Die Wahrheit über den Fall Joël

Mit dem Roman "Die Wahrheit über den Fall Quebert" ist Joël Dicker, ein 27-jähriger Genfer, zum Schreibwunder und Teenieschwarm geworden. "Die Presse" traf ihn in Wien.

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(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Im Jahr 2012 verdrängt in Frankreich der Roman eines unbekannten jungen Schweizers „Fifty Shades of Grey“ von der Spitze der Bestsellerlisten. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ („La vérité sur l'affaire Harry Quebert“) gewinnt Ehrfurcht gebietende Literaturpreise, innerhalb weniger Monate werden 750.000 Exemplare verkauft. Sein Autor Joël Dicker aber wird ein regelrechter Teenieschwarm. Wann ist das zuletzt einem Schriftsteller passiert?

Ein Jahr später liegt „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ auf Deutsch vor. Das Buch spielt in einer Kleinstadt namens Aurora an der amerikanischen Ostküste. Dorthin hat sich der junge Ich-Erzähler und Bestsellerautor Marcus Goldman vor seinen Schreibblockaden geflüchtet. Er erhofft sich Hilfe von seinem alten Mentor, dem Autor Harry Quebert. Doch der steckt bald selbst in Schwierigkeiten: Auf seinem Grund wird die Leiche der vor 33 Jahren verschwundenen Nola gefunden, und es stellt sich heraus, dass Quebert mit der damals 15-Jährigen ein Verhältnis hatte.

Lolita an der Ostküste. Joël Dickers Roman ist eine raffinierte Kriminalgeschichte mit vielen weiteren beliebten Zutaten. Da ist das Lolita-Drama. Da sind die psychologischen Abgründe hinter der Fassade des Kleinstadtbürgers. Da ist die Mentor-Schüler-Beziehung zwischen dem aufstrebenden Talent und dem alternden Meister. Sie erlaubt Reflexionen über Schreiben und Literaturbetrieb. Da ist das Spiel mit Metaebenen, denn der von Harrys Unschuld überzeugte Marcus Goldman beginnt, ein Buch über den Fall zu schreiben.

Und dieses stilistisch wie im Aufbau extrem gekonnte Werk soll ein Erstling sein? „In Wirklichkeit ist es mein sechstes Buch“, sagt der Autor, der auf Besuch in Wien ist. Joël Dicker ist nicht sehr groß, hat eine sanfte Stimme, dunkle Augen. Er ist keiner, der sich vordrängt. Höchstens sein schönes, weiches Gesicht fällt auf.

Seine Familie, erzählt er, hat Wurzeln in Sankt Petersburg, von dort ist sein Urgroßvater, ein Kommunist der ersten Stunde, 1914 aus Russland geflohen. Sein Vater ist Buchhändler, die Mutter Lehrerin. „Ich wollte schreiben, sobald ich gelernt habe zu schreiben“, erzählt Joël Dicker. Und seit er begonnen habe, Jus zu studieren, habe er jedes Jahr einen Roman geschrieben.

Seine vorherigen sind nur entweder nicht erschienen oder fanden (trotz ein paar kleiner Preise) wenig Aufmerksamkeit. Und wer weiß, wie viele Romane in der Öffentlichkeit noch wirkungslos verpufft wären, wäre das Manuskript nicht in die Hände eines der wichtigsten französischen Verleger gelangt: des 86-jährigen Bernard de Fallois. Gefragt, ob auch ein anderer als er Dickers Buch so erfolgreich hätte machen können, antwortete der in einem Interview: „Nein – das konnte nur ich.“

Trotzdem, sagt Dicker, habe er nie einen wirklichen Mentor gehabt, wie es Harry Quebert im Roman sei. „Ich habe nur immer davon fantasiert.“ Die amerikanische Ostküste kennt er hingegen gut, er hat einige Zeit dort gelebt. „Ich wollte den Roman an einem Ort spielen lassen, mit dem ich sehr vertraut bin, ohne dort zu leben. Ich wollte in der Ich-Form schreiben und doch nicht zu viel von mir hineinlegen. Das war die große Herausforderung.“

Joël, der Musterschüler. Im Gespräch merkt man eine Stärke – oder Schwäche – des Autors: Er ist sehr konsensbereit, offen für Ratschläge, auch beim Schreiben des Werkes „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ habe er sehr viel von der Rezeption seiner früheren Romane profitiert, erzählt er. Das gibt ihm allerdings auch ein bisschen etwas zu Musterschülerhaftes, etwas von einem altklugen Kind, das durch das Lesen die ganze Welt zu kennen scheint. Im Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ stimmt irgendwie alles, an manchen Stellen beschleicht einen aber doch das Gefühl von etwas Unechtem.

Zum Beispiel wenn Harry Queberts Schreibratschläge in peinliche Trivialitäten abrutschen. Der stets lernbereite Autor verteidigt das gar nicht, findet darin selbst eine Schwäche des Romans.

„Was halten Sie selbst eigentlich heute von Ihrem Roman?“, fragte „Die Presse“ ihn am Ende. „Je mehr die Zeit vergeht, desto weniger mag ich ihn“, bekennt Joël Dicker. „Aber das Interessante besteht ja darin, dass ich für das nächste Buch lernen kann. Ich bin 28, was würde ich tun, wenn ich mit 27 ein perfektes Buch geschrieben hätte? Ich könnte mich nur noch umbringen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2013)

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