Dinescu: "Man überlebt, wie bei Ceausescu"

Literatur und Diktatur: Der rumänische Schriftsteller und Bürgerrechtler Mircea Dinescu über Herta Müller, Schreiben als Waffe, Bücher-Gier, den Schock der Freiheit.

Mircea Dinescu
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Mircea Dinescu
(c) (Gabriela Koschatzky)

„Die Presse": Freuen Sie sich, dass Herta Müller den Nobelpreis bekommen hat?

Mircea Dinescu: Ja! Herta ist traumatisiert, weil sie aus dem „wilden Osten" stammt. Für sie ist das Schreiben ein Medium, ein Mittel in dieser Welt zu überleben. Sie eine tragische Künstlerin, die diesen Preis verdient. Ceausescu meinte einmal auf einem Kongress: „Unsere Schriftsteller sind Partei-Aktivisten!" Ja, Aktivisten des Leidens.

„Time Magazine" hat Sie in seine Liste der „Helden Europas" aufgenommen. Fühlen Sie sich auch als Held?

Mircea Dinescu: Ich habe eine Theorie über Helden. Ich war einmal in Griechenland und sah mir - da ich vom Bild der alten Griechen fasziniert bin - genau an, wie die heutigen Griechen aussehen. Ich stellte keine Ähnlichkeiten fest und schloss daraus, dass die Helden keine Nachkommen hinterlassen haben. Gestorben sind sie, all diese schönen griechischen Helden, die nackt kämpften. Übrig geblieben sind nur ihre Helfer aus der zweiten Reihe. Das waren auch Griechen, aber sie schufteten in der Küche oder kümmerten sich um die Pferde. Helden gibt es nicht. Der Held ist ein Unfall der Geschichte und muss verschwinden. Einen Augenblick lang war ich auch ein Held, aber die Zeiten sind vorbei und ich bin in die Küche versetzt worden.

Wieso in die Küche? Sie waren ein Held der Revolution in Rumänien. Ich erinnere mich an Ihr Siegeszeichen im Rumänischen Fernsehen. Sie sagten: „Wir haben gesiegt. Gott ist wieder bei den Rumänen!". Die Bilder sind um die Welt gegangen ...

Dinescu: Der Ausbruch der Revolution fand mich zu Hause. Ich wusste gar nicht, was vor sich ging. Ich stand unter Hausarrest, weil ich der französischen Zeitung „Libération" ein Interview gegeben hatte. Es erschien am 17. März 1989. Am nächsten Tag wurde ich aus der Redaktion von „Romania literara", wo ich angestellt war, gefeuert. Und da blieb ich zu Hause und schrieb Gedichte bis zum 22. Dezember.

Am Tor meines Hauses wachten sechs Agenten pro Schicht, insgesamt also 18 Mann, die dank dem „großen Dichter" ein leicht verdientes Brot bekamen. Plötzlich kam dann eine Nachbarin und sagte mir, die Agenten wären geflüchtet. Ich verließ das Haus und, tatsächlich, das Auto, dass zehn Monate lang vor meiner Tür wachte, war verschwunden. Auf der Straße traf ich auf eine Menschenkolonne, deren Anführer Geza Domokos erkannte mich und hielt die Menschen an: „Das ist der Dichter aus dem Radio Freies Europa!" Die Menge warf mich dreimal in die Luft, abgefangen haben sie mich allerdings nur einmal, sie setzten mich auf einen mit roten Fahnen geschmückten Panzerwagen und los ging's zum Rumänischen Fernsehen, wie in einem schlechten Film über die kubanische Revolution.

Jemand verkündete dann, das Fernsehgebäude sei umstellt. Ich fragte nur: „Gehen wir?" - „Wir gehen!" Die Meute setzte sich in Bewegung und riss mich mit. Beim Fernsehen hatten sich die Soldaten schon mit den Mädchen aus der Menschenmenge angefreundet, Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Es kam eine weitere Kolonne, mit Ion Caramitru, ein berühmter Schauspieler. Da wir beide aus „Radio Free Europe" bekannt wie ein bunter Hund waren, hieß es, wir sollen zur Bevölkerung sprechen. Die haben uns eine Stunde lang gefilmt, wir wussten gar nicht, was los war und erwarteten jeden Moment die Securitate. Als wir sahen, dass nichts dergleichen geschieht, legten wir los.

Einen Monat später - ich war bereits Vorsitzender des Rumänischen Schriftstellerverbandes - besuchte mich eine alte Frau, die mich fragte: „Bist du dieser Dinescu aus dem Fernsehen?" Ich bejahte, worauf sie mir entgegnete: „Du siehst aber normal aus. Als ich gesehen habe, wie du dich im Fernsehen aufführst, dachte ich, die haben schon einen neuen Verrückten als Ersatz für den Toten aufgetrieben."

Aber Sie waren schon lange vor der Revolution ein berühmter Dichter in Rumänien. Die Schüler hatten Ihre Gedichte in der Schultasche.

Dinescu: Während der Ceausescu-Ära war man als Dichter ein wahrer Held, vor allem wenn man wie ich Gedichte zu sozialen Themen verfasst hat. Ich komme aus einer Familie des proletarischen Kampfes, mein Vater war Schlosser. So kam es, dass ich schnell Anerkennung als Talent aus der Arbeiterschicht fand. Meine Poesie war anfangs jugendlich, musikalisch, dann fing ich aber an, Protestlyrik mit Anspielungen auf die Wirklichkeit zu schreiben. Das brachte mir großen Erfolg.

Damals konnte es einem Dichter, nicht nur mir, passieren, dass eine gesamte Auflage frenetisch aufgekauft wurde, dass die Leser vor den Buchhandlungen Schlange standen. Nicht nur für Käse oder Fleisch, sondern auch für Bücher. Damals war die Poesie eine Waffe. Die KP hatte Angst vor Worten, vor der Ironie. Wörter wurden tabuisiert. Du durftest nicht Hunger, Dunkelheit, Kälte, Scheiße oder Pisse schreiben. Was du machen konntest, war subtile Anspielungen in deinen Text einzubauen, wir nannten sie „Eidechsen".

Inwiefern hat es seit damals einen Neuanfang in Literatur, Kunst und Kultur gegeben?

Dinescu: Wir waren nicht für den Eintritt in eine neue Welt vorbereitet. Alle, die sagen, sie hätten den Kapitalismus, die Marktwirtschaft vorausgesehen, lügen. Wir alle träumten davon, dass es in Rumänien, wie in Russland, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" geben wird. Das ist die Wahrheit. Selbst Marx hat nicht vorausgesehen, dass nach dem Kommunismus, der ja tausend Jahre überdauern sollte, ein Kapitalismus entsteht, der von Parteiaktivisten und Geheimdienstlern gemacht wird. Diese bildeten und bilden noch immer die post-kommunistische finanzielle Oligarchie, sie sind die neuen Kapitalisten.

In Rumänien gab es zwei oder drei Millionen Parteimitglieder. Ihre Parteiausweise haben sie verbrannt und sind zu Kommunismusgegnern geworden. Alles ist zu einer tragischen Operette des Antikommunismus verkommen, vor allem der Antikommunismus der Bildungsbürger, von denen der Großteil erst nach der Revolution zu Kommunismusgegnern geworden ist. „Kommunismusgegner" ist in Rumänien ein ertragreicher Beruf. 20 Jahre später hat Basescu, der als Kapitän Ceausescu Postkarten vom Schiff „Biruinta" (Der Sieg) geschickt hat, den Kommunismus verurteilt. Zum Totlachen. Es gab keine Abrechnung, einzig und allein eine Operette.

Aber wie wurde die Literatur von der „neuen Freiheit" beeinflusst?

Dinescu: Die Autoren waren, glaube ich, geschockt von der Freiheit. Ihnen ging es im Land vormals gut, es gab den Rumänischen Schriftstellerverband, veröffentlichte Manuskripte wurden unabhängig von den Verkaufszahlen honoriert. Ceausescu sagte immer, die Autoren wären die treuesten und zuverlässigsten Helfer der Partei. Natürlich verdiente man mehr, wenn man, wie wir damals sagten, Scheiße fraß, also über Ceausescu und die Partei dichtete. Aber überlebt und veröffentlicht haben wir alle. Von mir selbst sind, auch ohne über Ceausescu zu schreiben, zehn Gedichtbände erschienen und ich war bekannt.

Es stimmt auch, dass ich ab 1985 nicht mehr veröffentlichen durfte, obzwar man mir den Preis der Rumänischen Akademie und den Debütpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes verliehen hatte, doch der künstlerische Betrieb ging weiter, ungeachtet der schmerzlichen Lage, in der wir waren. Diese Lage hatte aber für einige durchaus ihre Vorzüge, die Mitgliedschaft im Schriftstellerverband sicherte auch gewisse Vorteile. Für Musiker und Autoren gab es Ferienhäuser am Meer und im Gebirge, die man im Sommer und Winter nutzen konnte. Die Schriftsteller bekamen Renten und viele andere Hilfsleistungen. Das System wusste seine Vorteile zu erhalten.

Nach dem Fall des Kommunismus hatte man keinen Nutzen mehr aus der Mitgliedschaft im Schriftstellerverband. Der profitorientierte Verleger bezahlt dich nur, wenn sich dein Buch auch verkauft. Früher wurde man schon für die bloße Veröffentlichung vergütet, Verkaufszahlen spielten keine Rolle. Der Eintritt in diese neue Welt hat die Schriftsteller schwer getroffen. Deswegen gibt es die schriftstellerischen Mythen aus der Zeit von vor 1989 nicht mehr. Einige haben sich in die Publizistik oder zum Fernsehen hinübergerettet, so wie ich. Die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, dass ich Schriftsteller bin. Alle kennen mich als „der Dinescu, der aus dem Fernsehen", der, der jedem seine Meinung reinsagt und mutig ist.

1995 war ich einmal in Paris und da war auch ein Zigeuner, er spielte Beethoven auf seinem Akkordeon. Plötztlich hörte ich die Schreie seiner Frau: „Schau, das ist dieser Dichter, dieser Eminescu (Anm.: Mihail Eminescu, bedeutendster rumänischer Dichter des 19. Jahrhunderts), der aus dem Fernsehen, der Verrückte!" Ich habe verstanden, dass sie mich meinte.

Warum sollten sich, Ihrer Meinung nach, junge Menschen von heute mit der Zeit von vor 20 Jahren beschäftigen?

Dinescu: Es interessiert sie nicht. Die Jugendlichen heutzutage sind meiner Meinung nach wie die mageren Hühnchen aus der Massenhaltung, die es früher in den rumänischen Geschäften zu kaufen gab. Ihr Leben spielt sich auf Partys und in Clubs ab und sie denken nicht an die, die vor ihnen geopfert wurden. Aber auch aus dem Grund, dass alle, die seitdem an der Macht waren, aus den Reihen des alten Systems stammen. Auch Iliescu, alle. Es ist ein Paradox. Wir wissen die genaue Anzahl der Geliebten und unehelichen Kinder von Stefan dem Großen (Stefan cel Mare), weil er vor 500 Jahren ein Frauenheld war, aber wir wissen nicht, wer im Dezember vor 20 Jahren auf die Bevölkerung gefeuert hat.

