„Das unsichtbare Mädchen“: Brodelnder Provinz-Krimi

Schon wieder ein Meisterwerk von Dominik Graf: der mitreißende Krimi „Das unsichtbare Mädchen“ am Freitagabend auf Arte. Schon die Vorpremiere erregte Aufsehen.

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Hauptkommissar Tanner (Ronald Zehrfeld) ist mit seinen Ermittlungsmethoden im Rotlichtmilieu nicht zimperlich. – (c) ZDF/Julia von Vietinghoff

Dominik Graf macht die besten deutschen Kinofilme, nur eben im Fernsehen. Ein weiteres Beweisstück dafür war Freitagabend auf Arte zu sehen: „Das unsichtbare Mädchen". Schon die Vorpremiere letzten Herbst erregte Aufsehen: wegen der Inspiration durch den „Fall Peggy", der in Deutschland für Schlagzeilen sorgte. Im oberfränkischen Provinzdorf Lichtenberg war die neunjährige Peggy 2001 auf dem Heimweg von der Schule spurlos verschwunden, 2004 verurteilte man einen geistig behinderten Teenager als Mörder - er hatte nach stundenlangen Verhören gestanden, später widerrufen. Der Fall ist vom Ruch eines Justizskandals umgeben, nicht einmal Peggys Tod ist bewiesen. Eine Leiche wurde nie gefunden, Zeugen behaupteten, Peggy nach der angeblichen Tat gesehen zu haben.

Diese Geschichte dient als Ausgangsbasis für einen Provinzkrimi, der rasant expandiert, bis zu (Korruptions-)Spuren in höchsten Regierungskreisen. Tempo, Vielschichtigkeit und Unverfrorenheit der Umsetzung zeigen Grafs unverwechselbare Handschrift: Da wird nicht lange im Dialog gefackelt, da bringt ein starkes Bild die Sache auf den Punkt. Kaum ist Polizist Tanner (Ronald Zehrfeld) aus Berlin im bayerischen Nest angekommen, wird er beim Dorfwirt mit einer Vergangenheit konfrontiert, die spaltet - und die Figuren antreibt. Eine rote Demarkationslinie ist auf dem Boden: Wer glaubt, dass vor elf Jahren das kleine Mädchen Sina ermordet wurde, steht auf der einen Seite; wer denkt, dass einiges vertuscht wurde, steht auf der anderen.

Der Film ist eine nicht abreißende Serie solcher ausdrucksstarker Momente. Mit unerhörten Exkursionen in Territorien wie Kindersexmilieu. Graf inszeniert mit einer Lust und Freiheit wie in der Genrekino-Hochblüte der 1970er: barock wie die besten italienischen Politkrimis, ökonomisch wie die besten Hollywood-Polizeifilme der „Dirty Harry"-Ära. Man glaubt kaum, dass so etwas im Prime-Time-TV möglich ist.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2012)

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