Dubiose Wunder aus dem Kuhhorn

09.03.2012 | 18:35 |  Ute Woltron (Die Presse)

Hornmistpräparat. Mit Rudolf Steiners anthroposophischen Düngerlehren tut man sich schwer, wenn ätherische Kräfte auf in Kuhhörnern eingegrabene Kuhfladen wirken sollen.

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Allwissend sind wir alle miteinander nicht, doch viel ist uns bewusst. Manche sind dabei bewusster unterwegs als andere, was fast immer einträglich ist, denn man lernt ja gern von Klügeren. Mitunter, scheint mir jedoch, wird auch ziemlich viel Blödsinn gesagt und weitergetragen. Was etwa die anthroposophischen Naturlehren Rudolf Steiners anlangt, bin ich bewusstlos. Davon dringt nichts in mein Inneres, und warum, das darf ich am sagenumwitterten sogenannten „Hornmistpräparat“ festmachen, das aus irgendwelchen Gründen auch „Nr. 500“ genannt und als so mächtiges Dünge- und Bodenbelebungsmittel gepriesen wird, dass mich wundert, warum damit nicht längst jedwedes Hungerproblem aus dieser Welt geschafft wurde.

Denn wo Kühe, da das Mittel, und herstellen kann es jeder. Im besten Fall natürlich produzieren es Steiner-Gläubige, und zwar so: Man nehme das Horn einer Kuh, die zumindest ein Mal, besser noch, öfter gekalbt hat, fülle es im Herbst mit Kuhdung, grabe es einen halben bis dreiviertel Meter tief im Erdboden ein und belasse es den Winter über daselbst. Magische Dinge, so die, die daran glauben, geschehen sodann. Rudolf Steiner selbst gab öffentlich eine Erklärung dazu ab:

 

„Strahlung von Hörnern und Klauen“

„Die Kuh hat Hörner, um in sich hineinzusenden dasjenige, was astralisch-ätherisch gestalten soll, was da vordringen soll beim Hineinstreben bis in den Verdauungsorganismus, sodass viel Arbeit entsteht gerade durch die Strahlung, die von Hörnern und Klauen ausgeht, im Verdauungsorganismus.“ Und weiter: „Etwas Lebenstrahlendes, und sogar Astralisch-Strahlendes haben Sie im Horn. Es ist schon so. Würden Sie im lebendigen Kuhorganismus herumkriechen können, so würden Sie, wenn Sie drin wären im Bauch der Kuh, das riechen, wie von den Hörnern aus das Astralisch-Lebendige nach innen strömt.“ Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber mich befremdet dieses Gerede. Außerdem weiß ich, atemberaubt veterinärmedizinischen Operationen beigewohnt habend, wie es in den verschiedenen Mägen von Kühen riecht – und auf derlei mehr lebendige als astralische Dünste kann man gern verzichten, glauben Sie mir.

Doch jetzt zum kosmischen Wunder: „Sehen Sie, dadurch, dass wir nun das Kuhhorn mit seinem Mistinhalt eingegraben haben, dadurch konservieren wir im Kuhhorn drinnen die Kräfte, die das Kuhhorn gewohnt war, in der Kuh selber auszuüben, nämlich rückzustrahlen dasjenige, was Belebendes und Astralisches ist.“ Im Frühjahr wird das Horn mitsamt den ihm nun innewohnenden Kräften wieder ausgegraben. 30 Gramm des fermentierten Kuhdrecks reichen, so heißt es, für 1000 Quadratmeter. Man rührt das Präparat in fünf Liter Wasser eine Stunde lang in stets wechselnder Richtung. Durch das Rühren wird, so die, die's glauben, das Präparat „energetisiert“. Die gedeihliche Wirkung auf Boden und Pflanzen, das ist in der Steiner-Literatur nachzulesen, zeige sich selbst noch „nach einigen Jahren“. Allerhand, was diesen 0,005 Kubikzentimeter verdünnter Kuhjauche pro Quadratmeter offenbar innewohnt.

Dasselbe Prinzip wird im Sommer mit dem „Hornkieselpräparat“, logischerweise auch „Nr. 501“ genannt, angewandt, wenn fein zerriebener Bergkristall oder Feldspat in das Horn gefüllt und vergraben wird. Bei aller Liebe zur Kuhflade, die eine der besten Düngergaben ist, bei aller Verehrung des Hornes, das, vor allem in Form seiner stickstoffhaltigen Späne ebenfalls ein gärtnerischer Segen ist: Unterhaltsamerer Schwachsinn ist mir auf der Suche nach guten Düngemethoden fernab der chemischen Industrie überhaupt noch nie begegnet.

