Bachmann-Preis: "Keine Literatur - ein Verbrechen!"

Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb hat die Grausamkeiten heutiger TV-Showprozesse vorweggenommen. 2013 könnte sein letztes Jahr sein. Soll man der Castingshow zu Klagenfurt wirklich nachweinen?

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(c) APA (Gert Eggenberger)

"Eine Stimme zum Niederknien. Aber nur damit man sich nicht auf die Füße kotzt.“ So etwas hätte Marcel Reich-Ranicki zu einem Bewerber nie gesagt. Viel zu primitiv. Nur ein Dieter Bohlen sagt so etwas zu einem Casting-Kandidaten, oder auch diesen Spruch: „Das Problem bei mir ist immer – sollst du helfen oder notschlachten?“

Abgesehen von seinem Verhältnis zur deutschen Sprache ist der jetzige Juror von „Deutschland sucht den Superstar“ aber durchaus vergleichbar mit dem ersten Chefjuror von „Klagenfurt sucht den Superstar“. Dieselbe Selbstgerechtigkeit und Schicksalsspielerei, dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber Gefühlen der von ihm Vernichteten und die Überzeugung, dass es nur einen einzigen Superstar gebe: den Richter und Henker selbst.

Das erste Opfer. „Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen“: Mit diesen Worten vernichtete er im ersten Jahr des Wettbewerbs die 30-jährige Deutsche Karin Struck. Die derart erniedrigte Autorin verließ weinend den Saal und ward nie mehr gesehen – zumindest nicht mehr in Klagenfurt. Das war 1977, ein Vierteljahrhundert vor „Starmania“.

36 Jahre später, kurz vor Beginn der diesjährigen „Tage der deutschsprachigen Literatur“ am 3. Juli, hat ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz verkündet, dass der ORF 2014 die Ausstrahlung nicht mehr finanzieren will. Das seitdem nicht abebbende Lamento klingt zum Teil, als wäre das österreichische Medienwesen von der Überflutung durch „griechische Verhältnisse“, wie Daniela Strigl sagte, nur noch durch einen Kärntner Damm getrennt, auf dem groß steht: „Tage der deutschsprachigen Literatur“. Für viele scheinen diese zum Symbol und zur letzten Bastion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geworden zu sein.

Eine visionäre Castingshow.
Dabei war dieses angebliche Musterbeispiel kultureller Verantwortung und intellektuelle Vorzeigeformat die pure Provokation, bevor Ende der 1980er-Jahre etwas mildere Gesetze einkehrten. Es war die erste Castingshow im Fernsehen, als noch niemand von Castingshows sprach. Nie war das Bachmann-Wettlesen so modern, ja visionär wie in seinen Anfängen, als es grundlegende Grausamkeiten heutiger Showprozesse vorwegnahm: die öffentliche Bloßstellung der Kandidaten, deren Gesichter den Zuschauern präsentiert werden, während sie die Kritik demütig über sich ergehen lassen müssen. Von „Delinquenten“, die sich „um Kopf und Kragen schreiben“ und sich „in geduckter Pose“ demütig „mit Etiketten und Wortfetzen behängen lassen wie Vogelscheuchen“, schrieb noch 1988 der große Grazer Kulturjournalist Werner Krause in der „Kleinen Zeitung“ über Reich-Ranickis alias „Doktor Guillotins Richtmaschine“. Zwar wurde erst seit 1989 in voller Länge und live übertragen, aber die „Höhepunkte“ bekam das Fernsehpublikum auch vorher zu sehen.

„Man kann über den Geruch einer Rose schreiben, wenn man es kann. Man kann über die Liebe schreiben, wenn man es kann. Sie können es nicht.“ So in der Art richtete Reich-Ranicki seine „Delinquenten“. Dass diese sich wenigstens verteidigen durften, schloss er von vornherein aus. Die Autoren müssten die Jurydiskussion schweigend anhören und dürften nichts darauf erwidern, lautete eine Bedingung für seine Teilnahme. Es erscheine ihm „geradezu unmoralisch, dass die Autoren sich in der Diskussion äußern dürfen, (...) weil mir die Verteidigungsrede eines Autors geradezu geschmacklos vorkommt.“

Ins Gesicht gesagt. Dass Kritiker Autoren verbal vernichteten, war damals natürlich nichts Neues. Dass ihnen dabei alle so ins Gesicht schauen durften, war dagegen neu und ein Meilenstein der medialen Beschämungskultur. Nicht umsonst kreisen viele Beschreibungen der Scham um das Wort „Gesicht“. Wer anderen etwas „ins Gesicht sagt“, macht es ihm oder ihr besonders schwer, „das Gesicht zu wahren“.

Je nach Empathie, weiß die Neurologie, produziert ein solcher Anblick beim Zuseher ähnliche Gefühle wie wenn er einem anderen beim Erleiden körperlicher Schmerzen zusieht; dasselbe Hirnareal wird aktiviert. Damals hatte man noch kein schönes deutsches Wort für dieses „vicarious embarrassement“, wie es im Englischen seit den 1980er-Jahren genannt wurde. Erst in den vergangenen Jahren kam der Begriff „Fremdschämen“ auf. Er wurde 2009 zum „Wort des Jahres“ gekürt und fand seinen Weg in den Duden. Sein Erfolg steht in direktem Zusammenhang mit dem Erfolg der TV-Shows, in denen Menschen sich bloßstellen oder bloßgestellt wurden.

Auch die einstigen Reaktionsmuster von Empörung beziehungsweise Verteidigung des Wettlesens ähneln jenen hinsichtlich heutiger Showprozesse. Besonders heftige Sprüche über den Bachmann-Preis finden sich in den Stellungnahmen, die das Grazer Forum Stadtpark 1991 gegen den Bachmann-Wettbewerb einsammelte. „Eine der niederträchtigsten Vokabeln in der Literaturbranche“, urteilte Franz Schuh, Elfriede Jelinek sagte in Abwandlung eines Bachmann-Satzes „es ist Mord“, Erich Hackl meinte, „es wird halt die Sadomasoszene sein, die sich in Klagenfurt versammelt“, und Wolfgang Siegmund schrieb, es gebe „Dinge im Leben eines Dichters, die man nicht tut: Bei der Nassrasur die ,Zeit‘ lesen, im Juni nach Klagenfurt fahren ...“

Dabei urteilten viele bereits anerkannte Schriftsteller auch abfällig über die Teilnehmer nach dem noch heute beliebten Motto: „Ja, wer hat's ihm denn g'schafft?“ Typisch dafür ist das Verdikt der Lyrikerin Elfriede Gerstl: „Wer sich für diese öffentliche Beleidigung in Form von Lob oder Strafe zur Verfügung stellt, ist selber schuld und verdient kein Bedauern.“ Die Schuld an einem unmoralischen Angebot liegt demnach bei dem, der es annimmt.

Man kann aber auch auf subtile Nötigung plädieren. Wie bei den heutigen Shows lockte viel Geld – mit 100.000 Schilling war der Bachmann-Preis einer der bestdotierten in der Literaturbranche, so hoch dotiert wie in Österreich sonst nur der Staatspreis für ein literarisches Lebenswerk. Und da die halbe Literaturwelt mitmachte, wurde es offenbar für viele Autoren zu einer Art literarischem Zahnarztbesuch, den man irgendwann einfach hinter sich bringen musste. „Es ist eine ganz schwerwiegende Entscheidung teilzunehmen“, sagte etwa Elisabeth Reichart 1988. „Aber ich wäre mir sehr feig vorgekommen, wenn ich die Einladung nicht angenommen hätte.“ Ähnlich unfreiwillig-freiwillig die Teilnahme der in Wien lebenden Autorin Linda Stift 2009. „Ich wusste immer, dass ich da einmal hin muss und das erleben, und im Nachhinein war ich froh, dass ich es hinter mir hatte“, erzählt sie der „Presse“. Sie erlebte dort die „totale Vernichtung“ durch die Juroren. „So arg habe ich es mir dann doch nicht vorgestellt. Ich wollte nur noch raus.“ Danach konnte sie monatelang nichts schreiben. Im Internet, auch auf der offiziellen Website des Bachmann-Preises, kann sich auch Jahre danach noch jeder, der will, diese Szene auf Video ansehen, ebenso wie viele andere Autoren-Demütigungen. Mit welchem Recht außer dem juristischen?

Aufstand der Autoren. Nicht alle gerierten sich freilich als Literaturlämmer, viele haben die Spielregeln missachtet oder umgekehrt. Etwa Hans Christoph Buch, später selbst Juror, der 1980 las und dann der Jury mitteilte: „Es ist etwas faul an den Spielregeln, die die Autoren zu subalternen Wesen machen. Darum ziehe ich meinen Text zurück.“ Oder Leopold Federmair, der während der Diskussion Fotos von der Jury machte. Oder der Autor und Musiker Peter Licht, der dem Publikum nur seinen Hinterkopf darbot. Und natürlich Rainald Goetz, der bei den Sätzen „Ihr könnt's mein Hirn haben. Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch“ zur Rasierklinge griff und sich in die Stirn schnitt, dass das Blut nur so spritzte.

Im Lauf der Zeit wurde die Jury menschlicher, sodass die „FAZ“ schon 1991 dekretierte, Klagenfurt sei erledigt: „Nicht einmal zu Skandalen reicht noch die Kraft. Keine Autorin läuft mehr heulend aus der Versammlung, keiner schneidet sich mit einem Rasiermesser in die Stirn.“ Erstaunlich lang hat die Gratwanderung zwischen Literatur und Quote irgendwie funktioniert, irgendwann musste ja der Absturz kommen. In welche Richtung ist klar. Ein Wodka-Produzent bietet sich als Sponsor an, und es gibt Pläne, aus den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ eine hippe, richtig moderne Castingshow zu machen. Das ist nicht Blasphemie, sondern nur folgerichtig. Das Wettlesen kehrt zu seinen Anfängen zurück.

lexikon

Vom „Wettbewerb“ zu den „Tagen“
Wegen Haiders Politik verboten die Bachmann-Erben den Namen „Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb“, seit 2000 heißt der Bewerb „Tage der deutschsprachigen Literatur“.

Immer mehr Fernsehen
Anfangs wurden Ausschnitte, seit 1989 alles live auf 3sat übertragen.

Berühmte Juroren
Die erste Jury hatte große Namen – neben Reich-Ranicki auch Friedrich Torberg, Hans Weigel, Gertrud Fussenegger, Manès Sperber.

Berühmte Wettleser
Die Mittelmäßigkeit der Texte wurde oft beklagt, insgesamt liest sich die Teilnehmerliste aber fast wie ein Who is Who deutschsprachiger Autoren: Gert Jonke (erster Preisträger), Wolfgang Hilbig, Ulrich Plenzdorf, Uwe Tellkamp, W. G. Sebald, Martin Mosebach, Michael Köhlmeier, Arno Geiger, Josef Winkler, Franzobel, Kathrin Röggla, Feridun Zaimoglu etc.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2013)

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