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Pop: Arcade Fire im gespiegelten Licht

Arcade Fire gespiegelten Licht
Arcade Fire / Bild: (c) Universal 

Die wichtigste Band der Nullerjahre meldet sich mit einer fantastischen neuen Single zurück: Auf "Reflektor" singt auch David Bowie eine Strophe.

 (Die Presse)

Keine Frage, diese Band hat einen Ruf zu verlieren: Arcade Fire aus Kanada, 2003 aufgetaucht, brachten Hysterie und Inbrunst, Maßlosigkeit und Feuer zurück in die von chronischer Langeweile geplagte Indie-Pop-Welt. Und sie waren anders, sprengten das öde Klischee vom autarken, einzelkämpferischen Pop-Poeten. „Funeral“, ihr erstes Album, entstanden als Reaktion auf den Tod etlicher Verwandter, war eine Beschwörung der Nähe, der Nachbarschaft, der Familie. Auf „The Neon Bible“ griffen sie diese Themen abermals auf – „Every spark of friendship and love will die without a home“, sangen sie herzzerreißend in „Intervention“ – und überhöhten sie ins Spirituelle, stellten in „My Body Is a Cage“ den Körper neben Geist und Seele. Mit dem dritten Album, „The Suburbs“ (2010), gingen sie dann zurück in die Vorstädte ihrer Jugend.

Was für eine Trilogie! Die Erwartungen an das vierte Album, das Ende Oktober erscheinen soll, könnten nicht größer sein. Die Vorabsingle „Reflektor“ erfüllt sie. Sie greift ein altes Thema der Band auf: die Spiegelung des Lichts. Man muss nicht fromm sein, um die großen Worte des Paulus damit zu verbinden: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ In „Black Mirror“, einem Stück auf „The Neon Bible“, schildern sie das Grauen eines schwarzen Spiegels, der nichts reflektiert.

Discokugel im Zwischenreich

„Reflektor“ wendet das Motiv nur scheinbar ins Positive: „Trapped in a prison of light“ findet sich das Ich – „alone in the darkness of white, we fell in love, alone on a stage in the reflective age“. Im Falsett gesungen, über einem manischen, hypnotischen Disco-Rhythmus, der an die Talking Heads der „Remain in Light“-Phase erinnert. Der Männerstimme antwortet, wie sich das in einer anständigen Plüschdisco gehört, ein Frauenduo auf Französisch: „Entre la nuit et l'aurore, entre le royaume des vivants et des morts.“ Zwischen Nacht und Morgenröte, zwischen Lebenden und Toten, wir sind in einem Zwischenreich. Zum heftig swingenden Bass kommen Bläser: Jazz aus der Düsternis, No Wave, wie man einst gesagt hat, als New Wave und Jazz einander in einem schwarzweißen New York getroffen haben. (Produziert hat übrigens James Murphy, dessen Musik genau von dieser Begegnung zehrt.)

Im kongenialen, vom (ebenfalls tief in der New Wave verhafteten) Fotografen Anton Corbjin gedrehten Video wandeln die Musiker, Puppenmasken vor den Gesichtern, durch eine silbrige Moorlandschaft, doch eines der Objekte, das sie blendet, ist eine Discokugel, die am Ende wie ein Ufo schwebt, als Gegenzeichen zu einem ebenso glänzenden Sarg. Dieser rückt erstmals ins Bild, als – nach fünf Minuten in diesem fast acht Minuten langen Song – eine ganz große alte Stimme des Pop ins Spiel kommt: Ja, es ist bestätigt, es ist David Bowie, der es sich nicht nehmen lässt, ab und zu Jüngere durch sein Mitwirken zu adeln (zuletzt waren das TV on the Radio). Mit ihm kommt ein neues Thema ins Spiel, das der Auferstehung. „Thought you would bring me the ressurector“, singt er, „turns out it was just a reflector...“ Damit erhält die schon vorher aufgetauchte Frage „Will I see you on the other side?“ eine neue Bedeutung: Die andere Seite, das ist nur die Rückseite des Spiegels.

Andererseits: Was heißt nur?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2013)

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