Liebesgefühle aus dem richtigen Leben

„Total glücklich“ von Silke Hassler: einfallsreich, einfühlsam. Jean-Claude Beruttis Inszenierung geriet allerdings zu pathetisch. Emanuela von Frankenberg entzückt als temperamentvolle Telefonsex-Lady.

„Total glücklich“
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„Total glücklich“
„Total glücklich“ – (c) APA HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

In Zeiten des Internets feiern Sexualpraktiken aus der Schmuddelkiste fröhliche Wiederauferstehung, darunter auch der Telefonsex. Bei Amazon kann man eine Anleitung für diese „Dienstleistung“ kaufen. „Dirty Talking“ gewinnt sogar eine philosophische Dimension. Denn was hat es zu bedeuten, dass Menschen über Sex telefonieren statt einander zu berühren? Das – siehe den Film von 1998 – „merkwürdige Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter“, die sich zumindest theoretisch alles erlauben können, verlockt, auch im Kammerspiel-Programm, zu klugen Betrachtungen die weit über das Klischee hinaus reichen, Telefonsex sei wie alle Prostitution bloß etwas für üble Machos.

Autorin Silke Hassler umrundete mit Pfiff und Sentiment das fürwahr saftige Thema für ihre Komödie „Total glücklich“, die Donnerstag uraufgeführt wurde. Die Kammerspiele werden immer wagemutiger. Das wird spannend, wie das ältere Publikum diese recht explizite Darstellung aufnimmt. Aber die Senioren werden ja auch immer jünger, faktisch, geistig. Die Eröffnung ist fast das Beste des mit 90 Minuten ohne Pause kurzen Abends: Die erfolglose Schauspielerin Elisabeth, die seit Jahren die Julia einstudiert, wiewohl sie längst übers Julia-Alter hinaus ist, betreibt Telefonsex als Brotberuf.

 

Der Mann, eine Neurose auf zwei Beinen

Der gebürtigen Schweizerin Emanuela von Frankenberg merkt man nicht nur an, dass sie mit wichtigen Regisseuren von Hans Lietzau bis Peter Zadek gearbeitet hat, sie erweist sich auch als begabte Komödiantin. Das Telefon läutet. Elisabeth/Denise stürzt in ihr Appartement, und nun beginnt eine köstliche Slapsticknummer: Während sie den Kunden am Telefon aufgeilt, frottiert sie ihr nasses Haar, schaufelt Schnee aus ihren Taschen, zieht sich um, füllt ein Kreuzworträtsel aus, beißt in eine Wurst usw. Die Tür zu ihrem hübschen Miniloft, in dem sich Elisabeths Träume anhand von altmeisterlichen amourösen Gemälden, die sie selbst malt, Starfotos, Scheinwerfern manifestieren (Bühne: Armella Müller von Blon), hat sie in der Eile offen gelassen. Der Nachbar lauscht vom Gang ihrem schlüpfrigen Monolog in erdig-tiefem Schweizerdeutsch, und es vergehen ihm naturgemäß Hören und Sehen. Jean-Claude Berutti hat inszeniert, er hat ein großes Theater in der Nähe von Lyon geleitet und verfügt auch als Regisseur über breite Erfahrung in Schauspiel und Oper.

Berutti balanciert gekonnt das nun folgende, wild wogende Beziehungsspektakel. Doch in diesem Theaterlabor herrscht zu viel Dampf. Mehr britisch-lakonisches Pointenservice als französisches Pathos, von dem insbesondere der Partner Frankenbergs, Markus Gertken, als erfolgloser Schriftsteller Andreas überreichlich abbekommen hat, wäre vorteilhaft gewesen. Andreas wird auch zu stark der Lächerlichkeit preisgegeben mit seiner Mutterbindung, seinen Neurosen, Versagensängsten, seiner Liebes- und Todessehnsucht. Hasslers Text zeigt viel Einfühlungsvermögen, was die Untiefen der angeblich schönsten Sache der Welt angeht. Sie versteht sich auch aufs komödiantische Klippklapp. Langweilig ist einem nicht, vielmehr stimmt das Tarnen und Täuschen dieser zwei Leute, die in ihren Vierzigern, Fünfzigern gleichermaßen panische Angst und ebensolche Begeisterung zeigen, sich noch einmal auf etwas einzulassen, nachdenklich.

Das Publikum wirkte bei der Premiere amüsiert. Trotz des extremen Szenarios inklusive Fesselspiele und Selbstmordversuche wird hier mancher Nerv des Alltagsliebeslebens getroffen. Als Andreas beim Akt versagt, sich beleidigt zurückzieht und erklärt, das passiere ihm nie, lachte eine Zuschauerin auf, andere stimmten ein. Statt lauem Hollywoodlustspiel-Abklatsch wird hier herzhaftes Schauspiel live, ganz nah aus dem richtigen Leben geboten. So geht's.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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