Jimmy Scott: Unter dunklen Wolken

KritikDas Abschiedsalbum des 2014 verstorbenen Jimmy Scott.

Jimmy Scott mit dem brasilianischen Musiker Oscar Castro-Neves.
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Jimmy Scott mit dem brasilianischen Musiker Oscar Castro-Neves.
Jimmy Scott mit dem brasilianischen Musiker Oscar Castro-Neves. – (c) Beigestellt

Der Erste, der Jimmy Scott aus der Vergessenheit geholt hatte, war Lou Reed, 1992, für sein Album „Magic & Loss“: Der New Yorker Grantscherben hatte ein großes Herz für tragische Existenzen. Und so eine war der 1925 in Cleveland geborene, unter dem Kallmann- Syndrom leidende Scott fürwahr. Nach „Everybody’s Somebody’s Fool“, einem Hit Ende der Vierzigerjahre in der Band von Lionel Hampton, nahm er einige grandiose Alben für das Savoy-Label auf, deren Verkauf bescheiden blieb. Nach einem Streit mit dem Labelchef suchte er sich resigniert Jobs in Altersheimen und als Aufzugsführer im Cleveland Hilton. Eines Tages stieg Jazzsängerin Nancy Wilson ein und blieb stumm: Der Schock, ihr Idol so wiederzusehen, war zu viel für sie. Sie tat, als hätte sie ihn nicht gesehen. Savoy veröffentlichte weiter aus dem reichen Fundus, Jimmy Scott sah keinen Cent dafür. Es waren deprimierende Jahre für ihn. Die stets über ihm hängende dunkle Wolke der Melancholie tat wenigstens seiner Musik gut: Er spielte fantastische Singles für obskure Labels ein. 1970 folgte ein traumhaftes Album mit Meistermusikern wie dem Bassisten Ron Carter, der auch mit im Studio war, als Scott 1993 sein vielumjubeltes Comeback „All the Way“ aufnahm. Plötzlich war der kleinwüchsige Scott der Darling der Stars. Er machte Welttourneen, und die erfolgreichsten ­Jazzer wollten mit ihm aufnehmen, von David Sanborn bis Wynton Marsalis. Robert de Niro herzte ihn genauso wie Liza Minelli. David Lynch setzte ihn prominent in seiner TV-Serie „Twin Peaks“ ein. Auch Schauspieler und Sänger Joe Pesci rückte wieder näher. Die beiden waren bereits in den Sechzigerjahren miteinander befreundet gewesen.

„I Go Back Home“, 2012 entstanden, ist erst jetzt erschienen.
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„I Go Back Home“, 2012 entstanden, ist erst jetzt erschienen.
„I Go Back Home“, 2012 entstanden, ist erst jetzt erschienen. – (c) Beigestellt

„Motherless Child“. Im Jahr 2012 trafen Joe Pesci und Jimmy Scott einander bei den Aufnahmen von „I Go Back Home“, das bewusst als Abschiedsalbum geplant war, da Scott schon so gebrechlich war. Gemeinsam sangen sie eine herzzerreißende Version von „The Nearness of You“. Der Deutsche Ralf Kemper zahlte sich wohl blutig für diese Produktion, die auch auf Film dokumentiert wurde. Er heuerte ein Orchester sowie Granden von Pianist Kenny Barron über Orgler Joey De Francesco bis hin zu Saxofonist James Moody an. Ein letztes Mal sang Scott auch seinen Signaturesong „Motherless Child“. Paradoxerweise erhöhen hier die dem Alter geschuldeten stimmlichen Schwächen die emotionale Tiefe. „Love Letters“, ein Duett mit Oscar Castro-Neves, zählt zu den Höhepunkten dieses ergreifenden Abschieds. (Eden River)

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