Saul Leiter: Ein rätselhaftes Vermächtnis

Saul Leiter, US-Fotograf mit Wiener Wurzeln, hatte eine Obsession, jahrzehntelang bemalte er Aktfotos. Viele "painted nudes" sind nun zum ersten Mal zu sehen, in einem Buch.

Schließen
(c) sylph editions

Niemand weiß noch genau, wie viele es sind – über 500 „bemalte Nackte“ sind es auf jeden Fall, die man in Saul Leiters Wohnung fand, nachdem er 2013 wenige Tage vor seinem 90.Geburtstag gestorben war. Als sich der gefragte New Yorker Fotograf in den späten 1960er-Jahren aus der Modefotografie zurückzog, wurde es still um ihn. Jetzt weiß man, womit er zwei Jahrzehnte lang, bis in die Neunziger, intensiv beschäftigt war: Er bemalte weibliche Aktfotografien – Fotos, die er selbst gemacht hatte (und die zum Teil bis zu seinen Anfängen in den 1940er-Jahren zurückreichen), aber auch Fotos, die er eigens dafür anfertigte.

Eine für die Nachwelt überraschende und rätselhafte Obsession. „Ich wünschte, ich könnte Saul fragen, warum er so viele davon gemalt hat“, schreibt seine ehemalige Assistentin und Vertraute Margit Erb im Buch „Painted Nudes“, das zum ersten Mal Einblick in Leiters Welt der „bemalten Nackten“ gibt. „Und dann stelle ich mir vor, wie er antwortet: ,Immer warum, warum, warum! Fragt mich nicht nach dem Grund.‘“

 

„Angenehme Verwirrung“

Margit Erb leitet die nach dem Tod des Künstlers 2013 gegründete Saul-Leiter-Stiftung, die seinen Nachlass verwaltet. Leiter hat es ihr nicht leicht gemacht. Er war ein Chaot, lebte zurückgezogen in einem wild gewachsenen Wust an eigenen Bildern, Fotografien, nie entwickelten Negativen und sonstigen Dingen – wie einem ungeöffneten Brief vom MoMA, in dem man ihn einlud, an einer Ausstellung mitzuwirken; Leiter hatte ihn wohl aus Zerstreutheit nie aufgemacht. „Unordnung hat etwas Behagliches, das nicht jeder zu würdigen weiß“, sagte Leiter einmal. „Alles zu wissen ist nicht gut. Es kann sehr befriedigend sein, in einem Zustand angenehmer Verwirrung zu leben.“

Zu Hause bemalte er, was ihm unter die Finger kam, Buchumschläge, Schulhefte, Notizbücher, das wenigste davon drang in die Öffentlichkeit. Er lebte im wahrsten Sinn des Wortes in seiner Kunst – „als ob sie ein natürliches Nebenprodukt seines Lebens gewesen wäre“, erzählt Mona Gainer-Salim vom Verlag Sylph Editions, der das Buch „Painted Nudes“ herausgegeben hat.

Das ist nur ein Grund dafür, dass das Werk dieses halben Österreichers (seine Mutter stammt von hier) erst allmählich voll gewürdigt wird. Es gibt noch weitere. „Er war sehr bescheiden und nützte seine Chancen auf Ausstellungen kaum“, sagt Gainer-Salim. Der späte Ruhm kam mit dem 2006 erschienenen Buch „Early Color“ und überrumpelte ihn regelrecht. Außerdem habe er nicht in den Zeitgeist gepasst. In den 1950er-Jahren war Schwarz-Weiß in der Kunstfotografie en vogue, Leiter arbeitete trotzdem in Farbe. Das tat er abseits der Öffentlichkeit. Man kannte ihn zwar als Modefotografen für Magazine wie „Harper's Bazaar“ oder „Esquire“, doch seine eigene Farbkunst betrieb er abseits der Öffentlichkeit. Und noch einen Grund nennt Gainer-Salim für die späte Entdeckung dieses Künstlers: Seine Bilder malte er immer in kleinen Formaten, zu einer Zeit, in der große Tableaus beliebt waren.

Als der junge Saul Leiter in den 1940er-Jahren von seinem Geburtsort Philadelphia nach New York kam, wollte er noch Maler werden, erst dort kam er zur Fotografie. Auch wenn er sie als Brotberuf ausübte, war sie ihm hauptsächlich private, künstlerische Tätigkeit. Leiter schien auch in seinen Fotos stets zu malen. „Er hatte schon in seinen beruflichen Arbeiten einen ganz speziellen Stil“, sagt Gainer-Salim. „So setzte er etwa Farbe sehr gezielt und auffällig ein. Er bevorzugte zarte Farben, aber immer mit ein paar kräftigen, oft roten Akzenten dazwischen.“ Auch geometrische Formen spielen in seinen Bildern eine wichtige Rolle, werden zu markanten Farbfeldern – etwa wenn Leiter eine Frau mit grünem Mantel zeigt, vor der ein riesiges, von Arbeitern getragenes Paket das Bild quasi durchschneidet.

 

Wie im Fin de Siècle

Nur in den „painted nudes“ hat Leiter seine zwei künstlerischen Existenzen, die des Fotografen und die des Malers, direkt verbunden. Die Fotos, meint Gainer-Salim, hätten ihm dabei wohl eine Art Geometrie geliefert, eine „Landschaft aus Formen, die seine Pinselstriche leitete“. Leiter „bekleidete“ die Körper teilweise mit seiner Farbe – Gouache, Kaseinfarbe, Wasserfarbe –, doch in derselben Geste entkleidete er sie auch. Die Stimmung dieser Bilder erinnert Gainer-Salim an die Kunst des Wiener Fin de Siècle, aber auch an die Barockzeit. Der Westen, argumentiert sie zudem in einem Essay zum Buch, habe zur intensiven Farbe, wie sie Leiter für seine „painted nudes“ einsetzt, ein ähnliches Verhältnis gehabt wie zur Weiblichkeit. Beides sei als bedrohlich und kontrollbedürftig gesehen, mit entfesselter Natur und Chaos in Verbindung gebracht worden.

Kürzlich ist auch ein englischsprachiges Buch über Leiters Schwarz-Weiß-Fotografie erschienen („Early Black and White“, Steidl Verlag). Die bisher größte Leiter-Schau wurde 2012 in Hamburg gezeigt und kam anschließend ins Wiener Kunsthaus. Die nach seinem Tod gegründete Stiftung plant nun etliche weitere Ausstellungen. Dann werden hoffentlich auch in Wien bald wieder Bilder von ihm hängen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2015)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Saul Leiter: Ein rätselhaftes Vermächtnis

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen