Jeff Koons: "Ich habe nicht mehr als 2,7 Sekunden"

 Jeff Koons im Naturhistorischen Museum, wo sich das Foyer in der „Balloon Venus“ spiegelt: „Meine Kunst ist wie ein Chamäleon.“
Jeff Koons im Naturhistorischen Museum, wo sich das Foyer in der „Balloon Venus“ spiegelt: „Meine Kunst ist wie ein Chamäleon.“ / Bild: (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER) 

Der US-amerikanische Künstler Jeff Koons kam gemeinsam mit seiner der Venus von Willendorf nachempfundenen Skulptur nach Wien und erklärt, warum es seine „Balloon Venus“ auch als Verpackung für Champagner gibt.

 (Die Presse)

Die Presse: Keiner kann mit Sicherheit sagen, welchen Zweck die Venus von Willendorf erfüllte, warum sie geschaffen worden ist. Was denken Sie?

Jeff Koons: Es ist doch wundervoll, dass man sich nicht sicher sein kann. Es bleibt ein Mysterium. Aber wenn Sie mich fragen: Ich sehe sie gerne als Symbol der Fruchtbarkeit. Sie ist sehr sinnlich. Man spürt aber auch das Verlangen des Künstlers nach Metaphysik, wie er in einen Dialog über die Ewigkeit tritt und gleichzeitig wissen will, was im Inneren des Körpers passiert. Durch die Frau kann der Mann sich reproduzieren, so wird er unsterblich.

 

Im Naturhistorischen Museum sind alle froh, dass die orange Version Ihrer Balloon Venus nach Wien gekommen ist und nicht die in Pink, weil Orange viel besser mit dem Foyer harmoniert.

Meine Kunst ist wie ein Chamäleon: Die Werke spiegeln die Umgebung. Der „Balloon Dog“ etwa – wenn sie ihn in einen finsteren Raum stellen, bekommt er etwas Düsteres. Das Äußere und das Innere korrespondieren: Es gibt die Außenwelt, wir nehmen sie wahr, sie verändert uns – und dann geben wir der Außenwelt wieder etwas zurück.

 

Sie haben Ihre Venus verwendet, um daraus eine Verpackung für einen Champagner-Hersteller zu designen. Ich finde das irritierend. Man öffnet die Venus, und im Inneren findet sich – eine Flasche!

Ja, das hat etwas Phallisches. Das Männliche trifft auf das Weibliche. Wenn man meine „Balloon Venus“ genau betrachtet, können diese üppigen Brüste auch Hoden sein, und der riesige Bauch ein Penis. Das ist die Idee von Schönheit: die Gegensätze zu vereinen.

 

Aber die Champagnerflasche im Inneren der Venus wirkt brutal!

Es ist wie ein Rorschach-Test: Man kann alles Mögliche darin sehen. Aber es ging mir auch darum, Kunst zugänglich zu machen. Ich meine: An sich muss man Kunst nicht besitzen, es geht um Erfahrung. Aber es gibt eben Menschen, die freuen sich, wenn sie einen schönen Gegenstand auch ihr Eigen nennen können.

 

Meist nehmen Sie kleine Dinge, billige Dinge, und transformieren sie in etwas sehr Großes, Leuchtendes, sehr Teures.

So versuche ich, auf die Leute zuzugehen. Ich möchte nicht, dass sie eingeschüchtert werden. Die Erfahrung der Transzendenz muss jedem offenstehen, da darf es keine Hürden geben, und das schaffe ich, indem ich Dinge aus dem Alltag verwende. Und ich muss die Menschen schnell packen. Laut einer Studie nehmen sich die Menschen nur durchschnittlich 2,7 Sekunden Zeit, um ein Kunstwerk zu betrachten. Ich habe also nicht mehr als 2,7 Sekunden, um sie zu entwaffnen, um mit ihnen in einen Dialog über Akzeptanz zu treten.

 

Was meinen Sie mit Akzeptanz?

In der Welt der Kunst ist kein Platz für Urteile und Kritizismus. Sobald du beginnst zu urteilen, schwächst du dich selbst. Das ist auch im Alltag so: Urteile sind wie Torwächter, sie grenzen aus, sie machen schwach und ängstlich.

 

Aber im Alltag muss man urteilen. Ohne Urteile zu fällen, kann man keine Entscheidungen treffen.

Natürlich, und es kann sein, dass es für Sie jetzt richtig ist, nach rechts zu gehen und nicht nach links. Aber deswegen ist rechts nicht besser.

 

Sie haben schon als Kind gemalt. Wann kamen Sie zur Skulptur?

Ich habe mit drei Jahren begonnen, mit sieben Jahren habe ich Kurse besucht, wenig später verkaufte mein Vater schon mein erstes Werk. Bevor ich 21 war, habe ich keine einzige Skulptur geschaffen. Aber dann kam ich nach New York und hatte das Gefühl, mich von der Art und Weise, wie ich gearbeitet habe, distanzieren zu müssen. Das war mir zu subjektiv, meine Arbeiten hatten zu dem Zeitpunkt viel zu viel damit zu tun, was ich in der Nacht zuvor geträumt hatte.

 

Sie haben insgesamt acht Kinder. Was sagen die zu Ihrer Kunst?

Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass sie einen breiten Kunstbegriff bekommen, dass sie wissen: Kunst ist viel gewaltiger, viel größer als das, was ihre Mutter und ihr Vater machen. Bei uns zu Hause hängt nur ein einziges Werk von mir, und das ist ein Plakat für eine Ausstellung im Stedelijk-Museum. Wir waren mit ihnen oft in Museen – im Winter, wenn wir in der Nähe snowboarden, werden wir mit ihnen wieder das Kunsthistorische Museum besuchen. Zuerst mochten sie vor allem die Alten Meister: Rubens etwa, auf dessen Gemälden eine Menge passiert, bei dem ein Krokodil etwa mit einem Nilpferd kämpft.

 

Und die Zeitgenossen?

Wir reisen mit den Kindern immer zur Biennale nach Venedig, und ich erinnere mich noch gut an den Beitrag von Tino Sehgal: Da liefen als Wächter gekleidete Akteure durch den Raum und riefen immer wieder: „This is so contemporary, contemporary, contemporary! This is so contemporary, contemporary, contemporary!“ Es war verrückt! Die Kinder liebten es! Sie mochten das Abstrakte, das Verspielte, dass es keine Regeln gab. Ich denke, von diesem Moment an waren sie offen für alles.

 

Und keines Ihrer Kinder hat je zu Ihnen gesagt: Papa, was du machst, das ist Blödsinn?

Sie machen gern Witze, klar. Aber ich denke, sie sind stolz.

DIE „BALLOON VENUS“ IN WIEN

Das Naturhistorische Museum hat seine prähistorische Abteilung neu gestaltet und eröffnet – die Venus von Willendorf bekam dabei einen eigenen Raum. Zu diesem Anlass ist noch bis 13. März Jeff Koons' Skulptur aus poliertem Edelstahl im Foyer zu sehen. Seine Version der Venus ist über 2,5 Meter hoch, das Original aus dem Paläolithikum ist elf Zentimeter klein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2015)

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