Kunst nach Athen tragen

Erstmals in Athen beginnt nächste Woche die Documenta, die alle fünf Jahre stattfindende Bestandsaufnahme der Gegenwartskunst. In Kassel wird erst im Juni eröffnet.

nbauen gegen Hierarchien: Andreas Angelidakis’ variable Installation „Demos“ in Athen.
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nbauen gegen Hierarchien: Andreas Angelidakis’ variable Installation „Demos“ in Athen.
nbauen gegen Hierarchien: Andreas Angelidakis’ variable Installation „Demos“ in Athen. – (c) Stathis Mamalakis

Zwei Wochen vor Start des wichtigsten Kunstereignisses in Athen, seit der antike Bildhauer Phidias in den 430er- Jahren vor Christus im Parthenon seine Athena-Statue aufgestellt hat, in etwa, hat der Taxifahrer, der einen vom Flughafen ins Zentrum bringt, keine Ahnung: „Documenta? Was soll man dort kaufen können?“

Nix. Außerdem sind die Griechen eh in der Krise, sollen sie doch lieber Kunst schauen als shoppen. Das hat sich Documenta-14-Chefkurator Adam Szymczyk natürlich nicht dabei gedacht, als er beschloss, die gewichtigste Weltkunst-Ausstellung der Welt und überhaupt, die nur alle fünf Jahre in Kassel stattfindende Documenta, heuer parallel an zwei Orten stattfinden zu lassen. Zwar gab es immer wieder einmal derlei Dezentralisierungen bei dieser traditionsreichen Mega-Kunstschau, etwa bei der vorigen, die Projekte in Kabul und Kairo unterhielt – diesmal aber handelt es sich um zwei gleichberechtigte Orte, es wurden von der griechischen Fluglinie Aegean sogar eigens Flüge zwischen Kassel (Calden) und Athen angesetzt (Flugzeit: 2:35), damit die Besucher beide Ausstellungen sehen können.

Um Kassels historisch doch recht determinierte Vorrangstellung auszugleichen – immerhin finden diese 100 Tage Gegenwartskunst-Größenwahn hier seit 1955 statt – wurde Athen die Eröffnung zugesprochen: Kommenden Samstag, 8. April, wird gestartet, genau zwei Monate, bevor Kassel nachzieht (10. Juni). Die Kunstszene wird auf Trab gehalten, beginnend damit, dass Szymczyk die „Ausstellung“ in Athen an rund 50 Orten stattfinden lässt, einen regelrechten Parcours durch die Stadt, durch Museen wie das neue Moderne-Museum, Theater, Unis bis zur Meeresküste, inszeniert hat.

Vergebene Chance für Athen? Um die Athener einzuschwören, hat man bereits mit „34 Freiheitsübungen“ im Vorfeld begonnen, ein Programm mit Vorträgen und Performances im ehemaligen Gebäude der griechischen Militärdiktatur, wo etwa der Künstler Andreas Angelidakis monumentale graue Ruinen-Bausteine aus Plastik aufstapelte, mit denen man den Raum neu gestalten konnte – Hierarchien und Maßstäbe sollten so in Frage gestellt werden, um letztendlich „das Versagen der Demokratisierung unter dem Regime des Neoliberalismus besser verstehen zu können“, so der Documenta-Sprech. Kam mitunter nicht so gut an in Athen erst einmal, so seufzte etwa die liberal-konservative Tageszeitung „Kathimerini“ über eine vergebene Chance, Athen durch die Documenta abseits der Klischees zu positionieren: „Aber ach! – wenn jemand die Statements liest, wird er feststellen, dass die 14. Documenta auf kämpferischen Gedanken basiert, unerträglich restriktiv und einseitig bis hin zur Obsession.“

Zeitgenössische griechische Kunst, soviel ist jedenfalls sicher, hat im internationalen Kunstbetrieb noch nie derart viel Aufmerksamkeit bekommen, auch wenn die Szene eine rege ist, hat sie keine starke Lobby (wenig starke lokale und internationale Galerien, wenig Vernetzung). Das könnte sich zumindest kurzzeitig durch die Documenta ändern, wobei immer noch auf die ominöse Künstlerliste gewartet wird, die traditionell erst kurz vor der Eröffnung herausgegeben wird.

