Von Erz und Rost: Choreografie des Wandels

In Eisenerz in der Steiermark tanzen Menschen und Maschinen: Denn Kulturinitiativen wie "eisenerZ*ART" und das Rostfest schürfen Potenziale frei.

Rost Choreografie Wandels
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Eisenerz – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

So ein Riese wiegt schwer. Vor allem auch im Kopf. Ein harter Brocken, diese Mentalität. Fast unverrückbar wie der Erzberg selbst, der in den letzten Jahrzehnten seine Hauptrolle eingebüßt hat: der wohlwollende Kümmerer zu sein. Und eine ganze Region spendabel mit Arbeit und Identität zu versorgen. Doch die Macht des Berges wirkt nach. Verschüttgegangen sind dabei Optimismus, Eigeninitiative und Aufgeschlossenheit. Und auch der Blick auf das, zu dem man selbst imstande ist. Außer der Vergangenheit nachzutrauern und die Zukunft zu fürchten. Doch da kommen Menschen, um an den harten Brocken zu rütteln, sie aufzubrechen. Und in Eisenerz und rundherum nach Potenzialen zu schürfen. Nicht mit schweren Maschinen, sondern mit den Feinwerkzeugen von Kunst, Kultur und Kreativität. Plötzlich sind nicht mehr Bergmänner und Baumaschinen die Hauptdarsteller. Sondern Schauspieler, Maultrommler, Literaten, Tänzer, Rockmusiker. Und während sie spielen, lesen, unterhalten, wird klar, dass die Bühne eigentlich ganz anderen gehört: den Stärken, Talenten, Potenzialen und Chancen einer Region.

Knapp 5000 Menschen leben in Eisenerz heute. In den 50er-Jahren waren es noch fast 15.000. Auch Gerhild Illmaier hat früh ihre Heimatstadt verlassen. Aber gedanklich nie. Vieles hat sie verschwinden sehen. Die Menschen, vertraute Geschäfte, angestammte Betriebe und nicht zuletzt die Hoffnung auf bessere Zeiten. Doch zurückkommen wollte die Kulturmanagerin nicht, ohne etwas Besonderes mitzubringen: die Kunst als Katalysator des Wandels – und packte schließlich das Kulturprogramm „eisenerZ*ART“ aus. „Mir geht es darum, den Blick von innen zu verändern, ein neues Selbstbewusstsein entstehen zu lassen, zur Eigeninitiative zu animieren und Potenziale zu nutzen“, erzählt Illmaier, „und das mit unkonventionellen Mitteln“. Zum dritten Mal bereits lässt Illmaier Künstler und ihre Projekte in diesem Sommer auf Eisenerz los, auf die öffentlichen Plätze, die versteckten Ecken und die Almen rundherum. Und vor allem auch auf jene Flächen, die verlassen liegen. Ohne Nutzer, Sinn, Konzept. In diesem Jahr darf der Erzberg endlich auch wieder eine Rolle spielen. Eine künstlerische aber, als spektakuläre Kulisse, wenn die Performance-Truppe Lawine Torrén mit den Baumaschinen zum Tanzensemble wird.


Verlassen, verwurzelt. Die Künstler kommen aus der Region ebenso wie von auswärts. Manche auch, um ihren Blick und ihr Engagement wieder auf den Ort zu lenken, aus dem sie stammen. Und den sie im Künstlernamen tragen: Stephan Eibel Erzberg, der Schriftsteller war etwa schon dabei. Oder der Maler des Neo-Pop-Symbolismus: Munichthal. Im namensgebenden Stadtteil „Münichtal“ war die Soziologenfrequenz vor ein paar Jahren noch recht hoch. Als Rainer Rosegger etwa für das Projekt „Re-Design Eisenerz“ überlegte, was dort auf die Leere folgen könnte. In der ehemaligen Arbeitersiedlung steht nun ein Musterhaus des „Alpin Resort Erzberg“, das die Zukunft andeutet: 1000 Betten sollen sich dann regelmäßig mit Feriengästen füllen. Andere Häuser suchen noch neuen Sinn. Die Kunst geht ihnen dabei zur Hand. „Leerstand muss man als Ressource begreifen“, sagt Rosegger. Vor allem wenn jene, an der man mit der Nabelschnur hing, nur mehr wenig hergibt. Das montanistische Erbe bleibt ohnehin präsent: „Die Auseinandersetzung mit identitätsstiftenden Themen“ schrieben sich Illmaier und Rosegger auch in das Kulturentwicklungskonzept, aus dem „eisenerZ*ART“ schließlich hervorging. Da gehört der Bergbau dazu. Das Metall, die Natur. Und auch der Sport. Der Nordische Kombinierer Mario Stecher ist einer der bekanntesten Söhne der Stadt. „Wir haben auch ein Profil als Sport- und Bildungsstadt“, sagt Bürgermeisterin Christine Holzweber.

