Wie „Islamophobie“ die Sprache verdirbt

Das Wort „Islamophobie“ gehört abgeschafft, fordert der französische Philosoph Pascal Bruckner. Warum ein Kampfwort britischer Muslime so erfolgreich wurde – und so gefährlich ist.

bdquoIslamophobieldquo Sprache verdirbt
Schließen
bdquoIslamophobieldquo Sprache verdirbt
(c) EPA (Chris Young)

Eine pathologische Furcht vor dem Islam: Wenn die Menschen in 100 Jahren den Geisteszustand des Jahres 2010 anhand unserer Internet-Ergüsse rekonstruieren sollten, werden sie überzeugt sein, dass eine Krankheit namens „Islamophobie“ damals unglaubliche Ausmaße annahm. Denn kaum ein Begriff hat weltweit so Karriere gemacht. Google zählte zu Redaktionsschluss 4.350.000 Internet-Einträge des englischen Worts „islamophobia“. Zum Vergleich: Bei „antisemitism“ sind es 1.290.000, also nicht einmal ein Drittel.

Und das, obwohl der Begriff der Islamophobie noch vor zehn Jahren kaum verwendet wurde. Zwar kam er schon in den 1990er-Jahren auf, aber zum öffentlichen Gemeingut wurde er erst nach 9/11. Und noch ein Ereignis pushte den Begriff: die dänischen Mohammed-Karikaturen 2005.

„Wir weigern uns, auf unseren kritischen Geist zu verzichten, aus Angst, der ,Islamophobie‘ bezichtigt zu werden – ein erbärmliches Konzept, das die Kritik am Islam als Religion und die Stigmatisierung derer, die daran glauben, vermischt“: So schrieb Salman Rushdie mit anderen Autoren in einem Statement zu den Karikaturen. Und benannte damit den Hauptgrund für das Unbehagen, das der Begriff bis heute auslöst: Er trennt nicht zwischen Kritik an einer Religion und Diskriminierung von Menschen.

 

„Totalitärer Propaganda würdig“

Dieser Tage ist die Diskussion wieder aufgeflammt, mit einem auf der Internetseite „Perlentaucher“ veröffentlichten Artikel von Pascal Bruckner. „Dieser einer totalitären Propaganda würdige Begriff lässt absichtlich offen, ob er auf eine Religion zielt, ein Glaubenssystem, oder auf die Gläubigen aller Herren Länder, die ihr angehören“, schreibt der französische Philosoph. Er ziele darauf, „den Islam zu etwas Unberührbarem zu erklären“. Man spreche ja auch nicht von „Liberalophobie“ oder „Sozialistophobie“, wenn jemand gegen die Verteilung von Reichtümern oder die Herrschaft des Marktes eintrete. Und obwohl das Christentum heute unter allen monotheistischen Religionen die am meisten verfolgte sei, funktioniere der Begriff „Christophobie“ nicht – „und das ist gut so. Es gibt Wörter, die Sprache verderben, ihren Sinn verdunkeln.“

Fragt sich, ob hier unabsichtlich oder absichtlich verdunkelt wurde. Tatsächlich schockiert die Willfährigkeit, mit der wohlmeinende westliche Meinungsmacher unreflektiert ein Wort übernommen haben, das als Kampfbegriff im Norden Londons geboren wurde. Schon in einem französischen Buch von 1921 ist die Rede von einem „islamophoben Delirium“ eines Jesuiten („délire islamophobe“), und eine unbewiesene Theorie schreibt die Erfindung der „Islamophobie“ den Mullahs der iranischen Revolution zu – sie sollen Frauen, die den Schleier verweigerten, so beschimpft haben. Wirklich sicher ist aber nur, dass das Wort von britischen Muslimen um 1990 herum lanciert wurde.

Nun kämpften diese aber nicht einfach gegen die Benachteiligung von Individuen, wie der britische Islamwissenschaftler Chris Allen im soeben erschienenen Buch „Islamophobia“ (Verlag Ashgate) schildert, sondern vor allem für die Anerkennung einer kollektiven „muslimischen Identität“. Dazu gehörte in den 1990er-Jahren auch die Einrichtung des „Muslim Parliament“. Es kämpft laut eigenen Aussagen gegen „die hinterhältige Kampagne, muslimische Bürger zu einer unterdrückten Minderheit zu machen“, und gegen Gesetze, die „in direktem Konflikt mit dem Gesetz Allahs stehen“ (u.a. Abtreibung, Homosexualität, Glücksspiel, Alkohol, Abschaffung der Todesstrafe).

 

„Islamophobie“ wie Antisemitismus?

1994 machte der britische „Runnymede Trust Report“ den Begriff auch für Nichtmuslime hoffähig. Das Dossier „A Very Light Sleeper: The Persistence and Dangers of Anti-Semitism“ widmete sich offiziell auch „anderen Formen des Rassismus“, de facto aber einer einzigen: der „Islamophobie“. Zwei Jahre später wurde die „Commission on British Muslims and Islamophobia“ gegründet. 2001 schließlich anerkannte die UNO „Islamophobie“ offiziell als dem Antisemitismus gleichrangige Form des Rassismus. Muslimische Staaten verlangten damals, „Islamophobie“ sollte jegliche Kritik am Islam umfassen, was tat die UNO also? Sie definierte den Begriff überhaupt nicht.

Seitdem haben fast alle Berichte zur „Islamophobie“ eines gemeinsam: die Klage darüber, dass niemand genau weiß, wovon die Rede ist – oder sein soll. Und genau deswegen wird die „Islamophobie“ wohl so geliebt: Sie eignet sich dazu, jede Islam-Kritik als unbegründete Aggression gegen Menschen zu verunglimpfen. Auch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich scheint das nicht zu stören, obwohl sie auf ihrer Website erklärt, das Wort nur „sehr behutsam“ zu verwenden: Denn wenige Absätze später nennt sie die „entschiedene Anti-Haltung gegenüber dem Islam“ als Kennzeichen dieser „wesentlichen Facette von Fremdenfeindlichkeit“.

Das Deutsche böte ja auch andere Ausdrücke wie „Muslimen-Feindlichkeit“, um Fremdenhass von sachlicher Islam-Kritik zu unterscheiden. Aber dafür müsste man zuallererst einen Begriff entsorgen, der nur zu einem Zweck erfunden wurde: genau diese Unterscheidung unmöglich zu machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2010)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Wie „Islamophobie“ die Sprache verdirbt

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen