08.11.2009 10:07 | Meine Presse Merkliste0

"Ich will Oper singen!"

18.06.2007 | 18:29 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

England. Paul Potts, ein Handyverkäufer aus Wales, wurde durch eine TV-Show schlagartig berühmt: mit einer Puccini-Arie. Wunderkind, Betrüger – oder Opfer?

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Es war einmal ein armer Handy-Verkäufer aus Wales, der nur einen Wunsch hatte: Opern zu singen. Eines schönen Tages nahm er all seinen Mut zusammen und ging ins Schloss – nein, ins Fernsehen. Dort saßen zweitausend Leute im Kreis und in diesem Kreis stand ein Tisch mit zwei gut aussehenden Männern und einer schönen Frau, die über ihn richten sollten. Die schöne Frau fragte ihn: „Warum bist du heute hier, Paul?“ – „Um Oper zu singen“, antwortete Paul mit glänzenden Augen. Und die Richter nickten und verkniffen sich gleich wieder ihr ironisches Lächeln. Dann aber tönten Klänge aus den Lautsprechern – Puccinis „Nessun dorma“ – und Paul begann zu singen. Und es war so schön, so schön, dass das Publikum zum Jubeln, zum Schreien und zum Weinen anfing, so schön, dass die hohen Herren sich verdutzt die Ohren zupften und auf die Lippen bissen. Die schöne Frau aber wischte sich am Ende ein paar unsichtbare Tränen aus dem Gesicht und sagte: „Ich glaube, wir haben hier ein kleines Stück Kohle, das sich in einen Diamanten verwandeln wird.“


Modernes Aschenputtel-Märchen

Abgespielt hat sich dieses schöne Aschenputtel-Märchen bei der neuen britischen TV-Show „Britain's Got Talent“. Das beste Amateurtalent Englands war gesucht, nach dem Vorbild der US-Show „American Idol“, deren für seinen Zynismus gefürchteter Juror Simon Cowell auch die britische Variante erfunden hat.

Anders als bei „Starmania“ ist die Suche dabei nicht auf Popmusik beschränkt, auch Kabarett oder Akrobatik etwa sind erlaubt. Am Samstag stand der Sieger fest: der Puccini-singende „Handy-Verkäufer aus Wales“.

Im Internet ist aber längst eine wahre Pott-Manie ausgebrochen: Das Video seines ersten TV-Auftritts kursiert mit ungeheurer Resonanz, allerorten in Amerika und Europa schreiben sich Blogger ihre Begeisterung von der Seele über diesen schüchternen dicklichen Mann mit den schlechten Zähnen, der mit hängenden Armen vor dem Mikrofon steht, lächelnd wie ein kleiner Bub, der noch an den Weihnachtsmann glaubt, und im nächsten Moment alle mit seinem Gesang zum Staunen bringt.

Wunderkind oder Betrüger? In den Internetforen kursieren auch noch andere Versionen der rührenden Geschichte: Paul Potts sei in Wahrheit gar kein Amateur, sondern professioneller Opernsänger und sogar ein Schüler Luciano Pavarottis!

Tatsächlich findet man einen „Paul Potts“ auf der Homepage einer Amateur-Provinzoper: dem Opernhaus in der westenglischen Kur-Stadt Bath. Dort erfährt man, dass der Sänger immerhin einmal eine Meisterklasse bei Luciano Pavarotti absolviert hat, auch, dass er mit dem Royal Philharmonic Orchestra aufgetreten ist (ob als Solist oder im Chor, wird nicht verraten) und in Bath unter anderem Verdis Don Carlos gesungen hat.


Ein Schüler Pavarottis?

Über diese kleine Sängervergangenheit hat man in der Show freilich kein Wort erfahren. Auf der Homepage des Senders ITV wird sie allerdings nicht verschwiegen, und dort steht auch, wie es mit Paul Pott nach 2003 (aus diesem Jahr stammt der Internet-Eintrag der Bath Opera) weiterging: Er hatte einen Motorradunfall, musste zu singen aufhören und arbeitete in den vergangenen drei Jahren tatsächlich als Verkäufer.

Er liebe Shows, bei denen „gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Jobs“ antreten, „und dann sieht man ganz was anderes“, verkündete Show-Gründer Simon Cowell. Ja, was? Eine perfekte Inszenierung, die von echten Träumen, echten Tränen schmarotzt: denen des Publikums und denen Paul Potts, dessen Stimme in Wahrheit nie für eine Sängerkarriere ausreichen wird.

Aber noch darf er vor der Queen singen, bekommt 100.000 Pfund und darf sogar mit Juror Simon Cowell ein Debütalbum produzieren. Spätestens auf der Opernbühne dann, ohne Mikrofon und „Nessun dorma“, wird der Traum grausam enden. Aber das kümmert dann niemanden mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2007)

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9 Kommentare
Gast: weile
11.07.2008 23:22
0 0

???

Zitat: Eine perfekte Inszenierung, die von echten Träumen, echten Tränen schmarotzt: denen des Publikums und denen Paul Potts, dessen Stimme in Wahrheit nie für eine Sängerkarriere ausreichen wird. Zitat Ende...

Also viel Ahnung von Musik muss man wirklich nicht haben, um zu merken, dass diese Stimme außergewöhnlich ist.

Nebenbei wurde sein erstes Album in 15!!!! Ländern Nummer eins, aber wenn das kein Beweiß ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

Gast: Otto Häusler
08.07.2007 21:54
0 0

Berührt

Ich höre des öfteren klassische Musik, bin
aber doch kein Kenner was Stimmen usw.
anbelangt - möchte aber doch bemerken, daß mich seit langen keine Stimme so beeindruckt hat wie diese - Sie hat das gewisse etwas, das viele Profis leider nicht mehr haben und das sind Ausdruck - Kraft und vor allem Seele. Ich hoffe, das sie uns erhalten bleibt.

Gast: Max Hörberg
23.06.2007 00:05
0 0

Nachtrag: Plattenvertrag

Wie man http://www.paulpottsofficial.com/ entnehmen kann, hat Paul Potts soeben einen Plattenvertrag nur für England und USA über 1,5 Mio EUR unterschrieben.

Gast: martin köck
21.06.2007 12:10
0 0

ein castingshow findet ein echtes talent, das darf nicht sein...

selbst wenn potts bei pavarotti im privatunterricht war. ist das völlig nebensächlich. er hatt eine emotionale und für einen nichtopernkenner wie mich, eine fantastische probe seinnes könnens abgegeben. für engstirnige ist der rahmen einer castingshow grund genug ihn in der luft zu zerreissen. vielleicht ist dieser eine mann der einzige grund warum alle bisherigen formate dieser art doch ein recht haben zu exsistieren und hin und wieder kann auch ein stern aus der unteren schublade des entertainments herrausfallen. warten wir ab was passiert. ich jedefalls mag ihn und er ist ein grund für mich mehr mit opern und klasseik zu beschäftigen. da hatt die sache ja schon was gutes bewirkt, oder nicht?

Antworten Gast: Max Hörberg
21.06.2007 14:37
0 0

Re: ein castingshow findet ein echtes talent, das darf nicht sein...

Ich selbst bin Bariton und ebenfalls aus der Italienischen Schule. Bei "Deutschland sucht den Superstar", deren Formulare ich mir durchgesehen hatte und dabei ebenfalls mit Opernarien angetreten wäre, wäre ich bereits an der "Altersgrenze" gescheitert, da kann man dann singen können wie man will. So kann man sich das vorhandene kulturelle Potential in Deutschland auch wegorganisieren. Aber beim ARD-Wettbewerb liegt die Altersgrenze ja auch viel zu niedrig, weil bestimmte Stimmen eben erst in höherem Alter reif genug sind.

Gast: Max Hörberg
20.06.2007 22:22
0 0

ein Lichtblick

Ich darf feststellen, dass Paul Potts aus bester italienischer Belcanto-Schule kommt. Da stimmen sogar die Feinheiten in den Vokalmischungen wie es schon seit Jahrzehnten bei keinem Tenor mehr der Fall war. Hier offenbart sich wahre Meisterschaft. - Es fragt sich nur, ob das die Leute mit dem vielen Geld im Rücken auch merken. Sie möchten Geschäfte machen, nur fehlen ihnen oft die richtigen Hörgewohnheiten, weshalb sie weniger gute Geschäfte machen als sie könnten. Da setzt man dann gerne ahnungslos auf Schreihälse.

Antworten Gast: Paul L.
06.08.2007 21:19
0 0

Re: ein Lichtblick

Mich würde interessieren, wie das gesangliche Niveau von Paul Potts im vergleich zu professionellen Sängern zu bewerten ist. Ich bin kein Opernkenner - aber durchaus interssiert und von der tollen Performance beeindruckt.

Antworten Antworten Gast: Jotti
09.07.2008 16:19
0 0

Und nun?

Der Autor dieses Artikels darf heute noch einmal über seine letzten Sätze nachdenken. Paul Potts ist ein Star, keine Frage! Mögen die Experten über ihn denken, was sie wollen ...

Antworten Antworten Antworten Gast: gopo
18.09.2008 16:31
0 0

Re: Und nun?

...und wem interessiert warum er so gut singt ? es hört sich so aus wie sex nach 10 jahren abstinenz sich fühlt. und nur das zählt.

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