Morrisseys Loblied für Israel

Wer Israel beleidige, sei auf es eifersüchtig, singt der große alte Exzentriker des Britpop auf seinem neuen Album. Es enthält auch einen Song über ein Mädchen aus Tel Aviv.

„All the young people, they must fall in love“: Der heute 58-jährige, konsequent ohne Vornamen firmierende Morrissey – hier beim Kontakt mit seinen Fans – singt auf seinem neuen Album „Low in High School“ nicht nur über politisch Relevantes. Aber eben auch.
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„All the young people, they must fall in love“: Der heute 58-jährige, konsequent ohne Vornamen firmierende Morrissey – hier beim Kontakt mit seinen Fans – singt auf seinem neuen Album „Low in High School“ nicht nur über politisch Relevantes. Aber eben auch.
„All the young people, they must fall in love“: Der heute 58-jährige, konsequent ohne Vornamen firmierende Morrissey – hier beim Kontakt mit seinen Fans – singt auf seinem neuen Album „Low in High School“ nicht nur über politisch Relevantes. Aber eben auch. – (c) St. Etienne

„God bless Israel“: Mit diesem Satz beendete Morrissey 2008 ein Konzert in Tel Aviv. Eine sympathische Referenz an das Gastland, möchte man meinen. Zugleich aber ein Ärgernis für die antizionistische Bewegung, die sich BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) nennt und in der Popbranche erstaunlich viele Anhänger hat. Darunter Ex-Pink-Floyd-Bassist Roger Waters, der Kollegen heftig zu attackieren pflegt, wenn sie in Israel auftreten.

Morrissey gab solcher Kritik nicht nach, ganz im Gegenteil: Bei seinem Konzert in Tel Aviv 2012 hüllte er sich in eine israelische Flagge, und im August 2016 erklärte er ebendort, dass er stolz darauf sei, dass der Bürgermeister von Tel Aviv ihm symbolisch einen Schlüssel der Stadt überreicht habe.

Nun, auf dem neuem Album „Low in High School“ heißt ein hymnischer Song „Israel“. „In other climes they bitch and whine“, singt Morrissey mit dem großen Pathos, auf das er sich wie kein anderer im Pop versteht, „just because you're not like them, Israel.“ Und: „The sky is dark for many others, they want it dark for you as well.“ Wer Israel beleidige, sei eben auf es eifersüchtig. Auf Kritik an militärischen Aktionen Israels könne er nicht eingehen, singt er: „I can't answer for what armies do, they are not you.“

Dann klingt sogar das Motiv des erwählten Volkes an, seltsam vermischt mit der christlichen Idee der Erbsünde, aus der – wie aus dem Vielgötterglauben – Israel entronnen sei, wenn man den selbst katholisch erzogenen Morrissey richtig versteht: „You were born as guilty sinners, before you stood upright you fell, put the fear of many gods in Israel.“ Heikles Terrain, auch theologisch.

Ein zweites Lied auf dem Album bezieht sich direkt auf Israel: Der Titel „The Girl from Tel Aviv Who Wouldn't Kneel“ spielt wohl auf das Theaterstück „The Girl Who Wouldn't Kneel“ an, das 2010 in Tel Aviv lief: Es beruhte auf den Tagebüchern der holländisch-jüdischen Lehrerin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Der Text des Songs schweift nach dem Lob auf ein Mädchen aus Tel Aviv („would not kneel for husband, dictator, tyrant or king“) allerdings ab, auf eine für Morrissey typische Ohrfeige für die amerikanische Lebensart: „The American way, displayed proudly, is to show lots of teeth and talk loudly.“

 

Vorwürfe der „Islamophobie“

Das klingt immerhin deutlich friedlicher als frühere politische Äußerungen Morrisseys in Songform, man denke an das der Premierministerin Thatcher gewidmete „Margaret on a Guillotine“. Auch der Queen wünschte er in einem Lied den Tod und bezeichnete ihre Familie als Schnorrer. Seine kräftigen Aussagen gegen fleischliche Kost („Meat Is Murder“) sind legendär.

Nach dem Terroranschlag in seiner Geburtsstadt Manchester am 22. Mai 2017 kritisierte Morrissey, dass der islamistische Hintergrund zu wenig deutlich genannt werde, worauf ihn vor allem orthodoxe Linke als „islamophob“ abkanzelten. Auch die deutsche Popzeitschrift „Spex“, die ihn über Jahrzehnte treu gelobt hatte, strafte ihn nun für seine Israel-Songs mit einem Verriss.

Seine Enttäuschung mit dem „arabischen Frühling“ behandelt Morrissey im neuen Song „In Your Lap“; auch in „Spent the Day in Bed“ empfiehlt er den Rückzug ins Private: „I recommend that you stop watching the news!“ Denn, so erläutert er in seinem unverändert eleganten Englisch: „The news contrives to frighten you.“ Am Ende bleiben konkrete Slogans der Freiheit: „No emasculation, no castration. No highway, freeway, motorway. No bus, no boss, no rain, no train.“ Präsidenten mögen kommen und gehen, singt er in einem anderen schönen Stück: „But all the young people, they must fall in love.“

Hier hört man in der Melodie noch die Leichtigkeit, Beweglichkeit, die für Morrissey einst, vor allem mit seiner Band The Smiths, typisch war. Sie ist inzwischen einem kräftigen Sound gewichen, der die Theatralik der Texte dick unterstreicht: Hier werden Trompeten geblasen, hier wird getrommelt und gepaukt, hier darf die Gitarre apokalyptisch dröhnen. Etwa im dramatischen „I Bury the Living“, in dem Morrissey in die Rolle eines „sweet little soldier“ schlüpft, der entdeckt, dass er nur Kanonenfutter ist.

Oder in „Who Will Protect Us From the Police?“, in dem er Panzer besingt, die die Redefreiheit attackieren. Erst am Ende des Songs wird offenbar, wo dieses Szenario spielt: „Venezuela“, skandiert er. Dort, in Caracas, ist Morrissey 2016 aufgetreten, wie in Bangkok, Saigon und Singapur. Er kommt herum in der Welt, dieser alte grimmige Brite, und er macht sich seinen Reim daraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2017)

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