"Der Elefantenfuß": Die Geister von Pripjat

Gemeinsam einsam in der Zone: Hans PlatzgumersTschernobyl-Roman handelt von Menschen, auf die die AKW-Ruine eine sonderbare Anziehung ausübt.

Literatur Geister Pripjat
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(c) Limbus Verlag

Ein Territorium, das aus der Zeit gefallen ist. Das Atomkraftwerk Tschernobyl, die menschenleere Stadt Pripjat, die 30-Kilometer-Sperrzone: ein 4000 Quadratkilometer großes Aufmarschgebiet für die Einsamen, Verlorenen, Gottlosen und Gottsucher. Hans Platzgumer beschreibt in seinem Roman „Der Elefantenfuß“ das verstrahlte Gebiet als Projektionsfläche seiner Protagonisten.

Die Schweizer Exilrussin Soraya und ihr Partner Philippe suchen Gott; der Biologe Henry beobachtet verwilderte Haustiere; Tankstellenbesitzer Igor lebt von den sonderbaren Touristen und verachtet sie; das Strahlenopfer Alexander streift ruhelos um den Reaktor, der sein Leben unwiderruflich verändert hat. Am 26. April 1986 hat er sich im Garten seiner Großeltern in der Nähe des Kraftwerks gesonnt. Am Abend ist seine Haut verbrannt, er muss sich übergeben. „Ich spie [das Gift] aus, bis ich völlig erschöpft einschlief, völlig leer wurde, wie gelähmt. (...) Ich wusste nicht, was es war. Irgendetwas Starkes. Großes. Mächtiges. Es war Teil von mir geworden an diesem Samstagvormittag. Ich war Teil von ihm geworden. An diesem Tag wurde ich aufgenommen in eine andere Welt. Die stille, weite Welt, durch die ich jetzt laufe.“ Platzgumers Buch liest sich wie ein realistischer Doku-Roman, (alb)traumhaft, postapokalyptisch, stimmungsschwer.

Am Schluss geschieht ein Mord – ein Tod, der nicht in die Zone passt, in der das Sterben doch lautlos ist. Nur die Menschen, so denkt man sich, stören heute noch die Grabesruhe Tschernobyls. som

Hans Platzgumer: „Der Elefantenfuß“, 239 Seiten, Limbus, 19,80 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2011)

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