"Furchtbar, den Zerfall einer Zivilisation zu sehen"

23.02.2013 | 18:37 |  von Jürgen Langenbach (Die Presse)

»Hitler, Mussolini und ich. Ein Mensch in einer Zeit der Übermenschen«, heißt eine Dokumentation auf Arte. Sie spekuliert auf die Reiznamen, leidet aber stark an Materialmangel und zerdehnt, was sie hat.

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Zu Hitler fällt TV-Anstalten immer noch etwas ein, es gibt Archive genug, und Seherinteresse sowieso. Also gräbt man, aber viel findet man nicht mehr, also bläst man es auf und zerdehnt es bis zum Überdruss: „Freitag, 6.Mai 1938. Ich habe Marius und Sulla gesehen“, liest ein Erzähler aus dem Tagebuch von Bianchi Bandinelli.

Der war italienischer Archäologe und Antifaschist und kam trotzdem zur bösen Ehre des Kunstreiseführers von Hitler und Mussolini bei einem Treffen der beiden in Rom und Florenz. Weil ihn schon das Aussprechen der Namen „anekelt“, nennt er sie anders und charakterisiert sie: „Marius (Mussolini) steht mit der Widerwärtigkeit hochmütiger Rosshändler da. Sulla (Hitler) ist auf den ersten Blick weniger abstoßend, er wirkt servil, wie ein kleiner Angestellter, ein Straßenbahnschaffner“.

Das ist ein starker Beginn, man sieht die Wochenschau: Der Mann hat recht! Aber das ist es dann schon fast, es folgen immer längere, völlig unmotivierte Bildstrecken, da zuckt eine Handkamera über einen heutigen Markt – unter vielen T-Shirts eines mit Mussolini bedruckt! –, dann schweift der Blick endlos über die Toskana, im Hintergrund weint ein Cello, manchmal schrillt es auch. Dann wieder die ewig gleichen Dokumentarfetzen, und sporadische Zitate aus dem Tagebuch.

Die sind durchaus erhellend, Bandinelli revidiert sein Urteil – „Schauspielerei, Kunst der Verstellung ist für beide der grundlegende Instinkt“ –, und er hat das Unheil früh kommen sehen – am 1. November 1926 empfindet er es als „furchtbar, den Zerfall einer Zivilisation zu erleben“ –, nun könnte er es aufhalten, sich „mit einem Sprengstoffgürtel“ auf Mussolini und Hitler werfen. Er ist aber dann doch „nur theoretischer Antifaschist“.

Und redet sich so durch, schlichtet mit hoher Raffinesse einen Streit über Architektur, von der Hitler schon sehr viel weiß und Mussolini überhaupt nichts. Aber das wird immer dünner in immer längere Bilderfolgen eingestreut, man hat nun einmal nur zehn Minuten Filmdokumente und 20Minuten Text, muss aber 90Minuten füllen, in den letzten zehn gibt man auf und zeigt Bilder aus den Uffizien, eines nach dem anderen, jedes minutenlang.

Arte, 24.2., 22.55 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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