Dubiose Wunder aus dem Kuhhorn

Hornmistpräparat. Mit Rudolf Steiners anthroposophischen Düngerlehren tut man sich schwer, wenn ätherische Kräfte auf in Kuhhörnern eingegrabene Kuhfladen wirken sollen.

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Allwissend sind wir alle miteinander nicht, doch viel ist uns bewusst. Manche sind dabei bewusster unterwegs als andere, was fast immer einträglich ist, denn man lernt ja gern von Klügeren. Mitunter, scheint mir jedoch, wird auch ziemlich viel Blödsinn gesagt und weitergetragen. Was etwa die anthroposophischen Naturlehren Rudolf Steiners anlangt, bin ich bewusstlos. Davon dringt nichts in mein Inneres, und warum, das darf ich am sagenumwitterten sogenannten „Hornmistpräparat“ festmachen, das aus irgendwelchen Gründen auch „Nr. 500“ genannt und als so mächtiges Dünge- und Bodenbelebungsmittel gepriesen wird, dass mich wundert, warum damit nicht längst jedwedes Hungerproblem aus dieser Welt geschafft wurde.

Denn wo Kühe, da das Mittel, und herstellen kann es jeder. Im besten Fall natürlich produzieren es Steiner-Gläubige, und zwar so: Man nehme das Horn einer Kuh, die zumindest ein Mal, besser noch, öfter gekalbt hat, fülle es im Herbst mit Kuhdung, grabe es einen halben bis dreiviertel Meter tief im Erdboden ein und belasse es den Winter über daselbst. Magische Dinge, so die, die daran glauben, geschehen sodann. Rudolf Steiner selbst gab öffentlich eine Erklärung dazu ab:

 

„Strahlung von Hörnern und Klauen“

„Die Kuh hat Hörner, um in sich hineinzusenden dasjenige, was astralisch-ätherisch gestalten soll, was da vordringen soll beim Hineinstreben bis in den Verdauungsorganismus, sodass viel Arbeit entsteht gerade durch die Strahlung, die von Hörnern und Klauen ausgeht, im Verdauungsorganismus.“ Und weiter: „Etwas Lebenstrahlendes, und sogar Astralisch-Strahlendes haben Sie im Horn. Es ist schon so. Würden Sie im lebendigen Kuhorganismus herumkriechen können, so würden Sie, wenn Sie drin wären im Bauch der Kuh, das riechen, wie von den Hörnern aus das Astralisch-Lebendige nach innen strömt.“ Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber mich befremdet dieses Gerede. Außerdem weiß ich, atemberaubt veterinärmedizinischen Operationen beigewohnt habend, wie es in den verschiedenen Mägen von Kühen riecht – und auf derlei mehr lebendige als astralische Dünste kann man gern verzichten, glauben Sie mir.

Doch jetzt zum kosmischen Wunder: „Sehen Sie, dadurch, dass wir nun das Kuhhorn mit seinem Mistinhalt eingegraben haben, dadurch konservieren wir im Kuhhorn drinnen die Kräfte, die das Kuhhorn gewohnt war, in der Kuh selber auszuüben, nämlich rückzustrahlen dasjenige, was Belebendes und Astralisches ist.“ Im Frühjahr wird das Horn mitsamt den ihm nun innewohnenden Kräften wieder ausgegraben. 30 Gramm des fermentierten Kuhdrecks reichen, so heißt es, für 1000 Quadratmeter. Man rührt das Präparat in fünf Liter Wasser eine Stunde lang in stets wechselnder Richtung. Durch das Rühren wird, so die, die's glauben, das Präparat „energetisiert“. Die gedeihliche Wirkung auf Boden und Pflanzen, das ist in der Steiner-Literatur nachzulesen, zeige sich selbst noch „nach einigen Jahren“. Allerhand, was diesen 0,005 Kubikzentimeter verdünnter Kuhjauche pro Quadratmeter offenbar innewohnt.

Dasselbe Prinzip wird im Sommer mit dem „Hornkieselpräparat“, logischerweise auch „Nr. 501“ genannt, angewandt, wenn fein zerriebener Bergkristall oder Feldspat in das Horn gefüllt und vergraben wird. Bei aller Liebe zur Kuhflade, die eine der besten Düngergaben ist, bei aller Verehrung des Hornes, das, vor allem in Form seiner stickstoffhaltigen Späne ebenfalls ein gärtnerischer Segen ist: Unterhaltsamerer Schwachsinn ist mir auf der Suche nach guten Düngemethoden fernab der chemischen Industrie überhaupt noch nie begegnet.

 

Kurt Tucholskys Urteil

Seinerzeit empfand übrigens auch Kurt Tucholsky als eher ermüdend, was Rudolf Steiner zu sagen hatte. Er schrieb in einer Kritik über eine Rede, die der Anthroposoph in Paris gehalten hatte: „Alles aus zweiter Hand, ärmlich, schlecht stilisiert...und das hat Anhänger! Wie groß muss die Sehnsucht in den Massen sein, die verloren gegangene Religion zu ersetzen!“ Klingt auch nicht ganz unaktuell. Tucholsky weiter: „Wenn's mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen – das ,Seelisch-Geistige‘, das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen.“ Fazit: „Die Zuhörer schliefen reihenweise ein; dass sie nicht an Langeweile zugrunde gingen, lag wohl an den wohltätigen Folgen weißer Magie.“

Skepsis in der Gartenlaube

Wer fundierte Versuchsreihen und Beweise auf den Tisch legt, macht mich sofort zum Konvertiten. Bis dato sind solche jedoch nicht vorhanden. Sehr wohl sind aber diverse physiologische Unterschiede zwischen künstlich enthornten und – wie die Natur das vorgesehen hat – behornten Kühen wissenschaftlich erforscht. Fazit: Kühe mit Hörnern geben mehr und offenbar auch anders beschaffene Milch als enthornte. Alles ein einziges großes Rätsel, was?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2012)

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