Ein bisschen aber weiß man schon, vor allem die spektakuläreren, die beiden Orte verbindenden Dinge: So baut die argentinische Künstlerin Marta Minujin auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel einen „Parthenon der Bücher“ aus 100.000 auf aller Welt einmal verbotenen Büchern. Buchspenden werden seit Monaten erbeten. Ein weiterer Link sind die vier Reiter, die am Tag nach der Eröffnung aus Athen losreiten werden – um 100 Tage und 3000 Kilometer später in Kassel anzukommen. Die Idee des schottischen Konzept-Künstlers Ross Birrell erlaubt viele Bezüge: Erstens wird eine Diagonale durch Europa gezogen, die auch eine Fluchtroute nachzeichnet. Außerdem kann man an die Reise des olympischen Feuers denken, wobei hier am Pferderücken das Motto der Documenta, „Von Athen lernen“, weitergegeben wird ins Zentrum Europas.

Man merkt schon: Performative Kunst wird eine starke Rolle spielen (griechische Tragödie!), Partizipation und Prozess sind weitere Schlagwörter, die auf die formale Ausrichtung der Kunst deuten, die uns erwarten wird. Aber auch Malerei, beruhigte Szymczyk in Interviews, lehne er nicht ab, im Gegenteil. Sehr wohl aber das Vorhersehbare. Mit großen Namen wird also nicht zu rechnen sein, was bei den jüngeren Documenta-Ausgaben aber sowieso selten im Mittelpunkt stand, ganz im Gegensatz zur allerersten, die gegründet wurde, um den Deutschen nach der NS-Zeit zu zeigen, was sie vertrieben und was sie international versäumt haben – von Marc Chagall bis Alexander Calder.

Trotzige Antwort auf Krise. Was aber haben wir konkret über Athen versäumt, was sollen wir lernen? Konkreten Antworten auf diese seine konkrete Ansage entzog sich Adam Szymczyk bisher elegant. Prinzipiell habe es einfach seinen Gerechtigkeitssinn gestört, dass man Griechenland immer so heruntergemacht habe, dass den Griechen ausgerichtet wurde, vom deutschen Minister Schäuble, sie sollen „ihre Hausaufgaben machen“. Die Documenta ist jetzt die fast trotzige Antwort darauf. „Der Süden als Geistesverfassung“ („South as a State of Mind“), wie das Magazin der Documenta 14 heißt, scheint zu einer Art Sehnsuchtsort umgedeutet, auf dem Weg dorthin gilt es Themen wie Unterdrückung, Flucht, Migration, Hunger, Minderheitenrechte via Kunst zu erforschen. Den Rest – inklusive des in der Kunstszene üblichen Neoliberalismus-Bashings – wird man sich beim peripatetischen Wandern durch 50 Ausstellungsorte selbst zusammenreimen müssen.

Steckbrief

Adam Szymczyk
ist Chefkurator, also künstlerischer Leiter der 14. Ausgabe der seit 1955 alle fünf Jahre stattfindenden Documenta. Er gilt als still, schwer zugänglich. Er wurde 1970 in Polen geboren, leitete die Kunsthalle Basel und co-kuratierte 2008 die Berlin Biennale.

„Lernen von Athen“
ist das Motto, das er seiner Documenta voranstellt, die erstmals gleichberechtigt an zwei Orten, Kassel und Athen, stattfindet. In Athen von 8. April bis zum 16. Juli 2017, in Kassel von 10. Juni bis zum 17. September 2017.

?EPA/Bally

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2017)

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