Aber mich hat die Widmung interessiert, die ja eher ein Antidenkmal nahelegt. Deserteure verstehen sich in der Regel nicht als Leute, die am Heldenplatz gefeiert werden wollen.

Ihr blaues, abgetrepptes „X“ aus Beton, das wie ein Sockel auf dem Ballhausplatz liegen wird, wird ja ab 2014 auch eine Art Gegengewicht zum Soldatendenkmal auf dem Heldenplatz bilden.

Bis vor zwei Jahren wurden dort die in Büchern aufgelisteten Namen der Gefallenen jeden Tag umgeblättert. Die Namen der Deserteure aber sollte niemand kennen, sie sollten namentlich ausgelöscht werden. Für die Anonymisierung, die Auslöschung durch die NS-Justiz, steht das „X“. Man kann es auch christlich als Symbol des Leidens interpretieren, aber davon wurde ich nicht geleitet.

Sie wurden auch bei der Farbwahl nicht vom politischen Spektrum geleitet, sagen Sie. Dabei denkt man auf einem derart politischen Platz bei Blau doch schnell einmal an die FPÖ.

Ich sehe allein schon hier rund um uns sechs Leute in blauen Hemden sitzen... Wenn man jede Farbe auf ein politisches Parteienspektrum reduziert, kann man Farben gänzlich vergessen. Das ist kein politisches Statement. Es ging mir darum, einen skulpturalen Charakter zu erreichen, der sich abhebt von einer schlichten Betongeschichte, einem Minimalismus der 1960er-Jahre zum Beispiel. Ich wollte Zeitgenossenschaft, schließlich lebe ich im 21. Jahrhundert. Außerdem spielt Blau noch am ehesten eine Rolle bei dem Punkt, der mich am Thema besonders interessiert – der persönlichen Entscheidung. Wenn man sich auf das literarische Feld bezieht, spielt gerade da Blau eine besondere Rolle.

Sie meinen den Individualismus der Romantik, die blaue Blume zum Beispiel?

Zum Beispiel. Da ließe sich das zusammenführen. Blau ist die Farbe, mit der alles beginnt und endet, die Dämmerung, die „blue hour“. Das war für mich auch eine sehr emotionale Entscheidung.

Auch die Inschrift, die auf dem „X“ zu lesen sein wird – „all alone“ – ist eine sehr emotionale, die auch die abholt, die mit dem Thema nicht vertraut sind. Sie zitieren dabei den schottischen Schriftsteller Ian Hamilton Finlay. Aber auch die konkrete Poesie, die Schriftbilder der Wiener Gruppe.

Ja, „concrete poetry“, da liegt auch der Beton schon drinnen. Wussten Sie übrigens, dass H.C. Artmann Deserteur war?

Nein. Sie kennen die Wiener Gruppe gut, Sie haben über sie promoviert. Ungewöhnlich, auch, dass Sie in der DDR Germanistik studiert haben, nicht Kunst. War die Sprache eine Art künstlerisches Exil für Sie?

Nein, aber ich habe verstanden, dass mir das Kunststudium in Leipzig in konzeptioneller Hinsicht nichts hätte beibringen können, da bewegte man sich sehr im klassischen Bereich. Meine erste Auslandsreise ging nach Paris, um bei einem Reinhard-Priessnitz-Symposium zu reden. Österreich hat mich also in die weite Welt geführt. Österreicher denken oft provinzieller von sich, als sie sind.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo es über 30 Denkmäler für Deserteure gibt, gestalten Sie dafür unser erstes. Sie selbst waren aber kein Deserteur?

Nein, trotzdem hat das Interesse für das Thema natürlich mit meiner persönlichen Erfahrung zu tun. Ich möchte aber keine Analogisierung. Was man vergleichen kann, ist dieser Moment, wann du wie weit gehst, um für deine Überzeugung einzustehen.

Edward Snowden wäre ein aktuelles Beispiel dafür. Wird es für ihn einmal ein Denkmal geben?

Gibt es ja schon, die mediale Aufmerksamkeit, es ist doch eine unglaubliche Bewegung. Sein Name wird nie vergessen werden. Inwieweit die Leute in Zukunft die symbolische Figur noch mit der realen verbinden können, das wird die Frage sein. Bradley Manning zum Beispiel ist ein symbolischer Körper. Aber was mit ihm real passiert, interessiert niemanden, seine konkrete Person ist heute wie verschwunden aus dem öffentlichen Raum. Dieses konkrete „alone“ ist mir wichtig. Es betrifft nur einen selbst. Jeder hat nur einen Tod, eine Auslöschung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2013)

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