Kritik im Netz: „Laszive“ Bibel, „labernder“ Goethe

Dass jeder öffentlich über Bücher befinden kann, ist schön – und oft lustig. Freude, Frust, Jubel und Wut werden in Leserforen deponiert. Was Internetuser über Klassiker wie „Werther“ oder „Emma Bovary“ schreiben.

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Symbolbild – (c) Www BilderBox com (Www BilderBox com)

„Wenn er denn wenigstens weg wäre! Aber da isser doch, ständig überall immer nur ,Ich bin dann mal weg‘. Wenn es um eine Auszeit geht, Kerkeling, dann schreib halt nicht drüber!“ So könnte es klingen, wenn ein Leser im Netz seinen Lektüregefühlen zu Harpe Kerkelings Jakobsweg-Bestseller Ausdruck verleiht.

Könnte – das Zitat ist eine Erfindung. Es stammt aus dem jüngst erschienenen Buch „5 von 4 Kunden fanden diese Rezension sehr hilfreich“ (Rowohlt), einer sehr unterhaltsamen Satire auf die demokratisierte Literaturkritik im Internet.

Was früher in privaten Lesezirkeln abgehandelt worden ist, ist heute für jeden nachzulesen. Freude, Frust, Jubel und Wut werden auf Amazon und in anderen Leserforen deponiert – oder in Blogs, die Namen tragen wie „Lesefee“ oder „Bücherwurm“. Für die einen ist dieses Phänomen Ausdruck der Vielfalt, für die anderen der Untergang seriöser Literaturkritik.

Wenn die Wirklichkeit die Satire überholt

Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen.
Dass jeder, der gern Bücher liest, öffentlich seine Meinung darüber kundtun kann, ist ebenfalls schön, hat freilich auch seine lustige Seite. In „5 von 4 Kunden fanden diese Rezension sehr hilfreich“ haben die Autoren, vier deutsche Journalisten, nur selbst geschriebene, von „echten“ Rezensionen inspirierte Texte versammelt. Wer sich aber im Netz umsieht, merkt rasch, dass die „Wirklichkeit“ der Satire in diesem Fall mindestens ebenbürtig ist.

Und zwar gerade dann, wenn es sich um literarische „Klassiker“ handelt. Nicht wenige Verfasser sind offensichtlich Schüler, die sich lustvoll für Lektürequalen rächen, zumal manche Lehrer sogar Amazon-Kritiken als Aufgaben vergeben.

Was liest man da etwa über Goethes „Werther“? „Hätte sich dieser Lappen nur gleich erschossen, als er angefangen hat, rumzuheulen, wäre mir einiges erspart geblieben. Hemingway hätte den gesamten Inhalt auf einer Seite besser rüberbringen können.“ Oder: „Dieses Buch ist selbst unter dem niedrigen Niveau Goethes. Außerdem besitzt Werther keinerlei Tiefgang, und somit fehlt dem Leser jegliche Identifikationsmöglichkeit, außer er besitzt einen ähnlich miserablen Charakter.“

Goethe „labert“

Kurz fällt das Urteil eines anderen Lesers über Goethe aus: „Er labert.“ Natürlich wird auch jeder Bibelkäufer von Amazon dazu eingeladen, eine Rezension zu schreiben. „Mrs Betty Bowers“ erklärt sich enttäuscht: „Ich weigere mich, die kostbaren Seelen meiner christlichen Kinder mit lasziven Geschichten von Töchtern zu vergiften, die ihren Vater betrunken machen und dann Sex mit ihm haben (Genesis 19:30–38) – oder von Huren, die nach eselsgroßen Penissen gieren (Ezechiel 23:20).“

„Nicht zwingend im Buchregal stehen“ muss Flauberts Roman „Emma Bovary“ für eine weibliche Userin – über derlei Affären könne man doch heute täglich in der Regenbogenpresse lesen. Ein anderer Kunde erklärt, warum er Samuel Becketts „Warten auf Godot“ nicht zu Ende gelesen hat: weil ihm „schon bald klar wurde, dass es eben darum geht: Es gibt kein Ende.“

Unfreiwillige Komik, gewollter Spott? Das ist oft schwer zu unterscheiden. Ebenso wie die Grenze zwischen Dummheit und Wahrheit – etwa, wenn es um die Antiquiertheit gewisser ewiger „Schullektüren“ geht.

Und haben nicht selbst die größten Thomas-Mann-Fans schon einmal kurz gefühlt wie die ernsthaft bemühte Leserin, die nach einer seitenlangen Möbelbeschreibung meint: „Der Leser kann sich natürlich so ein genaues Bild von der Umgebung machen, aber man fragt sich doch, ob das sein muss.“

Netz-Zitate

„Wahlverwandtschaften“
„Ja, also, ich bin relativ unwissend in die Story reingegangen, wusste nicht, was die Handlung ist, und erst recht wusste ich nicht den Ausgang. Gleich die ersten Seiten ließen einen bereits erahnen, dass beziehungstechnisch einiges los sein wird. Leider hab ich das Buch an diesem Punkt nicht beiseite gelegt. Und so kommt es nicht nur am Schluss zum Schlimmsten, sondern sogar zu Katastrophen. Ich frage mich, wieso Goethe nichts Besseres einfallen konnte, um seine Message (die sowieso unklar bleibt) rüberzubringen. Ich bin jedenfalls von Goethe bedient.“

„Faust I“
„Ich bin kein Goethe-Fan und lese sonst auch eher Krimis, aber der Tragödie erster Teil kann man sich durchaus mal gönnen.“
„Der Plot ist aus heutiger Sicht mittelmäßig; Fausts Midlife-Crisis könnte aus jeder drittklassigen Soap-Opera stammen. Die Mär vom Teufel und der Seele ist für Leser, die weder an das eine noch an das andere glauben, im besten Fall ermüdend. Die textliche Umsetzung des Werkes ist mehr als bescheiden.“

„Die Bibel“ „Man kann das Buch unter sein Billy-Regal legen, wenn man eins hat und der Boden uneben ist. Okay, der Boden muss schon sehr uneben sein, um durch das komplette Buch ausgeglichen zu werden.“

„Romeo und Julia“
„Ich habe dieses Buch gekauft, weil ich dachte, es wäre normal zum Lesen, doch es ist ein Theaterstück und auch so gegliedert.“

„Warten auf Godot“
„Mir hat ,Warten auf Godot‘ weder im positiven noch im negativen Sinne etwas gegeben; nach der Lektüre wusste ich genauso viel über das Stück wie vorher: dass es um zwei Männer geht, die auf jemanden bzw. etwas namens Godot warten.“

„Die Buddenbrooks“
„Nachher war man froh, wenn sich zwei Brüder über dem Totenbett ihrer Mutter um Geschirr gestritten haben, weil das so ziemlich die einzigen Spannungshöhepunkte waren.“

„Hamlet
„Natürlich wird Willy als der beste Schreiber aller Zeiten bejubelt, aber das kommt nur daher, dass britische Medien den Mann hypen, nach 400 Jahren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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