Die jüngste Geschichte wird unter den Teppich gekehrt. Den Schuldigen hat man vermeintlich gefunden - Ceausescu. Aber so ist es nicht. Alle Vertreter dieses Systems haben kollaboriert, die Leute haben sich sehr mit den vorherrschenden Bedingungen arrangiert. Dasselbe ist auch unter der Türkenherrschaft passiert, ich glaube das ist die rumänische Methode. Als die Türken in den Balkan, in Bulgarien eingefalllen sind, haben sie alle orthodoxen Kirchen zerstört, genauso in Serbien und Albanien. In Rumänien angekommen, wurden sie mit offenen Armen empfangen, die Leute trugen türkische Trachten und spielten türkische Musik. Und die Türken meinten: „Schau an, die Rumänen. Klasse Typen sind das. Geben uns zu essen, Weizen, Honig." Wien wurde mit rumänischen Lebensmittteln belagert. Die rumänischen Länder sind durch die Einnahmen für Schafe, Kühe, Weizen, Honig und Fett während der Türkenbelagerung regelrecht aufgeblüht. Wir haben wunderbar kollaboriert und hatten eine gute Zeit mit den Türken.

Dieses Leben im Untergrund wurde auch in der Zeit Ceausescus gelebt. Wir litten Hunger, in der Familie wurde über den Diktator geflucht, am Arbeitsplatz wurde er geehrt, die Kinder wurden von den Eltern ermutigt, Gedichte über Elena Ceausescu vorzutragen. Eine generalisierte Duplizität. Vielen ging es sehr gut, alle Arbeiter konnten mitsamt Familie Urlaube am Meer oder im Gebirge machen. Heute können sie es nicht mehr. Jetzt leben wir in einer anderen Welt, in der aus hohen Parteifunktionären Kapitalisten geworden sind. Die, die an Marx geglaubt haben, bestimmen nun die Marktwirtschaft. Verbrannt und verloren sind die Filmaufnahmen von den Parteitagen, die Schauspieler, die Ceausescu gefeiert haben, sind in die Piata Universitatii gegangen und zu Gegnern des Kommunismus geworden, die Schriftsteller, die geschwiegen haben, sind auch in der Piata Universitatii erschienen um zu protestieren. Der Sturz des Kommunismus ist eine einzige tragische Operette. Die Operette an sich ist lustig, aber bei uns wurde auch gestorben. Die Operette geht weiter.

Was ist für Sie das Besondere an der rumänischen Kunst und Kultur? Wo liegt die Energie? In Westeuropa hört man relativ wenig darüber.

Dinescu: Die Kultur gibt es, die Künstler sind nicht verschwunden. Es gibt sie in der bildenden Kunst, in der Musik, das Enescu-Festival wurde wiederentdeckt. Aber wissen Sie, wie sich der Kapitalismus in Rumänien abspielt? Die rumänische Konsumgesellschaft ist nicht in Schichten aufgeteilt. Auf manchen Straßen, in manchen Wohnvierteln lebt man in einer Paralellwelt. Die Bauern aber leben wie im Mittelalter. Sie haben nichts vom Wohlstand der letzten 20 Jahre abbekommen. Die Menschen brauchen die Freiheit nicht, die Freiheit ist ein Produkt, ein Luxus, der genauso wie Kaviar, nur für eine bestimmte Schicht von Interesse ist. Der Bauer braucht keine Freiheit. Welche Freiheit? Er hat nicht das Bedürfnis zu reisen, er kann sich Reisen nicht leisten. Man überlebt. Das ist eigentlich der rumänische Kapitalismus. Man überlebt - genauso wie zu Zeiten des Kommunismus. Unter Ceausescu hat man überlebt, im Kapitalismus überlebt man auch.

Es gibt eine finanzielle Oligarchie, die zu 80% aus ehemaligen Geheimdienstlern, ehemaligen Parteifunktionären, aus Schmugglern und Analphabeten besteht. Der Rest - eine dünne Schicht von jungen Akademikern, die sich an das System angepasst haben. Die Konsumkultur hat uns überrollt, mit schlechten Filmen, schlechter Musik. Das was wir in den Westen exportieren bestimmt unser Image. Die ungebildete Meute, die unter Ceausescu gelebt hat, ist jetzt genauso ungebildet. Das ist die Realität. Niemand braucht den Zugang zur Kultur.

