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Ernst Hinterberger: Der Erfinder des „Mundl“ ist tot

14.05.2012 | 17:46 |  Von Bettina Steiner (Die Presse)

Er kannte genau, wovon er schrieb: den Gemeindebau, die echten Wiener mit dem gar nicht goldenen Herzen. Am Montag starb Ernst Hinterberger im Alter von 80 Jahren in Lainz. Hinterberger kam erst spät zur Literatur.

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Es war ein Missverständnis. Ein sehr produktives Missverständnis, immerhin wurde so aus der Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ ein Fernsehklassiker, der bei jeder Wiederholung eine neue Generation von Fans findet. Für jene, die Ernst Hinterberger als Romanautor schätzen, ist dieses Missverständnis trotzdem bitter: Denn der „Mundl“, den man aus dem Fernsehen zu kennen glaubt, hat mit dem Mundl, dessen Leben im Roman beschrieben wird, nicht viel zu tun. Der eine wird von Karl Merkatz als Schlawiner gespielt: ein polternder Macho, der aber das Herz am rechten Fleck hat und dem deshalb die Galle übergeht. Über diesen Mundl kann man sogar noch lachen, wenn er seinen Sohn, den Karli, anfährt: „Wannst du noch einmal sagst, dass die Mama a Tratschn ist, kannst du dir gleich an Krankenschein besorgen.“

Ernst Hinterberger (1931 - 2012): Ein echter Wiener ist tot

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Verstörend: „Das Salz der Erde“

Hinterbergers Roman „Das Salz der Erde“ dagegen – das ist ein Faustschlag, ein Abgesang auf das Patriarchat: Dieser Mundl kann die Zeichen der Zeit nicht lesen, er hält an seinem Machogehabe fest, auch wenn er damit seine Familie sprengt. Allein das Gespräch, das er mit seiner Frau Toni über den ehelichen Sex führt, gehört zum Verstörendsten, Schonungslosesten, das in Österreich zu diesem Thema geschrieben worden ist. Das Ende des Romans ist kein bisschen versöhnlicher: Dieser Wiener wird untergehen, weil er alle, die er geliebt hat und die ihn geliebt haben, grausam zurückgestoßen hat.

Ernst Hinterberger, am 17. Oktober 1931 geboren, kam erst spät zur Literatur: Er absolvierte erst eine Elektrikerlehre, ging dann zur Polizei – erst nach Abschluss seiner Ausbildung stellte sich heraus, dass er für den Polizeidienst „körperlich ungeeignet“ sei. Er verdingte sich als Hilfsarbeiter, bildete sich aber an der Volkshochschule fort, ergatterte einen Job in einer Bücherei. Acht Jahre lang leitete er eine Bücherei in Ottakring, bis sie geschlossen wurde.

Im Alter von 35 Jahren begann er zu schreiben. Gedichte, die von seinem Glauben kündeten, dem Buddhismus. Kurze Zeit später entstand das erste Prosastück – und es war ganz anders gestrickt, es zeigte den sanften Buddhisten als kraftvollen Arbeiterdichter: „Die Familie Sackbauer in Jesolo“ war das Manuskript übertitelt. Der Zsolnay-Verlag zeigte Interesse und bat Hinterberger, den Text auf Romanlänge zu bringen. Ergebnis war „Das Salz der Erde“. Er habe, meinte Hinterberger einmal, über die „kleinen Leute“ schreiben wollen, wo doch sonst immer alle nur über die „besseren“ schrieben.

Auch beim „Kaisermühlen-Blues“ – ab 1992 im ORF gesendet – blieb er diesem Konzept treu. Mochten andere Fernsehserien die Reichen und Schönen in den Mittelpunkt rücken – bei ihm drehte sich alles um die Hausmeisterin Turecek, die Trafikantin Gitti, die Leute aus dem Gemeindebau. Im Gegensatz zum „Echten Wiener“ war das eine Serie mit Charakteren, die man lieb gewinnen konnte und sollte – sogar die beiden leicht vertrottelten Parteifunktionäre von SPÖ und ÖVP, die als Bezirksräte für Komik sorgten. Wenn es um die FPÖ ging, war bei Hinterberger freilich Schluss mit lustig: Der blaue Aufsteiger, gespielt von Alfons Haider, war eine wirklich üble Figur.

Ja, Hinterberger, der 15 Jahre in der Zeitschrift der Arbeiterkammer eine Kolumne namens „Kollegen“ schrieb, war ein politischer Autor, und er war – auch wenn er seine buddhistische Abgeklärtheit immer wieder betonte – ein kämpferischer Autor. Oft kämpfte er mit den Mitteln der Satire – und meist sehr raffiniert, denn er wusste wohl, dass das Publikum nicht belehrt werden will. In einer Folge des „Kaisermühlen-Blues“ spielt Hinterberger höchstpersönlich einen Ungustl, der im Wahllokal auf die Politiker schimpft, diese „Hurenviecher“: Die „ghöraten alle in die Wüascht“ – wie die Katzen und Hunde der Frau Klinger. Spätestens, wenn es um die Tiere ging, mochte da keiner mehr zustimmen . . .

