"Was haben Moslems seit dem Mittelalter geleistet?"

Richard Dawkins, Autor des Buches "Der Gotteswahn", hat abermals den Islam heftig kritisiert. Eine simple Tatsache festzustellen sei nicht religiöse Intoleranz („bigotry“).

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Richard Dawkins – (c) EPA (KAI FOERSTERLING)

"Die Moslems der ganzen Welt haben weniger Nobelpreise als das Trinity College in Cambridge. Im Mittelalter haben sie freilich Großes geleistet.“ Das schrieb Richard Dawkins, Biologe, Erfolgsautor, begeisterter Darwinist und streitbarer Atheist, am Donnerstag auf Twitter. Auf die Bemerkung eines anderen Twitter-Users, dass Moslems für Alchimie und Algebra verantwortlich seien, legte er nach: „In der Tat, wo wären wir ohne Alchimie? Errungenschaften im Dark Age, gewiss. Aber seit damals?“ Eine simple Tatsache festzustellen sei nicht religiöse Intoleranz („bigotry“).

Dawkins' Tweet ist sachlich richtig – zehn Moslems und 32 Absolventen des Trinity College haben einen Nobelpreis –, löste aber einige Erregung aus. So schrieb Caitlin Moran, Kolumnistin der „Times“, eine Metapher aus der Computerwelt verwendend, es sei an der Zeit, dass jemand Dawkins ab- und wieder aufdrehe: „Something's gone weird.“ Faisal Islam, Wirtschaftsredakteur von „Channel 4 News“, hielt Dawkins vor, dass er den (erst 1968 begründeten) Nobelpreis für Wirtschaft einbeziehe. Und in den letzten beiden Jahrzehnten stehe es „8:4 gegen Trinity“, das sage er als muslimischer Absolvent des Trinity College. Im „Guardian“ schrieb Nesrine Malik, ebenfalls muslimischen Glaubens, Dawkins' Tweets seien „so rational wie die Hasstiraden eines extremistischen muslimischen Geistlichen“. Die Ungleichverteilung der Nobelpreise liege an der „sozioökonomischen Entwicklung des Nordens“, meint Malik. Ob diese nicht auch einen Grund in der Blüte der – nicht von Klerikern kontrollierten – Wissenschaft haben könnte, das fragt sie nicht.

„Problematischer als das Christentum“

Es ist nicht das erste Mal, dass Dawkins harte Worte für den Islam findet. So nannte er diesen kürzlich „eines der größten Übel in dieser Welt“. Der Islam sei problematischer als das Christentum, weil er heute engstirniger sei als dieses, weil in ihm noch immer der Glaube vorherrsche, dass jedes Wort im Koran wörtlich wahr sei. Ebenfalls im April 2013 meinte er, Mehdi Hasan von der „Huffington Post“ sei kein seriöser Journalist. Hasan hatte seine Überzeugung kundgetan, Mohammed sei auf einem geflügelten Pferd in den Himmel geritten.

Dass Dawkins alle Religionen – und vor allem die monotheistischen – für Übel hält, führte er in seinem 2006 erschienenen Buch „The God Delusion“ (auf Deutsch: „Der Gotteswahn“) in aller Breite aus. Ein Kapitel in diesem Buch heißt „Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt“. Etwas schwächer formulierte es die von ihm unterstützte „Atheist Bus Campaign“ im Oktober 2008: „There's probably no god.“

Im „Gotteswahn“ findet sich auch eine geradezu poetische Gegenüberstellung zwischen islamischem und wissenschaftlichem Weltbild. Dawkins verwendet den Sehschlitz der Burka – „ein Symbol empörender männlicher Grausamkeit und tragisch-ängstlicher weiblicher Unterwerfung“ – als Metapher für die Beschränktheit des sichtbaren Bereichs im elektromagnetischen Spektrum: „Die Naturwissenschaft tut uns den Gefallen, das Fenster zu vergrößern. Sie öffnet es so weit, dass das Gefängnis aus schwarzem Stoff fast völlig von uns abfällt und unseren Sinnen eine luftige, heitere Freiheit verschafft.“

Die „Praxis, Kindern beizubringen, dass Glaube als solcher eine Tugend ist“, nannte Dawkins „besonders heimtückisch“. Dem Fundamentalismus, auch dem christlichen, warf und wirft er vor, er wolle die Naturwissenschaft „unterwandern“, er sei wild darauf, „die wissenschaftliche Ausbildung vieler tausend argloser, wohlmeinender, eifriger junger Köpfe zu ruinieren“. Damit meinte Dawkins vor allem den – auch im Islam verbreiteten – Kreationismus. In seinem Streit gegen diesen (und seine mildere Ausformung, die Lehre vom „intelligenten Design“) griff Dawkins auch den Wiener Kardinal Schönborn an, über den er im „Presse“-Interview sagte: „Dieser törichte Mensch langweilt mich so.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2013)

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