Nackte Frau mit Kopftuch: Bildersturm am Karlsplatz

Olaf Metzels Skulptur „Turkish Delight“ wurde von zwei Unbekannten vom Sockel gestoßen. Bereits zum zweiten Mal.

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Kunsthalle Wien

Am 9.November war Olaf Metzel noch voll positiver Erwartungen. An diesem Tag wurde sein lebensgroßer Frauenakt mit islamischem Kopftuch vor der Kunsthalle am Karlsplatz aufgestellt. In Wien als Schnittstelle zwischen Ost und West glaubte der deutsche Bildhauer seine Bronzeskulptur gut aufgehoben. Allzu heftige Reaktionen erwartete er nicht: „Man sollte keine Berührungsängste zum öffentlichen Raum haben“, sagte er damals zur „Presse“.

Leider hat sich die furchtlose Berührung als schmerzhaft erwiesen. Bereits zum zweiten Mal wurde die Skulptur in der Nacht auf Sonntag von ihrem Sockel gerissen und dieses Mal auch schwer beschädigt. Eine Überwachungskamera hat den Vandalenakt zweier Unbekannter aufgezeichnet. Türkischer Zorn statt „türkischen Entzückens“: Zahlreiche kritische Artikel und erboste Leserbriefe in türkischen Medien sind der Attacke vorausgegangen. Ob die Statute nach ihrer Restaurierung wieder aufgestellt wird, ließen der Künstler und der Kunsthallen-Direktor Gerald Matt vorerst offen.

Dabei sollte das Werk unprätentiös, ohne Spektakel und Provokation die Widersprüche in den Frauenbildern von Orient und Okzident sichtbar machen. Kritik an der islamischen Verschleierungspraxis verbindet sich in ihm mit Unbehagen am kommerziellen Gebrauch des Körpers der „westlichen“ Frau. Als Anstoß für friedliche Debatten sollte es den öffentlichen Raum im Sinne der griechischen Agora wiederbeleben.

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny nannte die Beschädigung der Statue einen „üblen Anschlag auf die Freiheit der Kunst“. Haben die Vandalen gesiegt? Für Matt ist die Türkei ein offenes Land, er erwähnt positive Stimmen. Nach Angaben des Künstlers ist die Statue im Besitz eines türkischen Sammlers. Auch das Istanbuler Modernemuseum sei an einem Abguss interessiert.

Matt bleibt, dem Rückzug zum Trotz, kämpferisch: „Das ist nicht das Ende der Debatte, sondern erst ihr Anfang.“ Vielleicht zu spät startet nun ein breiter Diskurs mit Podiumsdiskussionen und Symposien. Die Agora am Karlsplatz lebt weiter, doch hat man sie ihres stärksten Bildes beraubt. gau

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2007)

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