Die dritte Serie, mit der Hinterberger erfolgreich war, war ein Ableger des „Kaisermühlen-Blues“: Im Mittelpunkt stand ein Polizist – auch dieses Milieu kannte Ernst Hinterberger genau. Das war wohl sein Rezept: Er wusste, wie die Leute sind, von denen er schrieb, er wusste, wie sie sprechen, was sie trinken, wie sie Urlaub machen, wie es in ihren Wohnungen und in ihren Herzen aussieht: Noch differenzierter als in den Drehbüchern konnte er dieses Wissen in seinen Romanen ausbreiten, etwa in „Das Abbruchhaus“, in dem er das Leben in einem Zinshaus über die Jahrzehnte beschrieb.

Er selbst hat „seinem“ Milieu auch dann nicht den Rücken gekehrt, als es ihm finanziell möglich gewesen wäre – er lebte im Gemeindebau, arbeitete bis 1991 als Expeditleiter in einer Fabrik. Am Montag ist Ernst Hinterberger im Alter von 80 Jahren gestorben.

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37 Kommentare
 
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Ein Vertreter der einfachen Geister

ist von uns gegangen. Ruhe in Frieden.

Ein guter Mensch ist von uns gegangen

Wenn man ihn im TV gesehen hat, hat er vorzüglich den oiden Grandscherm gspielt. In Wirklichkeit war er ein Mensch, der auf die inneren Werte eines Menschen mehr geschaut hat als auf den sozialen Status, was er mit den Worten "De besseren Leut, scheissen auch nur aus einem Loch" ausgedrückt hat.

Gast: Johan C.
15.05.2012 01:01
3 0

Er war vielleicht manchmal kein einfacher Mensch...

aber er hatte sicher ein gutes Herz - und er war eine Institution des österreichischen Films! Eine Legende!

Ich freu mich schon auf die ORF-Sendungen in memoriam, ein Freudenfest post mortem - so wie er wird wohl lange keiner mehr den Wiener Schmäh auf die Leinwand bringen!

Auch Favoriten...

...hatte seinen Charles Bukowski!
Hats off to Ernstl!

Seine Leistungen in allen Ehren

aber ein Typ zum Abwinken, der für mich immer diese elendige Wiener Gemeindebau-Mischpoche verkörpert hat: kleinkarriert, sozialistisch bis in den Tod, banal...leider sind diese Leute mitschuldig an der Situation in der wir uns nun befinden: eine Gesellschaft am Tropf staatlicher Zahlungen voller Anspruchsdenken, zur Reform unfähig. Tut mir leid, das mußte mal gesagt werden.

Re: Seine Leistungen in allen Ehren

Sie tun mir leid...

Antworten Gast: sid
15.05.2012 07:18
6 4

Re: Seine Leistungen in allen Ehren

..sie schreiben das zu einem Nachruf...ist ja wohl das Letzte.

Darf ich ihren schreiben? Gibts da was erwähnenswertes?

"...ein Typ zum Abwinken"...

...ist auch McCarthy the Great!
Er, der sich über das Prekariat glaubt auslassen zu müssen, schreibt ein Deutsch wie der letzte Favoritener Hilfsschüler!
"kleinkarriert" (sic!)
"mußte" (sic!)
"Tut mir leid, das mußte mal gesagt werden." Aha, gesagt hat er 's, und wir dachten er hat s'geschrieben!

Re: "...ein Typ zum Abwinken"...

Wie man sieht - ich hab den Nerv der Hinterberg'schen Zielgruppe getroffen. Und sitzen tut's...

Antworten Antworten Antworten Gast: sid
15.05.2012 08:46
5 2

Re: Re: "...ein Typ zum Abwinken"...

schön in ihrer Welt? Dann schau ich mal vorbei.

Nicht jede Kritik ist ein getroffener Nerv. Sonst wären sie ja ein echter Nervenscharfschütze.

Sie provozieren durch Letztklassigkeit...wenn sie das befriedigt- schön für sie.

"Und sitzen tut's"...in ihrer Welt, sonst nirgendwo, sorry.

Ein wahrer Volksliterat...

der der Sozi-Gesellschaft den Spiegel vorgehalten hat. Hat mich immer toll amüsiert.

Gast: Karli
14.05.2012 18:24
4 1

''Mundl''-Erfinder Ernst Hinterberger ist tot....Mein Beileid!