Aber der rumänische Film feiert international Erfolge ...

Dinescu: Es gibt eine junge Generation von Filmemachern, die wirklich begabt sind, die aber immer noch Themen aus der Ceausescu-Zeit aufgreifen. Sie leben vom Absurden dieser Zeit, vom Humor, der sich in dieser Zeit entwickelt hat. Der Humor war die Waffe des rumänischen Volkes. Die Menschen erzählten sich Witze, machten sich über alles lustig. Zu Ceausescus Zeit wurde täglich, unter dem Schutz der Dunkelheit, gelacht. Die Kulturprodukte des Westens haben uns nicht erreicht, die Nahrung war knapp, Restaurants mussten um 22 Uhr schließen, aber die Menschen kamen abends in ihren Wohnungen zusammen und erzählten sich Witze. Diese Witze, die humorvolle Verhöhnung des Systems, stellen eine weiter Überlebensstrategie dar. Und diese Filme wurzeln alle in den Witzen aus der Ceausescu-Zeit.

Als ich drei Wochen vor der Revolution für den ORF in Rumänien gefilmt habe - zum „14. Parteikongress" gab es für einige Journalisten eine Sondergenehmigung - war mir eiskalt. Es war nicht das Wetter, es war die Atmosphäre ...

Dinescu: Ich stimme dem zu. Wir waren wirklich wie ein Schneemensch, ein Yeti, den man plötzlich auftaut. Ich hatte auch das Gefühl, dass wir aus einem Eisblock befreit werden und anfangen wiederzuentdecken, dass wir uns bewegen können. Jetzt genießt man als Journalist oder Schriftsteller vollkommene Meinungsfreiheit, alle Möglichkeiten stehen offen. Es gibt keine Zensur mehr. Ich glaube sogar, dass es in Österreich eine schärfere Zensur gibt, hier kann man im Fernsehen sicher nicht alle Verrücktheiten über den Präsidenten verbreiten, so wie bei den rumänischen Fernsehsendern.

Jetzt wird es aber höchste Zeit, dass Sie auch etwas über die Schönheit, die Kraft und die Vielfalt Ihrer Heimat erzählen ...

Dinescu: Rumänien ist ein außergewöhnliches Land mit äußerst sympathischen Bewohnern. Ich bin in dieses Land verliebt und würde nirgendwo anders leben wollen. Selbst die Armut hat in Rumänien einen gewissen Charme, es ist eine charmante Armut. Im Gegensatz zum rumänischen Bildungsbürger, der sich als Opfer inszeniert, hat der rumänische Bauer seinen Sinn für Humor nicht verloren. Der Bauer lebt sein bescheidenes Leben und beschränkt sich auf seinen Besitz: ein Schaf, eine Kuh, fünf Hennen.

Es ist ein regelrechtes Wunder, einen Bauernmarkt in Rumänien zu besuchen. Ich sage, es ist ein Wunder, dass man im 21. Jahrhundert anstelle von 1000 Traktoren, die die Luft verpesten, 1000 Pferdegspänne sehen kann. Ich gehe jeden Sonntag auf einen solchen Bauernmarkt. Hier findet man noch Spuren einer vergessenen Welt.

Rumänien müsste meiner Meinung nach eine Formel finden, diese Armut in Ökologie umzuwandeln. Das Geld, das durch EU-Projekte ins Land kommt, findet seine Weg zu den Bauern nicht. Ich habe mit EU-Geld 100 Hektar Weinreben angelegt und wurde zu einem der wichtigsten Winzer Olteniens. Aber die Bauern haben kein Geld und keine Projekte. Die ganze EU-Sache sollte überdacht werden: Helft den Bauern, so dass sie ihre Lebensgewohnheiten nicht ändern müssen und nicht gezwungen sind, Traktoren und Chemikalien einzusetzen. Diese Insel soll erhalten werden.