Die österreichische Region mit den meisten Pensionisten und der schwächsten Geburtenrate wird nun deutlich jünger. Zumindest ein Wochenende lang, wenn das Rostfest in Eisenerz einzieht und sanft durch öffentliche und versteckte Räume wirbelt (am 24. und 25. August). Normalerweise wirbelts in Eisenerz nur, wenn der Erzberg wieder einmal störrisch Enduro-Motorradfahrer abwirft – beim jährlichen Erzbergrodeo. Danach ist Fensterputzen dran. Wie man auch ganz ohne Staub wirbelt, das wissen die Organisatoren Franz Lammer und Rainer Rosegger recht gut. Schließlich sind sie Akteure im Netzwerk, das im Grazer Stadtteil Lend traditionell umrührt. Dort feiert die Community jährlich ihre eigene „Blockparty“, ein Nachbarschaftsfest. Und zelebriert dabei sich selbst, die Local Heroes und die Bottom-up-Initiativen. Und nun: eine mentale Direktverbindung nach Eisenerz. Und ein Shuttle-Service von Lend in die temporäre Kreativaußenstelle noch dazu. Ein Lendwirbel-Outlet solle es aber dann doch nicht sein, sagt Rosegger. Denn „die Methoden sind übertragbar“, aber Prinzipien unverrückbar. Der Grazer Lendwirbel nimmt kein Geld. Das Rostfest hingegen hat finanzielle Unterstützer. Etwa durch eine EU-Leader-Förderung durch den Verein Steirische Eisenstraße. Aber auch durch das Sozialfestival „Tu was“, mit dem ein Konsortium österreichischer Stiftungen die soziale Eigeninitiative stärken will.

So rücken Künstler und Besucher an, aus der Region und von weit außerhalb. Die Gäste schlüpfen am „Urban Camping“-Platz in der Siedlung Münichtal in ihre Schlafsäcke (5 Euro pro Nacht). Und die Heavy-Metal-Bands am Freitagabend am Bergmannplatz in ihre Bühnenoutfits. Ein paar Mauern weiter wird auch Kopf samt Körper geschüttelt. Im Alten Tanzsaal, der den Großeltern von Gerhild Illmaier gehörte, spielen DJs statt Tanzkapellen auf. Und dazwischen, danach und rundherum legen sich ein Wochenende lang eine Menge Indiepop, Schlager, Kunst und Workshops über wiederentdeckte Schauplätze der Stadt.

Auch wenn die Schlafsäcke wieder eingerollt sind, soll vom Rostfest etwas bleiben. „Das Ziel ist es, die Akteure miteinander zu vernetzen im Sozialraum“, sagt Rosegger. Menschen, die sich ihre Biographien nicht von einem Berg vorschreiben lassen, sondern lieber ihre eigenen Geschichten erfinden. „Es geht um das soziale Kapital“, sagt Rosegger. In das sollen auch Festivals wie das Rostfest und „eisenerZ*ART“ einzahlen. Das Label „Napalm Records“ etwa mischt schon seit Jahren von Eisenerz aus international kräftig mit – im Heavy-Metal-Genre. Aber auch Menschen, die beherzte Initiativen setzen, gehören dazu. Wie Reini Schenkermaier, der die Privatbrauerei „Erzbergbräu“ und ein „Bedarfswirtshaus“ gegründet hat. Oder auch Herbert Krump, der die Gerberei Salzen liebevoll renoviert und zum Museum macht. Und auch ein Messerschmied wie Alois Hammer, der seine traditionelle Handwerkskunst seit Jahren pflegt.

