Akademietheater

Diesen Faust trösten nicht Engel, sondern Abba

Jan Bosse inszenierte Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“, ein fiebriges, bildstarkes Roadmovie über eine bipolare Störung. Joachim Meyerhoff ist phänomenal. Doch das Buch geht mehr zu Herzen.

Joachim Meyerhoff als „Ich“, Protagonist von Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“, kopiert sein bestes Stück für ein Kunstwerk im Wiener Akademietheater.
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Joachim Meyerhoff als „Ich“, Protagonist von Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“, kopiert sein bestes Stück für ein Kunstwerk im Wiener Akademietheater.
Joachim Meyerhoff als „Ich“, Protagonist von Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“, kopiert sein bestes Stück für ein Kunstwerk im Wiener Akademietheater. – Reinhard Maximilian Werner/Burgtheater

An den eigentlichen Geschlechtsakt mit Madonna kann ich mich kaum erinnern. Es wird weder besonders wild noch besonders langweilig gewesen sein. Madonna ist nämlich gar keine Sexbombe.“ Thomas leidet an der bipolaren Störung. Erst will er sie nicht wahrhaben, dann überfällt sie ihn. Im Wahn glaubt er, mit Stars zu schlafen, er wird in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie eingeliefert, flüchtet, muss wieder hinein. Als Autor wird er immer bekannter, doch die Schulden wachsen – und Gnarls Barkley singt dazu „Crazy“: „I lost my mind“ . . .
Thomas Melles „Welt im Rücken“ handelt von ihm selbst. Aber das Buch ist viel mehr als ein Krankenbericht. Per Anhalter durch die Buben-Galaxis, so könnte man den Boom von Autoren in der Nach-Wende-Generation beschreiben, auch wenn profilierte Damen wie Helene Hegemann oder Juli Zeh in der illustren Runde der Pop-Literaten wie Benjamin Lebert, Stuckrad-Barre, Christian Kracht zu finden sind. „Lockerschreiber“ sind sie für Melle – den dramatischen, tragischen Außenseiter aus einer unglücklichen Familie mit prügelndem Stiefvater und depressiver Mutter: „Meine Kindheit trägt die Farbe des Wortes Hämatom“.

Joachim Meyerhoff.
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Joachim Meyerhoff.
Joachim Meyerhoff. – Reinhard Maximilian Werner

Ein Shakespeare-Irrer von heute

„Die Welt im Rücken“ ist eine Faustiade, vor dem Selbstmord bewahren diesen Helden aber nicht Engel, sondern Abba mit „Fernando“. Immer wieder steht Thomas auf, schwingt die Sprache wie eine Laser-Waffe. Viel Zeit-Diagnose steckt in dem Buch. Es geht um die Wissensrevolution: Was muss, kann gewusst werden, welchen Trost bieten noch die „alten Meister“? Es geht um die Gründerzeit im Internet, das Stimmengewirr, das selbst Gelassene in Raserei versetzt.
Es geht um Hilfe durch die Medizin und um ihre Hilflosigkeit; Gehirne werden seit der Renaissance seziert, die Hirnforschung heute schreitet voran, doch ganz genau weiß man nicht, was da oben vorgeht, also wird das fleischlich-geistige Gewinde-Gewirr mit Tabletten beschossen. Thomas nimmt zuletzt Lithium. Techno und Tinnitus-Kater, Bier und Korn, Ausrasten, Umziehen, Herumfahren, Schlägereien begleiten das fiebrige Roadmovie, aus dem jeder Zuseher den Strang ziehen mag, der seinen Nerv trifft. Seufzen und Raunen bei der Uraufführung der Roman-Fassung Samstag im Akademietheater ließen manche erschrockene Erkenntnis ahnen: Der Shakespearesche Irre, der hier tobt, steckt in jedem. Ein Glück, wenn er nicht so machtvoll heraus drängt.
Jan Bosse, der gewitzte und witzige Regisseur, der punkigen „Othello“ und rasenden „Robinson“ an der Burg servierte, hat inszeniert. Bühnenbildner Stéphane Laimé wählte die Feuermauer als Hauptkulisse. Gegen Schluss schwebt eine weiße Skulptur auf und ab, die an Bruno Gironcolis Liebes-und Todesmaschinen erinnert. Vielleicht handelt es sich aber auch um den Temporallappen des Gehirns, zuständig für Gedächtnis, Sprachverständnis – oder Halluzinationen. In über drei Stunden mit einer Pause („Ich muss kurz aufräumen“) bestreitet Joachim Meyerhoff alleine diesen Abend. Immer wieder setzt einen dieser unglaubliche Nerven-Schauspieler in Erstaunen.

Ariadne-Faden im Wahn-Labyrinth

In beiger Hose, Pulli, Krawatte in gleicher Farbe tritt Thomas an, darunter trägt er schon den Overall (die Zwangsjacke?). Er spielt Pingpong, die Bälle sind ein Running Gag, sie werden zerklopft, zerbissen, einer schwebt in der Luft, andere verbinden Neuronen. Thomas baut eine Do-it-yourself-Paranoia. Er schlingt Wolle, der Ariadnefaden im Labyrinth des Wahn-Minotaurus wird zum Geflecht, in dem der verstörte Bastler behände herumstolpert. Er vervielfältigt sich in schreiender Helnwein-Pose auf dem Kopierer, tackert ein gespenstisches Alter ego von sich an die Wand. Das Publikum muss mitspielen, beim Tischtennis mit mehreren Bällen, bei der „Provokation“, Meyerhoff verspottet Leute in der ersten Reihe und heftet den Schal einer Dame auf sein Gemälde. Wie Jesus schleppt er sein Kreuz, einen stählernen Balken. Das Lustigste ist die bernhardeske Theater-Parodie über die Proben eines der Stücke von Thomas in Erlangen.
Das Publikum raste: Standing Ovations für Meyerhoffs Virtuosen-Stück. Wohl haben wenige den Roman gelesen, wie oft bei Theaterversionen von Büchern. Macht nichts. „Die Welt im Rücken“, das Original, ist unsagbar traurig, deprimierend, nur selten urkomisch. Es schildert inneren Zerfall, Isolation, Ich-Verlust unter polierten Oberflächen. Diese Aufführung ist grandios, aber sie erhellt nur Teile von Melles Kosmos.

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