Rumänische Dörfer sind noch wie vor 200 Jahren. Vor dem Pflug werden Kühe eingespannt. Wo in Europa gibt's das noch? Das muss man so lassen. Österreichische Touristen sollten sich das vor Ort ansehen und dafür zahlen. Es muss nur ganz wenig gemacht werden, um die Bauern aus ihrer bitteren Armut zu befreien. Man muss für sie Bedingungen schaffen, so dass sie würdevoll leben können. Ihr Humor aber ist einzigartig. Der rumänische Bauer hat sich seine Individualität bewahrt.

Im Rumänischen Kulturinstitut in Wien haben Sie unlängst Gedichte gelesen, aber vor allem haben Sie Ihren selbstgemachten Wein vorgestellt. Vom Dichter zum Revolutionär zum Weinbauern?

Dinescu: 1997 habe ich meine Anteile an der Satirezeitschrift „Academia Catavencu" verkauft. Durch Zufall entdeckte ich an der Donau den Hafen Cetate, aus dem vor hundert Jahren noch Weizen und Mehl nach Wien ausgeführt wurden. 1880 wurde das Wiener Kipferl noch mit Mehl aus Cetate gebacken. Österreich hatte nicht viel Weizen. Das Mehl wurde also in den Hafen Cetate gebracht.

1945, nach dem Krieg, wurde der Hafen geschlossen, die Russen haben ihn in einen Stützpunkt der Grenzwache umgewandelt. Bis 1989 richteten hier Soldaten ihre Waffen nicht nach außen, um Feinde aufzuhalten, sodern nach innen, um jeden Fluchtversuch zu unterbinden.

Der Hafen wurde 50 Jahre lang nicht als solcher benutzt, das Gelände lag brach. Diese Ruine habe ich gekauft und saniert. Das war mein Einstieg in die Landwirtschaft. Danach habe ich eine Kulturstiftung gegründet und seitdem zahreiche Maler, Musiker und Schriftsteller hierher eingeladen.

Für mich ist es eine Form von Therapie, durch den Landbau bekämpfe ich meine Neurosen. Ich habe mit einem wenig Weizen angefangen, mittlerweile kommen bei mir nur selbstproduzierte Lebensmitttel und Wein auf den Tisch. Ich habe auch einen Fischteich, 200 Ziegen, 200 Schafe und 20 Kühe. Ich verkaufe meine Produkte nicht auf Jahrmärkten, ich verdiene durch Tourismus. Ich betreibe insgesamt 30 Zimmer, in denen man übernachten kann, essen und trinken. Als Gegenentwurf zum Dracula-Park habe ich einen Engel-Park angelegt, einen Garten mit Engelsskulpturen. Ich habe mir gedacht, dass Rumänien auch von Engeln, nicht nur von Teufeln gestreift wurde, vor allem hier an der Grenze. Inzwischen schreibe ich auch wieder Gedichte. Monatlich eines.

Der alte Teufel zeigt eben wieder seine Hörner.

Dinescu: Ich führe ein sehr schönes Leben. Mein Interesse gilt dieser normalen Welt. Statt mich auf die Yacht eines Milliardärs einladen zu lassen, fühle ich mich wohler in meinem kleinen Kahn am Ufer der Donau.

ZUR PERSON

Mircea Dinescu (58) war Dichter, Dissident, Revolutionär der ersten Stunde. Heute ist er Unternehmer, Weinbauer und Schafzüchter, ferner Präsident der Akademie für Gastronomie in Rumänien. Außerdem tritt Dinescu im Fernsehen auf. Er ist Mitglied des Nationalrates und an der Untersuchung von Geheimdienstakten beteiligt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2009)

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