Tanz am Erzberg. „Man muss Eisenerz noch ,beatmen', wie es Schauspieler Johannes Silberschneider gesagt hat“, meint Illmaier. Auch mit Kreativität von außen. Als Exil für Grazer Kreative war die Stadt ja schon einmal angedacht. „Die Idee kursierte als Running Gag in Graz“, erzählt Rosegger. Eine Kreativszene, die sich kollektiv nach Eisenerz verziehen könnte. Zumindest bleibt Eisenerz für ihn als Zweitkreativsitz vorstellbar. Rosegger denkt da an eine WG mit Gleichgesinnten. Schließlich würde Graz den Kreativen den Abschied nicht allzu schwer machen. Durch Reglementierungen und Verbote. Zuletzt musste das bei Künstlern beliebte Lokal „Kombüse“ zusperren, berichtet Rosegger. Zuviel Lärm, mitten im unbewohnten Stadtpark. Beim Rostfest erlebt die „Kombüse“ eine kurzfristige Neuauflage – im Exil.

Auch das Design soll rund um Eisenerz die Heimat bekommen, die das Handwerk dort längst hat. „Wir wollen das Thema Design in die Region tragen“, erzählt Gerfried Tiffner vom Verein Steirische Eisenstraße. Ein EU-Projekt dazu startet im Oktober. Das kulturelle Erbe soll dabei „die ökonomische und soziale Transformation“ mittragen. Im nächsten Jahr treffen sich Design und Handwerk bei einem Symposium, um sich möglichst effektiv zu verzahnen. Dazu kommt ein Kreativitätswettbewerb, „um Produkte zu generieren, die typisch für die Eisenstraße sind – mit den Mitteln von Kunst und Design“, erklärt Tiffner.

Eine Veränderung spürt Illmaier schon: Viele Künstler zieht es nach Eisenerz. Und sie tragen sich mit Projektvorschlägen an. Im Ort selbst polarisieren die künstlerischen Initiativen nach wie vor. „Das ist klar. Und es wäre ja fast verdächtig, wenn es nicht so wäre“, sagt Illmaier. Doch auch Skeptiker werden bald staunend auf den Erzberg schauen. Er war schon immer Illmaiers „Wunschobjekt“. Und schließlich stieß sie auch auf jemanden, der ihn bespielen kann. „Ich dachte, wenn jemand mit dem Berg umgehen kann, dann sie“ – die Theatertanztruppe Lawine Torrén. Schon vor ein paar Jahren musste sie ein Projekt, den „Bergbau zu Babel“, in die Schublade legen – zu wenig Geld. Diesmal feiert die VA Erzberg das Jubiläum von 1300 Jahren Erzabbau. Und Illmaier freut sich „über die erste Auftragsproduktion“. „Gangart“ heißt die montanistische Performance. Baumaschinen und Tänzer bewegen sich dabei im Ensemble. Als Höhepunkt des österreichischen Bergbautags am 22. September. Wenn sich zuvor 2000 Bergleute am Erzberg zu montanhistorischen Feierlichkeiten versammeln. Der Erzberg ist ersetzbar. Aber nicht als Erbe und Identitätsmerkmal – einer Region, die langsam sieht, dass Rost nicht der einzige Wandel ist, der auf Eisen folgen kann.

Das Rostfest

Urbane Bühne in Eisenerz
Heavy Metal, Indiepop, Schlager, Cross-over, Performances, Kunstinstallationen, Workshops (Bier, Sprengen): In Eisenerz bespielt das Rostfest am 24. und 25. August den Bergmannplatz und andere Stadträume wie leere Häuser und unbekannte Flächen der Stadt wie etwa das Fiskatenhaus, das Rote Haus, den Alten Tanzsaal oder die Disco Melody.
Ein Shuttlebus fährt direkt von Graz-Lend nach Eisenerz. Besucher können in der ehemaligen Arbeitersiedlung Münichtal übernachten: „Urban Camping“ für fünf Euro die Nacht. Mehr Informationen unter www.rostfest.at

Montanistische Performance am Erzberg
Am Samstag, 22. September, um 15 Uhr beginnt der Auftritt von Lawine Torrén mit den Baumaschinen: „Gangart“ findet im Rahmen von „eisenerZ*ART“ statt. www.eisenerz-art.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

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