Kunsthistorisches Museum: Flora lässt sich in Wien blicken

Zwei Werke Arcimboldos wurden Ende des Dreißigjährigen Kriegs den Habsburgern in Prag geraubt – jetzt sind sie als Leihgabe in Wien zu sehen.

KHM WIEN: ´ARCIMBOLDO: WIEDERENTDECKT´
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KHM WIEN: ´ARCIMBOLDO: WIEDERENTDECKT´
KHM WIEN: ´ARCIMBOLDO: WIEDERENTDECKT´ – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Salat, Weintrauben und Blumen, aber auch Krebse, Pilze und Kanonen – einfach alles diente Giuseppe Arcimboldo dazu, seine gespenstischen Köpfe zusammenzusetzen. Am bekanntesten sind die vier Jahreszeiten, von denen zwei im Kunsthistorischen Museum Wien hängen: Der „Sommer“ trägt Getreideähren als Halskrause, im Winter sind die Lippen aus zwei Baumschwämmen und die Bartstoppeln aus Moos gebildet. Für diese „Kompositköpfe“ ist der in Mailand geborene Maler (1526–1593) berühmt. Besonders verwegen sind die Personifikationen von Wasser und Feuer, ebenfalls im KHM: Im einen kommen 82 Fische und Meerestiere zusammen, im anderen alles, was mit Feuer zu tun hat, von einer Zündschnur über brennende Holzscheite bis zu Feuerwaffen – ein grandioses Bild!

Das Spätwerk „Flora meretrix“ – zu Deutsch: die Dirne Flora – allerdings hängt nicht in Wien. Die Schweden hatten das Werk 1648 gestohlen. Jetzt ist es erstmals wieder zusammen mit dem weitaus züchtigeren Werk „Flora“ zur Sammlung Kaiser Rudolfs II. zurückgekommen – als Leihgabe. Restituiert wurden die Werke bis heute nicht.

Arcimboldo war Hofmaler von Kaiser Maximilian II. und vor allem von Rudolf II. Daher befinden sich auch die beiden Element-Werke seit der Entstehung um 1566 im Besitz der Habsburger bzw. des KHM. Das dritte, die „Erde“, wurde 1872 von Kaiser Franz Joseph dem Joanneum in Graz geschenkt, es gelangte 2008 in Wiener Privatbesitz. Auch das vierte, die „Luft“, verschwand aus der Öffentlichkeit, befindet sich heute in Schweizer Privatbesitz und war zuvor Teil einer schwedischen Sammlung – was als Hinweis gewertet wird, dass auch dieses Bild aus Prag stammt. Denn dort plünderten die Schweden im „Prager Kunstraub“ am Ende des Dreißigjährigen Krieges die Sammlung Kaiser Rudolfs II. Die schwedische Königin Christina (1626–1689) hatte ihren Vetter Pfalzgraf Karl X. Gustav zunächst gebeten, die Prager Kunstschätze für die schwedische Krone „zu reservieren“. Wenig später befahl sie demselben, die kostbarsten Stücke „in Verwahrung zu nehmen“ – darunter 760 Gemälde und 270 Statuen.

 

Zarte Blüten statt Holzscheite

So gelangten auch die beiden Spätwerke „Flora“ und „Flora meretrix“ (1589) nach Schweden. Arcimboldo war 1587 in seine Heimatstadt Mailand zurückgekehrt und hatte die Bilder dort nur vier Jahre vor seinem Tod gemalt. Beide sind in den Beutekunst-Inventaren von Christina von Schweden aufgelistet, gelangten nach deren Abdankung in schwedischen Privatbesitz und wurden zuletzt 1965 in London versteigert. Wer dort den Zuschlag erhielt, ist nicht bekannt. Erstaunlicherweise fügte aber der Kunsthistoriker Federico Zeri den Bildern einen Rahmen aus verschiedenen Steinen hinzu, ungenau datiert auf das Jahr 1970. Die Besitzer der Bilder jedoch verriet er nie.

Jetzt sind die Werke erstmals als Leihgabe in Wien im KHM ausgestellt. Das ist eine kleine Sensation, denn so kann man Arcimboldos Entwicklung bis zu seinem Spätwerk studieren. Anders als in den Kompositköpfen der 1560er-Jahre sind die Gesichter nicht brachial zusammengepuzzelt, sondern aus zarten Blüten gemalt – es wirkt wie eine Porzellanhaut mit feinen Rissen. Als Haar und um den Hals tragen die beiden Damen ein Meer aus Blüten. Intensive Naturstudien des Künstlers waren den Bildern vorausgegangen. Man hatte Arcimboldo auch den Leonardo der Habsburger genannt, aufgrund seines universellen Anspruchs an die Kunst.

Das Bildmotiv geht zurück auf die Nymphe Chloris, die laut Ovid vom Windgott Zephyr befruchtet und danach in Flora verwandelt wurde, wodurch die ganze Welt erblühte. Während die eine „Flora“ ganz züchtig in die Welt blickt, hat Arcimboldo seine „Flora meretrix“ höchst sinnlich-erotisch mit nackter Brust gemalt. Denn diese Dame ist keine Göttin, sondern eine Dirne (latein. meretrix, Dirne). Daher gesellen sich zu den zarten Blüten auch allerhand Insekten und Getier, die auf ihrem Gewand krabbeln, und in ihrem Haar sind die Fänge eines Oktopus zu erkennen.

www.Arcimboldo: Wiederentdeckt. Zwei Bilder zu Gast im Kunsthistorischen Museum Wien, 21.7. 2014–15.2. 2015

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2014)

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