 

Kurt Tucholskys Urteil

Seinerzeit empfand übrigens auch Kurt Tucholsky als eher ermüdend, was Rudolf Steiner zu sagen hatte. Er schrieb in einer Kritik über eine Rede, die der Anthroposoph in Paris gehalten hatte: „Alles aus zweiter Hand, ärmlich, schlecht stilisiert...und das hat Anhänger! Wie groß muss die Sehnsucht in den Massen sein, die verloren gegangene Religion zu ersetzen!“ Klingt auch nicht ganz unaktuell. Tucholsky weiter: „Wenn's mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen – das ,Seelisch-Geistige‘, das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen.“ Fazit: „Die Zuhörer schliefen reihenweise ein; dass sie nicht an Langeweile zugrunde gingen, lag wohl an den wohltätigen Folgen weißer Magie.“

Skepsis in der Gartenlaube

Wer fundierte Versuchsreihen und Beweise auf den Tisch legt, macht mich sofort zum Konvertiten. Bis dato sind solche jedoch nicht vorhanden. Sehr wohl sind aber diverse physiologische Unterschiede zwischen künstlich enthornten und – wie die Natur das vorgesehen hat – behornten Kühen wissenschaftlich erforscht. Fazit: Kühe mit Hörnern geben mehr und offenbar auch anders beschaffene Milch als enthornte. Alles ein einziges großes Rätsel, was?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2012)

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17 Kommentare
Gast: paedrs
18.03.2012 12:09
0

Grund für die Abbestellung Ihres Blattes

Dieser schlecht recherchierte Artikel mit reißerischen Vokabeln stellt einen wesentlichen Grund für die Abbestellung Ihres leider zunehemnd dürftiger werdenden Blattes dar. Vielleicht wird das journalistische Niveau wieder besser?

Journalistische Sagenumwitterung

S.g. Frau Woltron,

einerseits bedauern Sie einleitend, dass immer wieder "ziemlich viel Blödsinn gesagt und weitergetragen" wird, machen mit diesem Text aber selbst nichts anderes, indem Sie über etwas schreiben, das Sie nicht verstehen, das Sie "bewusstlos" macht, das Sie seltsam finden, zu dessen Aufklärung Sie allerdings auch nichts beizutragen haben, weil Ihnen scheinbar schon das hierfür nötige Detail-Interesse fehlt.

Was soll denn z.B. damit ausgesagt sein, dass das Hornmistpräparat "aus irgendwelchen Gründen auch Nr. 500 gennat wird"? Es gibt immer irgendwelche Gründe, warum etwas so heisst, wie es heisst. Man könnte ja auch versuchen, herauszufinden, warum es so heisst und es den Lesern anschließend mitteilen.

Bevor man zu dem "bewusstlosen Ergebnis" kommt, dass es "Null Beweise" gibt, kömnnte man auch versuchen, ein wenig ausführlicher zu recherchieren. Dann würde man möglicherweise unzählige wissenschaftliche Studien finden, gerade empirische Studien.

Sie versuchen aber erst gar nicht, Aufklärung in die komplexe Materie zu bringen. Anstattdessen rühren Sie eine tendenziös-diffuse Suppe an und verbreiten dadurch eigentlich erst recht "ziemlich viel Blödsinn".

Die abschließende Beweisführung unter Zuhilfenahme von Kurt Tucholskys ist ähnlich erdrückend wie etwa der Versuch an den Haaren herbeigezogen wäre, die Schwachsinnigkeit einer selbst nicht verstandenen Relativitätstheorie dadurch untermauern zu wollen, dass Einstein schon in der Schule durchfegallen ist.

Re: Journalistische Sagenumwitterung

Wunderbar, ich danke - bitte SOFORT her mit einer Studie zum eingegrabenen Horn, sie wird in der nächsten Gartenkralle veröffentlicht, ich schwör's!
beste Grüße, uwo

Re: Re: Journalistische Sagenumwitterung

Bzgl. Studien wurde weiter unten schon geantwortet. Vielleicht können Sie daraus zitieren. Ich bin selbst kein Landwirt oder Agrarwissenschaftler, der Demeterbund hilft hier aber sicherlich gerne weiter.

Verzeihen Sie bitte meinen etwas aggressiven Stil hier im Forum. Ich hoffe, Sie können die darin verpackte Kritik dennoch konstruktiv aufnehmen...

