Zwischen gestern und morgen

05.05.2006 | 00:00 |  von Christina Höfferer (Die Presse)

Zehn Prozent des Zirkuslebens sind Auftritt, 90 Prozent ist Aufbau, Abbau und Üben, Üben, Üben. Zirkus Roncalli wird 30. und der Zeichner Laurin hält auch fest, was bei den 90 Prozent hinter der Manege passiert.

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Laurin möchte den Menschen in die Seele schauen. Er will auch ihre dunklen Seiten sehen, nicht nur die schillernde Fassade. „Im Zirkus erlebt man den Menschen mit all seinen Facetten.“ Der Zeichner muss es wissen. Er ist seit Jahren dabei. Konkret seit jenem Tag, als wegen des Oktoberfestes in München die Straßen gesperrt waren, und Laurin seinen Wohnwagen nirgendwo abstellen konnte. Da hat er ganz einfach bei der Zirkuskassa gefragt, ob er denn auf deren Gelände parken könne. Und schon war er drinnen. Laurin im Roncalli. „Das unterscheidet den Roncalli von anderen Zirkussen,“ sagt Laurin, „Roncalli ist offen, er zeigt sein Leben auch abseits vom Manegen-Spektakel.“

Paul, Deix und Helnwein

Pate für den Namen Roncalli stand der humorvolle Volkspapst Johannes XIII., der als Angelo Giuseppe Roncalli geboren wurde und mit seinen witzigen Bonmots in die Kirchengeschichte einging. „Papst kann jeder werden, ich bin das beste Beispiel dafür,“ sagte der „gute Papst Roncalli“. „Einen Zirkus auf die Beine stellen, kann auch jeder“, dachte sich wohl Bernhard Paul. Gemeinsam mit dem späteren Mit-Gründer Andrè Heller wollte er „die Zirkuskunst erneuern“. Am 18. Mai 1976 war es dann so weit. Premiere in Bonn. „Die größte Poesie des Universums“ hieß das Stück. Sehr treffend. Roncalli versteht sich schließlich als Theater, und will nicht bloß Zirkusnummern aneinander reihen. Das hat ihn 30 Jahre später so erfolgreich gemacht. Doch offenbar ist das noch nicht genug. Denn das Stück zum Jubiläum heißt „Zwischen gestern und morgen“. Also heute – eine Zwischenbilanz: 15 Millionen Besucher haben die Programme gesehen, in der Saison arbeiten 150 Menschen dort, das Zelt fasst 1500 Leute, zum Imperium gehören auch drei Varietés, ein Jahrmarkt und ein Merchandisinggeschäft, der Jahresumsatz beträgt knapp 13 Millionen Euro – eine richtige Zirkus-Maschinerie.
Entstanden ist der Traum vom großen Zirkus im Kopf des kleinen Berhard Paul. Im niederösterreichischen Wilhelmsburg zauberte ein Zirkus Farbe ins Leben des sommersprossigen, rothaarigen Buben, der sich dort erstmals nicht als Außenseiter fühlte. Vorerst lernte er doch was Normales. Er studierte an der Graphischen Fachschule in Wien und teilte sich mit seinem Kommilitonen Manfred Deix eine Garconniere im dritten Bezirk. Die beiden schwänzten den Unterricht, um „für ein paar Schilling irgendwo schäbige Auslagen zu dekorieren“. Dritter im Bunde war Gottfried Helnwein – ein ganz schön kreatives Rat Pack.

Ein Außenseiter

Heute ist Laurin der Außenseiter. Zumindest im Zirkusleben. Er taucht nicht in den sorgfältig choreographierten Vorstellungen in Bern hard Pauls Manege auf, sondern davor und danach. „Die Vorstellung macht ohnehin nur zehn Prozent des Zirkuslebens aus. 90 Prozent sind Auf- und Abbau, Einstudieren und Probieren. Das alles interessiert mich viel mehr.“ Und das alles hält Laurin in seinen Zirkus-Zeichnungen fest. Mit wenigen Strichen fängt er Bewegungen ein. Ob mit dem Graphitstift, Tuschepinsel oder der Feder – schnell muss es gehen. „Die Nummer ,Zwei Schmetterlinge und eine Blume‘ dauert nur acht Minuten, und in fünf Minuten habe ich die Zeichnung fertig“, erzählt Laurin, der Zirkus-Zeichner.

Hartes Zirkusleben

Eigentlich führt Direktor Bernhard Paul nicht nur einen Zirkus, sondern ein breit gefächertes Entertainment-Unternehmen. Doch der beste Unterhalter ist er selbst. Das andere Ich des Bernhard Paul ist nämlich Zippo, der Clown. Der eigentliche Star in der Manege. Wenn es nach Bernhard Paul ginge, wäre er gerne den ganzen Tag Zippo, doch der Auftritt als dummer Augustin ist lediglich ein Kurzurlaub von der Bürokratie.
André Heller und er gerieten sich übrigens relativ rasch in die Haare. Es folgte eine ganze Serie von Prozessen. Für Paul brachte die Auseinandersetzung eine nahezu unüberschaubare Verschuldung. Die ruinöse Gratwanderung endete erst 1980. Damals feierte das Programm „Die Reise zum Regenbogen“ in Deutschland glanzvolle Erfolge und bildete den Grundstein für das Roncalli-Imperium. Österreich ist für Paul aber nach wie vor die Heimat. Und so führt er auf der Zirkusreise stets einen Wiener Kaffeehauswagen mit und lässt die neuen Roncalli-Kostüme Lambert Hofer schneidern. Und Wien selbst spricht immer wieder über einen Roncalli-Weihnachtsmarkt vor dem Wiener Rathaus oder ein Zirkusmuseum im Prater. Gewiss ist nur, dass Roncalli im Herbst ein Gastspiel in Wien geben wird.

Momentaufnahmen

Zirkus-Zeichner Laurin hat durch seine flinke Feder eine große Auswahl an grafischen Momentaufnahmen des Zirkuslebens. Die Zeichnungen hängt Laurin in seinem Wohnwagen auf, lässt sie auf sich wirken und selektiert. Ein Prozent davon darf bleiben. „Ich könnte die Zeichnungen in der Pause verkaufen, aber das nimmt mir zu viel Energie weg, die ich fürs Zeichnen brauche“, sagt Laurin und er meint augenzwinkernd, dass er vom Zeichnen im Zirkus zwar nicht leben kann, aber dass es sich sehr gut für das Zirkus-Zeichnen lebt. Im Zirkus selbst braucht er nicht viel. Das Leben dort ist reich an Eindrücken, an Intensität und an Abwechslung. Die Probleme ergeben sich eher zu Hause, im Mühlviertel, wo Laurin ja noch für eine Landwirtschaft verantwortlich ist. „Dieses Jahr ist der Schnee zwei Meter hoch gelegen, und jetzt muss im Wald gearbeitet werden.“ Aber: „Sobald ich damit fertig bin, bin ich wieder bei Roncalli.“

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