Kunsthaus Wien: Die Blicke der Linda McCartney

05.06.2013 | 18:22 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Eine reiche Ausstellung zeigt die Frau Paul McCartneys als vielseitige und doch charakteristische Fotokünstlerin, die ein besonderes Gespür für Augen hatte.

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I'm the cook of the house“, sang Linda McCartney 1976, und so haben sie viele in Erinnerung behalten, die damals die Wings hörten und gern die Beatles gehört hätten: als Ehefrau Paul McCartneys, als eher ungeschickte Keyboarderin bei dessen zweiter Band Wings, später als Tierschützerin.

Sie war all das, aber sie war auch eine große, ihres Mediums zutiefst bewusste Fotografin, nicht nur in den Sixties, sondern ihr Leben lang. Das zeigt die klug aufgebaute Ausstellung im Kunsthaus Wien.

Sie beginnt natürlich in den goldenen Sechzigerjahren, wie die Popkultur, der ihre erste Faszination galt. Ein perfekt arroganter Mick Jagger, die Unterlippe verächtlich geschürzt; ein scheuer Pete Townshend; Simon & Garfunkel in sängerischer Innigkeit; ein Jim Morrison, der verlegen und müde wirkt, als würde er die Geister, die er gerufen hat, gern wieder los; Zappa, Hendrix, Joplin, Nico. Bilder, die wir heute hilflos als „ikonisch“ bezeichnen, weil wir nicht fassen, wie verdammt jung, wie anders sie aussehen. Eine Straßenaufnahme von den Yardbirds fasst diesen Geist: Die Musiker lehnen vor einem „Baghdad House“ herum und schauen verkommen in die Vorstadt, während eine alte Lady in Weiß vorüberzieht, die auf ihre Weise genauso verächtlich dreinsieht...

Blicke. Wenn etwas das technisch und ästhetisch vielseitige Werk McCartneys besonders auszeichnet, dann ist das ihr Umgang mit Blicken. Mit Augen, die sich ineinander und in Glas spiegeln. „My Love“ heißt ein Foto von 1978: Die Augen ihres Mannes schauen in den Rückspiegel und zugleich aus ihm heraus. In einer Art Triptychon sieht man links Yoko Ono, von der nur ein Auge scharf ist, in der Mitte John und Yoko, rechts Paul: Wer will, kann die Legende vom Ende der Beatles aus dieser Ballung von Blicken lesen. Auch in den Familienfotos, die fast nie Schnappschüsse sind, sondern Kompositionen, denen die Linien zwischen den Objekten, den Subjekten und den Augen eine zweite Struktur verleihen, spielen Blicke und Blickinstrumente eine große Rolle: Wunderbar ist etwa ein Porträt ihrer Tochter Mary, auf das der Schatten der fotografierenden Mutter fällt. Oder ein Selbstporträt durch ein zerbrochenes Fenster – in Blau: McCartney experimentierte mit Cyanotypie genauso wie mit Platin- und Sonnendruck.

Und immer wieder die Blicke. Als Linda McCartney in den Achtzigern anfing, „fremde“ Menschen zu fotografieren, oft in Anlehnung an Motive der sozialkritischen Fotokunst, machte sie aus der Not des Stars, der nicht erkannt und umdrängt werden will, eine Tugend: Sie schoss aus dem Auto heraus. Natürlich bemerkten einige ihrer Objekte sie dennoch, so entstand oft ein Spiel des Sehens und Gesehenwerdens, des Erkennens und Erkanntwerdens.

Aus ihrer späten Zeit beeindrucken auch augenlose Bilder, die ihr Engagement für Tiere spiegeln. Ein wüster Haufen von Herzen etwa, „English Lambs Hearts“ und „99 p“ steht auf dem Schild. Nur ein, zwei Pferdefotos sind am Rand des Kitsches, das liegt wohl am (heute) verbrauchten Sujet. Doch dann wieder Menschenaugen: Paul McCartneys Augen im Jahr 1997, umrunzelt, sichtlich gealtert. Man meint, Liebe und Treue im fotografischen Blick zu sehen. Rührung.

Linda McCartney: Retrospektive der Chronistin der Sixties

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Linda McCartney

Geboren 1941 in New York als Linda Eastman, studierte Kunstgeschichte. 1966 profilierte sie sich mit Fotos der Rolling Stones auf Bootsfahrt, 1969 heiratete sie Paul McCartney, mit dem sie bei den Wings spielte (ab 1971), drei Kinder hatte und für Tierrechte kämpfte. 1998 starb sie an Brustkrebs.
Das Kunsthaus Wien
zeigt bis 6.Oktober etwa 200 ihrer Fotografien. [Paul McCartney]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2013)

 
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