Re: Journalistische Sagenumwitterung

Korrektur eines Tippfehlers am Schluss:

...schon in der Schule durchgefallen ist.

Einstein ist NICHT in der Schule durchgefallen,

sondern war ein sehr guter Schüler (zwar nicht in allen Fächern), der - welch Wunder - gerade im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich exzellente Leistungen erbrachte.

(Siehe etwa: http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein )

Re: Einstein ist NICHT in der Schule durchgefallen,

Sie haben natürlich Recht, vielen Dank für den Hinweis und die Aufklärung! Da bin ich jetzt wohl selbst einem üblen Gerücht auf den Leim gegangen und habe es weiter verbreitet, ohne vorher ausreichend recherchiert zu haben. So schnell kann´s gehen...

Übrigens:

Auch Einstein hat sich zu Steiner geäußert:

„Bedenken Sie doch diesen Unsinn: Übersinnliche Erfahrung. Wenn schon nicht Augen und Ohren, aber irgendeinen Sinn muss ich doch gebrauchen, um irgend etwas zu erfahren“


Alles ein einziges großes Rätsel, was?

Der letzte Satz ist wohl der ehrlichste in ihrem feuielletonistischem Puzzle unverstandener Bruchstücken aus Steiners Gesamtwerk, das offensichtlich zu groß ist, um es in der Gartenlaube skeptisch zu analysieren. Daher schaut man mal, was die Kollegen so bloggen:
http://buggisch.wordpress.com/2011/02/26/ein-bisschen-hornmist-zum-geburtstag/
Dort findet man dann auch gleich, ganz zufällig im selben Zusammenhang, die Tucholsky Kommentare - unentbehrlich für eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft!
Vanderbiljs Hinweis auf die urgierten Forschungsergebnisse und die Sekemfarm des alternativen Nobelpreisträgers Abouleish sind schnell beantwortet - das kenne man ja alles. Aber vielleicht kennen sie die folgenden Arbeiten noch nicht und sie werden doch noch eine "Konvertitin", wozu sie ja Offenheit bekunden, wenn nur fundierte Untersuchungen vorlägen:
http://www.biodynamic-research.net/rf/b/ltt/lvda1
http://www.biodynamic-research.net/rf/b/ltt/lvda2
http://www.forschungsring.de/index.php?id=1063&no_cache=1&file=10&uid=4104
Dass sie die Dissertation von Jenifer Wohlers als wissenschaftliche Grundlage für das Eintreten der Demeter Bauern gegen die Tendenz zur Kuhenthornung ernstnehmen, finde ich interessant, dass sie im Zusammenhang mit Steiners Gesamtwerk zu Begriffen wie "unterhaltsamer Schwachsinn" Zuflucht nehmen müssen, weil sie mit Fülle überfordert sind, ist wohl eine tendenziöse Simplifikation!

Re: Alles ein einziges großes Rätsel, was?

Es wäre schon hilfreich, würde man Texte genau lesen und sich gegebenenfalls der Mühe unterziehen, das zu verstehen, was wirklich drinnen steht: Was haben denn die hier angeführten Studien mit Kuhhörnern zu tun? Nichts. Kein Mensch hat irgend etwas gegen biologische, dynamische - und welch andere Schlagworte es dafür geben mag - Landwirtschaft geschrieben, ich jedenfalls noch nie. Kritisiert wurde lediglich die astrale Mystifizierung eines ansonsten völlig logischen Sachverhalts, nämlich dass mit Dung seit Jahrtausenden, wie der Name schon sagt, gedüngt wird.
beste grüße uwo

Re: Re: Alles ein einziges großes Rätsel, was?

Sie antworten schneller als sie verarbeiten können - das Hornmistpräparat ist neben anderen ein wesentliches der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Der Vergleich in der Langzeitstudie des Forschungsringes bezieht sich dem Titel der Arbeit entsprechend ( Stall-mist und biologisch-dynamische Präparate im Langzeitdüngungs-versuch ) auf einen Vergleich von Dung und zusätzlicher Anwendung von Hornmist und anderen Präparaten.
Wenn sie die "Gartenkrallen" demnächst wieder einziehen und sich ausführlicher informieren, dann sind dubiose Betgriffsneuschöpfungen wie "astrale Mystifizierng" nicht mehr nötig !
mfG empedokles

Gast: Gast: Josef
12.03.2012 17:46
1

Hornmistpräparat

Liebe Fr. Woltron,

mit Vergnügen lese ich immer Ihre Artikel. Da kann man nicht nur hinsichtlich Garten etwas lernen, Ihre Berichte haben auch literarischen Stil.
Mit R. Steiner habe ich ohnehin ein Problem; wenn man sein Gesamtwerk betrachtet kommt man zum Schluss, dass er mindestens 60 Jahre täglich 24 Stunden geschrieben haben muß, um alles unterzubringen. Ob er darüberhinaus auch noch denken konnte, ist zweifelhaft, sonst wäre etwas Anderes herausgekommen, wie auch Ihr letzter Artikel beweist.

