Dollfuß-Kult: Ein Toter als "ewiger Führer"

In "Der Dollfuß-Mythos" erzählt die französische Historikerin Lucile Dreidemy kritisch die Geschichte eines österreichischen Kults - und betont: Sie folge keiner Parteilinie, sondern nur ihrer Forschung und demokratischen Haltung.

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(c) Presse Archiv

Fast wie das Forum Mussolini in Rom sollte es werden, zumindest im Stil – das gigantische „Nationaldenkmal“ zum Gedenken an den „ewigen Führer“ Engelbert Dollfuß. Es sollte aus einem Rundbau mit beidseitigen Längsbauten bestehen, man plante eine Kapelle mit dem „Heiligtum des großen Werkes, in Erinnerung an den toten Kanzler“, einen an den Mussolini-Obelisken erinnernden Denkmalsturm mit nachts über Wien leuchtendem Kruckenkreuz, einen Kundgebungsplatz für bis zu 100.000 Menschen, einem Stadion, einer „Kampfbahn“, einer „Führerschule“ ...

Dieses „Dollfuß-Forum“, das man nach Entwürfen des bekannten österreichischen Architekten Clemens Holzmeister auf dem Hang des Kahlenbergs oder Leopoldbergs andachte, wurde letztendlich nie realisiert. Aber es zeigt, dass dem Nachfolger des von Nationalsozialisten ermordeten Kanzlers, Kurt Schuschnigg, für den Dollfuß-Kult fast nichts zu teuer war – nicht einmal fünf bis sechs Millionen Schilling, ein unglaublicher Betrag angesichts der steigenden Armut der Bevölkerung in den 1930er-Jahren.

 

„Will nicht neutralen Blick vortäuschen“

Aber auch ohne Hirngespinste und gescheiterte Projekte weckt die in Österreich vor dem Anschluss praktizierte Dollfuß-Verehrung heute wohl vor allem ungläubiges Staunen – vor allem, wenn man sie in allen Details nachverfolgen kann. Das ermöglicht nun ein im Böhlau-Verlag erschienenes Buch. Für „Der Dollfuß-Mythos“ hat die Historikerin Lucile Dreidemy, die am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien arbeitet, eine erdrückende Zahl an auch ausländischen Quellen ausgewertet. Eine „Biografie des Posthumen“ nennt sie ihre Arbeit, sie reicht vom unmittelbar nach Dollfuß' Tod einsetzenden Kult bis in die Gegenwart.

Dass sich die Französin damit auf ein selbst 80 Jahre nach Dollfuß' Ermordung noch gefährliches politisches Minenfeld begibt, war ihr offenbar bewusst. „Anstatt einen neutralen Blick vorzutäuschen, sei vorweggenommen, dass sich diese Biografie des Posthumen als eine kritische Auseinandersetzung mit Dollfuß und der Mythisierung seiner Person versteht“, heißt es im Vorwort. Ihre Haltung entspreche aber keiner Parteilinie, sondern „einerseits einer demokratischen Gesinnung und andererseits den im Laufe der intensiven Beschäftigung mit Sekundär- und Primärquellen gewonnenen Erkenntnissen über Dollfuß' Politik und Ideologie.“

Intensiv ist auch die Dichte an Details, die dem Leser hier geboten werden. Wer weiß schon, dass allein im Land Tirol zeitweise 125 Plätze und 50 Straßen nach Dollfuß hießen, außerdem fünf Brücken, fünf Berge, eine Warte, eine Quelle, ein Spielplatz, ein Schießstand ...

Das erste ungeschönte Foto des auf dem Sofa im Bundeskanzleramt liegenden, sterbenden Kanzlers erschien erst vier Jahre nach Dollfuß' Tod 1938 in einem US-Magazin. Während diese Schnappschüsse, wären sie heute aufgenommen worden, sofort in allen Medien zu sehen wären, hielt man sie damals von der Öffentlichkeit fern – in erster Linie aus Pietät, aber wohl auch, weil sie zu roh waren, um zum stilisierten Bild des entrückten Märtyrers zu passen.

Auf der anderen Seite aber wurde die Todesart durch Verbluten, wo es nur ging, thematisiert: „Langsam – Tropfen für Tropfen – floss das Blut aus der Wunde ...“, „am Eingang des Kongresssaales, hat sein Blut ein Stückchen zersplittertes Holz rot gefärbt“ ... Noch in einem Text von Joseph Roth zum zweiten Todestag von Dollfuß scheint das vergossene Blut wie ein Leitmotiv auf. Kein Wunder, er vergoss ja, so die Rhetorik des Regimes, wie Christus im Opfertod sein Blut, auf dass Österreich lebe, seine „Freiheit“ und Unabhängigkeit bewahre.

 

Ein Fingerglied von Engelbert

Dreidemy analysiert ausführlich, wie der Dollfuß-Mythos als Quasi-Heiligenverehrung mit Segen und Förderung der Kirche funktionierte und das Schuschnigg-Regime legitimierte. Auch der im 13. Jahrhundert lebende Kölner Bischof Engelbert, Namenspatron des Ermordeten, spielte dabei eine Rolle, denn er wurde ebenfalls aus politischen Gründen ermordet. Zur Einweihung der Dollfuß-Gedächtniskirche im 15. Wiener Bezirk ließ Kardinal Innitzer eine Engelbert-Reliquie aus Köln kommen, ein Fingerglied der rechten Hand. Es kam aber zu spät, konnte nicht mehr in den Hochaltar eingemauert werden und liegt heute fast völlig vergessen in der Schatzkammer der Kirche.

„Herr, verzeihe ihnen“, soll der Bischof vor seinem Tod christusgleich über seine Mörder gesagt haben, das passte zu den angeblichen Worten des sterbenden Kanzlers: „Der Herrgott möge ihnen vergeben!“ Als Schuschnigg dann 1936 das Juliabkommen mit Hitler schloss, benutzte er einen anderen angeblichen Sterbesatz des Ermordeten, um den Versöhnungskurs zu rechtfertigen: „Ich wollte ja nur den Frieden.“ Wieder zwei Jahre später, bei der durch Hitlers Einmarsch verhinderten Volksabstimmung zur Unabhängigkeit, bewarben Flugblätter das „Ja“ mit Dollfuß' Totenmaske und dem Spruch: „Auf dass er lebe, stimmen wir mit Ja!“

 

Begann „Opferthese“ mit Dollfuß-Kult?

Dollfuß spielte bei konservativen Exilgruppen auch eine zentrale Rolle im Kampf um die internationale Anerkennung Österreichs als erstes Opfer des Nationalsozialismus. Was Lucile Dreidemy zur Vermutung veranlasst, „dass die sogenannte österreichische ,Opferthese‘ ihren Ursprung nicht erst in der Moskauer Deklaration fand (bzw. in deren einseitiger Interpretation), sondern im Kern schon über den konservativen Dollfuß-Mythos erste Konturen annahm.“

Buchpräsentation und Diskussion: heute, Mittwoch, um 18.30 Uhr im Wien-Museum am Karlsplatz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2014)

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