Der gigantische Retter des spirituellen Jazz

Kritik Kamasi Washington spielte bei der Nova Jazz & Blues Night in Eisenstadt groß und majestätisch auf.

Kamasi Washington
Schließen
Kamasi Washington
Kamasi Washington – (c) APA/AFP/Frederick M. Brown

Das schmucke Gelände des Eisenstädter Schlossparks ist ein hervorragendes Habitat für Kamasi Washingtons majestätische Musik. Im Vorjahr machte dieser Gigant des Gegenwartsjazz in einer Wiener Brauerei mit erbärmlicher Akustik halt. Diesmal konnten sich seine Klangkaskaden in einem Idyll der Halbnatur ausbreiten, das stärker besucht war als die erste Nova Jazz & Blues Night, die im Vorjahr in Eisenstadt stattfand. Angetreten war Washington, der aussieht, als stamme er aus der Goldenen Backhendlzeit des afrozentristischen Jazz der 1970er-Jahre, u. a. mit zwei Schlagzeugern, der Sängerin Patrice Quinn und seinem Keyboard-Genie Brandon Coleman. Und natürlich mit einem neuen Bassisten. Der exzentrische Thundercat und der R&B-Meister Miles Mosley, bislang Washingtons geniale Bassisten, haben dessen viel gerühmtes Musikerkollektiv The Westcoast Get Down für eigene Karrieren verlassen. Der neue Bassist agierte solide, fiel zuweilen durch aufreizend langsame Soli auf.

 

Alles von Gospel bis Free Jazz

Das war auch schon die einzige Merkwürdigkeit einer spirituellen Performance der Sonderklasse. Vom Repertoire her wurde noch einmal Washingtons 173 Minuten dauerndes Meisterwerk „The Epic“ aus dem Jahr 2015 zelebriert. Neues ist auf dem Weg. Die neue Maxi, das 14-minütige „Truth“, war leider noch nicht zu hören. Mit „Change Of The Guard“, bei dem Patrice Quinn den Chorgesang der Aufnahme live ganz allein stemmt, ging es rein in ein Soundkonglomerat, das mühelos die gesamte afroamerikanische Tradition von Gospel bis Free Jazz verband.

Deutliche Anklänge an die auf den Gesetzen der Pentatonik beruhende afroamerikanische Kirchenmusik hatte „Henrietta Our Hero“, eine Hommage an Washingtons Großmutter. „Had no armor, no weapon, no desire to flee, but a power so deep inside, preside to us all“, pries Sängerin Quinn die Eigenschaften der verblichenen Dame. Bei diesem Stück kam Washingtons Vater Ricky, ein Flötist und Sopransaxofonist, auf die Bühne, ein ausgezeichneter Instrumentalist, dem es aber vollständig an Charisma mangelt. Schmutziger Funk regierte dann „The Nineties“, eine neue Komposition. Überraschend heiter, fast karnevalesk, endete das intensive Set mit „The Ryhthm Changes“. Davor überzeugte Klaus Doldingers altgediente Gruppe Passport mit einer noblen Form von Fusion, die mutig Eleganz über Sportlichkeit stellte. Das elegische „Ataraxia“ (griechisch für Seelenruhe) zählte zu den weiteren raren Momenten eines Festivals, das allzu sehr aufs Unterhaltsame setzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Der gigantische Retter des spirituellen Jazz

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.