Wenn Kinder verschwinden

Dacia Maraini, Grande Dame der italienischen Literatur, hat einen schockierenden Roman geschrieben – und ist dafür tief in die Abgründe der menschlichen Seele eingedrungen.

Dacia Maraini wird immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt.
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Dacia Maraini wird immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt.
Dacia Maraini wird immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt. – (c) Henning Klüver

Ein kleines Mädchen verschwindet spurlos auf ihrem Weg zur Schule. In der Nacht davor war sie Nino Sapienza im Traum erschienen: Schweigend, im roten Mantel, schritt sie im Nebel davon. Erst glaubt der Volksschullehrer, von seiner verstorbenen achtjährigen Tochter Martina geträumt zu haben. Doch als er in der Früh im Radio hört, dass die Polizei nach der Schülerin Lucia fahndet, nimmt er eigenständig die Suche nach dem achtjährigen Kind auf.

Die Rettung Lucias wird zur neuen Lebensaufgabe des einsamen Lehrers, zu seiner Obsession. Er ist überzeugt, dass das Kind irgendwo festgehalten wird – sogar als selbst Lucias Eltern nicht mehr daran glauben, dass ihre Kleine noch am Leben ist. Sapienza sieht Lucia nämlich weiter in seinen Träumen. Der unkonventionelle Lehrer, der lieber Geschichten erzählt als dem Lehrplan zu folgen, zieht schließlich auch seine Schüler in seine Recherchen hinein: Dank des schlauen Francesco findet er dann auch eine Spur zu Lucia.

Es ist die hartnäckige Suche nach dem Mädchen, die dem trauernden Vater helfen wird, den Verlust seiner eigenen Tochter zu verarbeiten – und zu sich selbst wiederzufinden.


Versklavte Kinder. Dacia Maraini, Grande Dame der zeitgenössischen italienischen Literatur, hat sich in ihrem neuen Roman einem bleischweren Thema gewidmet: dem Verschwinden von Kindern. Sie schreibt von missbrauchten und entführten Minderjährigen. Von kleinen Mädchen, die versklavt werden und sich für europäische Geschäftsmänner in asiatischen Bordellen prostituieren müssen. Von Kindern, die in die Fänge fanatischer Jihaddisten gelangen oder Opfer einer unterdrückenden Religion sind.

Ganz in der Tradition sozial engagierter Literatur will Maraini sensibilisieren und Aufmerksamkeit erregen, indem sie das Grauen darstellt und zugleich versucht, es zu ergründen. Man merkt, dass die Doyenne der feministischen Literatur in Italien intensiv und profunde recherchiert hat, bevor sie diesen schwierigen Roman verfasste. Doch zuweilen entsteht das Gefühl, sie habe sich zu viel vorgenommen – und deshalb die Handlung vernachlässigt: In einigen Passagen verfängt sich die Autorin in langwierige Erklärungen, verfällt dabei zeitweise ins Dozieren. Der Erzählfluss gerät dann ins Stocken, der Roman wirkt an diesen Stellen hölzern, die Dialoge gekünstelt.

Aber dann, wenn man weiterliest, zieht die Wucht dieser Geschichte einen wieder in ihren Bann, der Leser wird hineingezogen in die Trauer, den Schrecken, in all den Horror, den die Protagonisten erleben. Diese Wirkung erzielt Maraini vor allem dank ihrer subtilen Charakterstudien. So hat sich die Lebensgefährtin von Alberto Moravia und Freundin von Pier Paolo Pasolini mit 80 Jahren zum ersten Mal in ihrem langen Schriftstellerleben in einen Mann hineinversetzt – und das Experiment ist gelungen. Wenn also Ich-Erzähler Sapienza zurückblickt auf die kurzen Jahre mit seiner Tochter, spürt man als Leser das unermessliche Leiden dieses Mannes, erlebt mit, wie sehr er seine Martina vermisst. Es sind die kleinen Details, die diese Beschreibungen so authentisch machen: die Erinnerungen an das schüchterne Lachen Martinas etwa, an ihren „Watschelgang“ oder an ihre Freude beim Eisessen. Man fühlt durch die Zeilen die dumpfe Verzweiflung des Vaters, der machtlos am Krankenbett sitzt, die Hand seines Kindes hält und ansehen muss, wie es langsam stirbt.

Maraini hat mit dem sensiblen Sapienza Sehnsüchte und Freuden der Vaterschaft in den Mittelpunkt gerückt. Und sie schreibt über das Leid eines Vaters, dem die Vaterschaft brutal verwehrt wird: Gefühle, die in der Literatur selten ein Thema sind. Und ebenso überzeugend wie in den trauernden Vater, versetzt sich Maraini in die kranke Psyche des Kinderschänders, beschreibt seine Allmachtfantasien und seinen Kontrollwahn.

Maraini beweist in diesem Buch erneut, wie sehr sie eine Meisterin darin ist, die dunkelsten Winkel der Seele zu erforschen – und diese zu schildern.

Tipp: Dacia Maraini liest am 31. März 2017 um 19 Uhr in der Wiener Hauptbücherei (Urban-Loritz-Platz 2a), Moderation: Andreas Pfeifer (ORF). Andrea Eckert wird die deutschen Passagen lesen.

Neu erschienen

Dacia Maraini „Das Mädchen und der Träumer“,
übersetzt von Ingrid Ickler,  Folio-Verlag, 316 Seiten, 22 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2017)

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