„Inferno“: Die Todsünde des Dan Brown

Der jüngste Roman, „Inferno“, verknüpft Dantes „Göttliche Komödie“ und genetischen Terrorismus“. Über die Herstellung von „Bestsellern“ und den verschleierten Untergang eines Autors.

Todsuende Brown
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Todsuende Brown
Todsuende Brown – (c) EPA (OLE SPATA)

Langdon erwachte nur langsam, als käme er aus tiefer Schwärze hinauf ans Licht...“ So begegnete man dem Helden am Anfang des Romans „Sakrileg“. Zehn Jahre ist das nun her, aber manche Dinge in der Welt ändern sich nie. Dan Brown gehört offenbar ebenso dazu wie der von ihm kreierte Professor für Symbologie, Robert Langdon, mit seiner Mickey-Mouse-Uhr, seiner Klaustrophobie und allem, was ihm zustößt. Und so glaubt man sich auf den ersten Seiten von Dan Browns neuem Roman, „Inferno“, in einer Zeitschleife zu befinden, wenn der Held schon wieder „langsam erwacht“: „Die Erinnerungen kehrten nur langsam zurück ... wie Blasen, die aus den Tiefen eines bodenlosen Brunnens an die Oberfläche steigen.“

Aber es wäre ungerecht, nicht auch die Unterschiede zu erwähnen. Diesmal befindet sich Robert Langdon in einer anderen berühmten Hauptstadt Europas, nicht Paris, sondern Florenz. Zwar jagt er auch mit einer zugleich hübschen und hochintelligenten Partnerin durch kunsthistorische Touristenattraktionen, aber die heißen diesmal nicht Louvre oder Saint-Sulpice, sondern Uffizien, Grotta Grande oder Palazzio Vecchio. Und das berühmte Kunstwerk, das die Hinweise in dieser Schnitzeljagd liefert, ist nicht wie im „Sakrileg“ Leonardo da Vincis Mona Lisa oder seine Proportionsstudie nach Vitruv, sondern „Inferno“, der erste Teil von Dantes „Divina Commedia“, beziehungsweise eine berühmte Illustration dazu: Sandro Botticellis „La Mappa dell'Inferno“, die Dantes Unterwelt als trichterförmige Abfolge von abwärts führenden Terrassen zeigt.

 

Zur Hölle mit Eugenik-Verweigerern

Außer dass Dante als Stichwortgeber fungiert, hat er freilich mit dem Roman nichts zu tun. Dan Brown sieht das vermutlich anders, er hat dem Buch ein Motto vorangestellt, das Dantes „Inferno“ offenbar neu deuten soll: „Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.“ Worauf sich das bezieht, wird erst am Ende klar: Robert Langdon kämpft zwar gegen einen Biochemiker, der die Welt und die Menschen von der Überbevölkerung „erlösen“ will, aber die eigentlich Bösen, vermittelt der Schluss, sind andere. Es sind all jene, die in Zeiten lebensgefährlicher Menschheitskrisen untätig bleiben, statt mithilfe der neuen Gentechnologien „an ihrer eigenen Evolution mitzuarbeiten“, um „Menschen zu schaffen, die gesünder, stärker und widerstandsfähiger sind und bessere Gehirne besitzen“.

So weit die übergreifende Botschaft des neuen Dan Brown. Trotzdem zerfällt einem „Inferno“ beim Lesen unter den Augen wie das Plagiat eines Künstlers, der glaubt, er könnte ein Meisterwerk produzieren, wenn er fast die gleichen Noten, Farben oder Wörter verwendet wie ein anderes Meisterwerk. Nicht, dass „Sakrileg“ eines gewesen wäre, aber es hatte verkaufstechnisch über alle Maßen gut funktioniert, anders als davor „Diabolus“, „Meteor“ und „Illuminati“. Die Vermischung von historischen Fakten und Mythen, die Pseudobildungsbrocken mit „Aha“-Effekt für Ignoranten, die ständige Aura des historisch Geheimnisvollen, Verheimlichten waren vorher auch schon da. Doch auch eine sehr gute Sauce unterscheidet sich von einer mittelmäßigen oft nur durch eine Messerspitze Gewürz. Beim „Sakrileg“ war das die Mär vom unterdrückten Wissen über die weibliche Seite des Christentums, Maria Magdalena als Frau Jesu und das Überleben ihrer Nachkommenschaft. Dass „Sakrileg“ eine Startauflage von 230.000 Exemplaren erlebte, verdankte sich dem Interesse der Buchhändler vorab, sie wussten, diese Mischung konnte zünden.

 

Ein erschreckend ängstlicher Autor

Ein zweites Mal tat sie es nicht, schon „The Lost Symbol“ („Das verlorene Symbol“) mit Freimaurer-Thematik erntete 2009 verhaltenere Reaktionen. „Inferno“ lässt keinen Zweifel mehr daran, dass Dan Brown ohne „Sakrileg“ geblieben wäre, was er davor war: ein mittelmäßiger Thriller-Autor mit treuer, kleiner Fangemeinde; ein erschreckend ängstlicher Autor, der sich bis zur grotesken Selbstparodie selbst imitiert. – Dabei türmt er Cliffhanger auf Cliffhanger, um Spannung zu erzeugen, überbietet sich im Einsatz der Dreipunkttechnik – eine seiner Methoden, um einen ungelenk abgehackten Stil als „atemlos“ zu kaschieren. „Ich haste entlang am Ufer des Flusses Arno, atemlos...“, „ich finde keinen direkten Weg zur Erlösung...“.

Auch sonst ähnelt seine Technik sehr der von Zeitungen, die jede Bezirkswahl mithilfe des Wortes „Krimi“ spannend zu machen versuchen.

Noch ist Dan Brown ein Selbstläufer, noch fallen die Leser auf den Buchmarkt herein, der sie mit Vorbestellungen lockt. So kann „Inferno“ zum Bestseller werden, bevor die große Enttäuschung eintritt. Aber irgendwann wird die Aura verblassen und Dan Brown untergehen. Der Autor hat nämlich den laut „Inferno“ größten menschlichen Fehler begangen: Er hat es versäumt, seine eigene Evolution voranzutreiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2013)

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