....am Ende gehen wir ja doch ALLE unter, die "Zauberwelt" in der KEINER untergeht, besteht nur in so manchen Köpfen, SOLANGE, bis der Mensch von der Realität eingeholt wird...von der Geburt bis zum Tod, in diesem Zwischenraum, da drehen wir unsere Filme....así es la vida! R.I.P.

http://www.youtube.com/watch?v=7utC-Gg3bm4

Gast: poldine123
14.05.2012 14:22
10 3

schaaade, ...


... um so einen österreicher.

er hat die leute in mundl und kaisermühlen so dargestellt, wie sie wirklich waren.

noch jetzt wollen leute das so nicht sehen, da sie scheuklappen wie pferde besitzen, aber es hat sich seit dieser zeit auch nicht viel geändert.

grosses lob für alles, was sie gemacht haben, einfach nur danke!

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Re: schaaade, ...

naja, im spiegel sieht man die eigenen optischen makel, in theater oder kinofiguren die innerlichen.

herrn karl, mundl, ... sieht man heute noch auf der straße. die kleidung hat sich halt geändert.

Ernst dein Leben war ein Hit!

Kaisermühlen Blues / Endmund Sackbauer und Co einfach genial.

DANKE!

Re: Ernst dein Leben war ein Hit!

Ja , ich (u.Bekanntenkreis) hatten immer eine Gaudi mit dem "Mundl schauen "... es hatte die Bedeutung eines Sozi Kulturfernsehens.
Super !

Re: Re: Ernst dein Leben war ein Hit!

naja, die Gspritzen kriegen ja auch ihr Fett weg.
Oder habens die Familie der Schwiegertochter so viel sympathischer gefunden beim Mundl, mit allen ihren Klassendünkel?

Gast: so viele kluge menschen hier
14.05.2012 13:43
7 1

Danke !

Danke für so vieles !

Gast: Lilli
14.05.2012 13:22
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Kulturniedergang

Der "Kaisermühlen Blues" und die "Mundl-Serie"
waren bei vielen TV-Zuschauern beliebt und daher erfolgreich. Ich empfand sie als Schande
für Österreich.

Re: Kulturniedergang

Sie sind da mit Ihrer Meinung nicht alleine - ich teile sie allerdings nicht.

Es waren derer viele, die insbesondere die Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" als Schande, Proletenfernsehen, Niveaulosigkeit, etc. bezeichnet haben. Vielleicht war die Reaktion damals deshalb so scharf, weil allzu viele sich selbst und ihre Familien in den Sackbauers wieder erkannt haben.

Wenn man jetzt die Lobhudelei der Politik zu Hinterbergers Tod liest, dann sollten die Parteien auch einmal in ihren Archiven nachkramen, was von dort aus in den 70ern über Hinterberger und seine Figuren gesagt und verbreitet wurde.

Eine Entschuldigung für die vielen unangebrachten Untergriffe hätte er sich posthum verdient.

Antworten Gast: Johan C.
15.05.2012 01:04
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@Lilli:

Naja, dann denke ich mir, er wird wohl Salz in Ihre Wunden gestreut haben - oder humoreskes Desinfizierungsmittel. Er wird wohl genau Ihre Nägel auf den Kopf getroffen haben. Denn:
Man mag immer genau das nicht, was man selbst ist, oder ausstrahlt.

Ernstl (wenn ich Dich so nennen darf) - Danke für Alles! Auch für's "Berühren" von Menschen wie Fr. Lilli.

Re: Kulturniedergang

Es ist eine Schande dass Du die wahren Wiener nicht kennst!

Antworten Gast: nicholasblarney
14.05.2012 17:28
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Re: Kulturniedergang

Ich muß Ihnen leider widersprechen. Beide waren großartig, und ich kann Sie versichern: sowohl der "Mundl" als auch "Kaisermühlenblues" werden von der Realität zuweilen weit übertroffen.

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Re: Kulturniedergang

Weder Sie noch Österreich müssen sich mit der Figur des Mundl identifizieren.

Der Unterhaltungswert und die mediale Bereicherung waren sicherlich enorm.

Schämen muss sich Österreich für manch anderes was da so passiert ... wie zum Beispiel, dass man als Gebührenzahler irrsinnige Gagen für oft letztklassige Leistungen mittelmäßiger Akteure bezahlen muss.

Antworten Gast: Erektor
14.05.2012 14:54
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Re: Kulturniedergang

Was du damit sagst ist mit "die soziale Schicht des Proletariats ist für mich eine Schande".

Liebe Lilli, vielleicht denkst mal darüber nach welche Arbeiten, für die du dir ganz ganz sicher zu "gut" bist, diese Soziale Schicht auch für dich erledigt.

Ich genier mich eher für derlei dumme & ignorante Postings wie deines.


2 0

Re: Re: Kulturniedergang

Ich knie auch immer vor dem Geschirrspüler, der Arbeiten für mich erledigt.

Manche halten die Reichen für peinlich, manche die Proleten. Ist das nicht legitim? Sie genieren sich ja auch ungebetener Weise für andere.

 
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