Nie wieder Marillenmarmelade!

Kasino. „Kartonage“ von Yade Yasemin Önder, eine Satire über Kinder, Eltern und die Angst vor allem Fremden, ist amüsant und treffend. Zwei Schauspieler wachsen über sich hinaus.

Ein hinreißend grässliches Paar: Petra Morzé und Bernd Birkhahn in „Kartonage“.
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Ein hinreißend grässliches Paar: Petra Morzé und Bernd Birkhahn in „Kartonage“.
Ein hinreißend grässliches Paar: Petra Morzé und Bernd Birkhahn in „Kartonage“. – (c) Reinhard Maximilian Werner

Manche gehen aus, das Fürchten zu lernen“, heißt es in „Kartonage“, einem kurzen, heftigen Drama der türkischstämmigen Deutschen Yade Yasemin Önder, das morgen, Sonntag, und Montag (1./2. 10.) wieder im Kasino zu sehen ist. Schon wieder Flucht und Fremde? Nun ja, diese Flucht ist mehr allgemeingültig. Ein Mädchen hat sein Zuhause verlassen, und draußen ist irgendetwas passiert. Nun ist die junge Frau wieder daheim, aber die Freude ihrer Eltern hält sich in Grenzen. Die zwei bizarren Alten haben sich in einem Karton, hier ein Holzverschlag, eingerichtet, sie verlassen ihn nicht mehr, wechseln Floskeln, mit denen sie seit Langem ihre Beziehung am Köcheln halten, die auch ein Machtkampf ist – wie oft bei Paaren.

 

Meide jedes System, selbst die Eltern

Der Running Gag für dieses unheimliche Idyll, das nach dem Vorbild von Samuel Beckett oder Ionesco aufgebaut ist, aber doch anders und moderner funktioniert, ist Marillenmarmelade. Die orangefarbene Pampe ist überall, sie wird gehortet, verzehrt, dient als ideeller und faktischer Kampfstoff – und sie klebt. Önder, 1985 in Wiesbaden geboren, erzählt von der Rebellion des Nachwuchses gegen das Dasein im schmucken Karton (oder Einfamilienhaus), von Ritualen, die einmal Geborgenheit vermittelten und ab einem gewissen Moment nur mehr nerven. Und dann folgt der Ausbruch, der aber oft genug scheitert.

Die Rückkehr ist kaum mehr möglich. Die einst geliebten oder wenigstens vertrauten Eltern haben sich schaurig verändert. Franz Xaver Mayr, der aus St. Johann im Pongau stammt und in Gießen studiert hat, wo viele Talente herkommen, hat inszeniert und balanciert die Geschichte geschickt zwischen Tragödie und Komödie. Trotz der abgründigen Kunstfiguren, die in ihrem Leben und daher auch in ihren Sprachhülsen feststecken, werden sich wohl viele an diesem Abend wiederfinden. Petra Morzé und Bernd Birkhahn, vertraut von vielen Rollen am Burgtheater, sind über sich hinausgewachsen und wirken total verwandelt, nicht nur optisch mit ihren Ganzkörpertrikots. So gemein wie komisch spielen sie Herrn und Frau Werner, die früh vergreisten Alten.

Irina Sulaver gibt Rosalie, die junge Erwachsene, die das Gehäuse ihrer Eltern durchschlägt, aber an deren verstocktem Beharrungsvermögen zerschellt. Zerdrückt und verdrossen wie ein an die Wand geworfener Frosch hockt diese junge Frau mal hier, mal dort und scheint immer überflüssig, kaputt oder fehl am Platze zu sein. So wie sich Kinder oder Heranwachsende eben oft fühlen. Und doch geht Rosalie auch neue Wege, zu charmanter französischer Musik. Sophie Lux, Multimedia-Spezialistin an der Burg – zuletzt illustrierte sie die „Lumpenloretta“ nach Christine Nöstlinger mit Sarah Viktoria Frick – drehte das beredte Video zu „Kartonage“: Es führt in eine verschwommene Welt draußen, die sehr wohl bedrohlich ist, aber die Richtung, aus der das Schlimme oder Unerwartete kommt, ist nicht klar. Mutwillige Jugendliche lösen Katastrophen aus – oder sie kommen davon.

Önders minimalistische Geschichte (75 Minuten ohne Pause) wahrt ihr Geheimnis. Sie wirkt zeitlos, raffiniert, dabei sprachlich authentisch und aus dem Leben gegriffen, aber nicht auf eine banale Weise – wie das sonst oft im aktuellen Drama oder im Fernsehen passiert. In diesem Überraschungspackerl steckt eine sanfte, aber gewaltige und listige Message: Hüte dich davor, dich wo hineinquetschen zu lassen und sei es auch das eigene Elternhaus, denn dort fängt alles an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2017)

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