Gast: Neubauer Josef
12.03.2012 17:43
1

Hornmistpräparat

Liebe Fr. Woltron,

mit Vergnügen lese ich immer Ihre Artikel. Da kann man nicht nur hinsichtlich Garten etwas lernen, Ihre Berichte haben auch literarischen Stil.
Mit R. Steiner habe ich ohnehin ein Problem; wenn man sein Gesamtwerk betrachtet kommt man zum Schluss, dass er mindestens 60 Jahre täglich 24 Stunden geschrieben haben muß, um alles unterzubringen. Ob er darüberhinaus auch noch denken konnte, ist zweifelhaft, sonst wäre etwas Anderes herausgekommen, wie auch Ihr letzter Artikel beweist.

die Natur ist komplizierter als wir denken

Sehr geehrte Frau Woltron.
Es ist es ein Leichtes einen geisteswissenschaftlichen Vortrag zu zerpflücken, wenn sie nur von der Materie ausgehen. Dieser wurde zudem vor ca. 90 Jahren vor einer Gruppe Menschen gehalten, die seine Grundlagen zu dessen Verständnis kannten, ansonsten ist seine Diktion, gebe ich gerne zu, über Äther- oder Astralleib nur schwer zu verstehen. Sollte aber noch kein Grund sein ins gleiche Horn mit den damaligen Feinden Steiners zu tuten…
Sprechen sie mit professionellen Bauern und Gärtnern, die weltweit großartige Erfahrungen in Land-, Wein- und Gartenbau gemacht haben, oder noch besser: probieren sie selbst aus! Kost fast nix. Versuchen Sie nicht krampfhaft einen der größten Pioniere der biologischen Landwirtschaft schlecht zu machen und ins Lächerliche zu ziehen. Aber wies halt so ist mit den Philosophen im eigenen Land…die besten Forschungsergebnisse, bzw. Veröffentlichungen und Antworten gibt’s bei der bio-.dyn. Forschungsstelle Darmstadt.: www.innovations-report.de/html/profile/profil-1182.html
Abgesehen von tausenden Bauerhöfen weltweit hat Dr. Ibrahim Abouleish in Sekem mit der (bereits erfolgreichen) Urbarmachung der Wüste eine mutige Arbeit begonnen; kleiner Einblick: auf youtoube, „Sekem, mit der Kraft der Sonne“.
Warum der Welthunger noch nicht gestillt wurde, müssten sie als Tierärztin nur zu gut wissen. Wenn nicht: schreiben Sie mir, es würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen!
Mit freundlichen Grüßen
Gärtnermeister J.v.d.Bijl

Re: die Natur ist komplizierter als wir denken

Sehr geehrter Herr J.v.d.Bijl!
Das steht alles außer Zweifel und ist auch bekannt, es geht lediglich um die Kuhhornbeerdigung samt kosmischer Kräftigung, die ich für schwachsinnig halte und für deren Wirksamkeit es Null Beweis gibt. Mein eigener Garten wird "biologisch" bewirtschaftet, mit Komposten, Mulchen, mit diversen Jauchen, mit Kuhdung und mit Hendldreck aus eigener Produktion. Auch der Mond wird einbezogen, denn aus Erfahrungswerten wird man klug. Nimals würde ich gegen diese Art der Landwirtschaft schreiben, warum sollte ich auch?
Mit besten Grüßen
Ute Woltron

Nun ja

ein Scharlatan halt, aber unterhaltsam allemal...

Gast: barra
11.03.2012 03:30
1

verlangen sie von einem kloreiniger auch fundierte Versuchsreihen und Beweise

bevor sie in erwägung ziehen einen zu verwenden?

ich mein sie müssen es ja nicht verwenden, aber allein daß sie darüber nachdenken und das bedürfnis haben in dieser richtung etwas zu unternehmen und mit der instinktiven gewissheit daß sie in dieser richtung etwas unternehmen müssen, zeigt doch schon, daß es an ihnen liegt wie sie sich entscheiden. sie werden nicht wissen, ob es das ist was sie suchen und erwarten solang sie es nicht versuchen.

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