Modedesign: Das ist doch Jacke wie Hose

17.11.2012 | 18:11 |  von teresa Hammerl (Die Presse)

Wenn ein Kleid mehr sein soll, als nur ein Kleid: Designer beschäftigen sich immer häufiger mit Wende- und Umbau-Mode. Die neue Multifunktionalität in drei Beispielen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Fällt das Wort von der multifunktionalen Kleidung, ist der Gedanke an MacGyver oder Indiana Jones meist nicht weit: Die Assoziationskette arbeitet sich an Outdoor-Bekleidung für Wind und Wetter, Survival-Ausrüstung und dem obligatorischen Taschenmessertäschchen ab. Man denkt an praktische Zipp-Off-Hosen, atmungsaktive Textilien für Expeditionen durch widrigste Witterungsverhältnisse und Ähnliches mehr. Doch dass Multifunktionalität in der Mode nicht nur praktisch, sondern auch schön sein darf, zeigt mittlerweile nicht nur Strumpfspezialist Wolford, der seinen Schal, der sich sowohl zum Oberteil als auch zum Minikleid drapieren lässt, eben auch „Multifunction Scarf“ nennt.

Vier Kleidungsstücke in einem. „Ich finde es spannend, weil man stets auf neue Ideen kommt, wie man ein Stück tragen kann“, sagt auch Designerin Eva Poleschinski, die für ihr Label epanoui kürzlich die Kollektion „Wear It as Top, Skirt, Dress“ lancierte. Bei eben dieser besteht die Möglichkeit, dasselbe Stück entweder als Poncho, Tunika, Kleid oder Rock überzustreifen. Möglich macht dies ein gut dehnbarer Gummizug, die damit verbundene Suche nach dem richtigen Schnitt „war schon ein bisschen eine Tüftelei“, so die Designerin. Dabei wurden unterschiedliche Materialien verwendet, die jedes Exemplar zum Unikat machen. „Die jeweilige Stoffzusammenstellung gibt es nur ein Mal“, bestätigt Poleschinski. Gearbeitet wird saisonal, für den Winter sind derzeit besonders viele Strickqualitäten, aber auch Wolle vertreten, eben dickere Materialien, die es zulassen, als Poncho angezogen zu werden. Je nach Stoff kann dann ganz nach Lust und Laune gebunden, gezupft und geschoben werden, zu jedem verkauften Stück wird ein Gürtel gepackt. „Ich empfehle auch oft Taillengürtel“, so Poleschinski, die außerdem Special-Editions ihrer Linie plant, welche, etwa mit Lederapplikationen, zu Weihnachten oder zum Valentinstag erhältlich sein werden, denn „im Endeffekt geht es uns darum, dass man unterschiedliche Stilrichtungen und Zielgruppen trifft“.


Vielseitig konzipiert. Um Wendbares dreht es sich beim Label „XXY“ der Schweizerin Tamara Hauser, die an der Akademie der bildenden Künste Wien ein Semester als Erasmusstudentin absolvierte. Dort besuchte sie mehrere Lehrveranstaltungen, in welchen es um die Konzeption einer Kollektion ging. Intersexualität wurde zu ihrem Themengebiet, Transformation der logische weitere Schritt: „So bin ich auf die variablen Schnitte gekommen, die sich ausschließlich an geometrischen Formen wie Rechtecken und Trapezen orientieren.“ Das Ergebnis sind Cardigans und Jacken, die drehbar sind. „Bis jetzt waren die Kunden allerdings schon überfordert mit dem Konzept des Drehens um 180 Grad, sodass eine dritte oder vierte Tragweise wohl eher für Verwirrung gesorgt hätte“, erklärt die Designerin.

Ganz ähnliche Beobachtungen machte auch Elisa Kramer-Asperger vom Wiener Label „Madames with a Mission“, welches sie gemeinsam mit Susa Kreuzberger führt. In der aktuellen Kollektion befindet sich ein Kleid mit inkludiertem langen Schal, welchen man herumwickeln, gerade tragen und überkreuzen kann – oder man lässt sich einfach selbst eine Tragealternative einfallen. Dabei variiert stets Länge und Aussehen des Kleides. Vor einem Monat gastierte Kramer-Asperger auf der Blickfang, der Designmesse, in Hamburg und berichtet über ähnliche Erfahrungen wie Hauser: „Zumindest dort waren die Frauen überfordert von den verschiedenen Möglichkeiten. Es hängt von der Trägerin ab, manchen macht das Stress. Sie wollen etwas anhaben, das sitzt und sich nicht verändert.“

Zum Nachdenken anregen. Der Kunde soll vor allem zum Überdenken von Gewohntem angeregt werden, er soll sich mit Kleidung beschäftigen. „Die verschiedenen Trageweisen emanzipieren den Käufer von vorgefertigten Kleiderwelten. Ich denke, das ist für mich das Wichtigste“, meint Tamara Hauser und fügt hinzu, dass „der Kunde sich so ganz anders mit der Kleidung und ebenso auch mit seinem eigenen Körper und Körperformen auseinandersetzt“. Dabei liegt es nahe, dass genau diese Kreationen selbst Teil einer Inszenierung werden können. Tamara Hauser: „Ich hatte vor ein paar Monaten eine Anfrage, ein Kleidungsstück für eine politische Demonstration zu kreieren, wobei es der Kundin ermöglicht werden sollte, innerhalb kürzester Zeit völlig anders auszusehen.“ Auch Elisa Kramer-Asperger denkt bei den Entwürfen nicht nur daran, dass die Stücke einem Möglichkeiten bieten, je nach Laune einmal figurbetonter, dann wieder mehr mit einem gerade fallenden Kleid angezogen zu sein, sondern sieht gleichsam die Selbstdarstellung als Programm: „Das klingt zwar jetzt sehr plakativ, aber es ist einfach so: Man bringt sich selbst zum Ausdruck.“ Für sie ist diese Art, sich zu kleiden, „eine spannende Kommunikation, sie ist vielseitig“.

Praktisch zum Verreisen. Während bei „Madames with a Mission“ bereits ein wendbares Sakko angeboten wurde oder Wickeljacken die Bindefertigkeit der Trägerin schulen, wagt sich „XXY“ zusätzlich auf etwas schwierigere Pfade. Da lässt sich nämlich ein Overall entdecken, welcher seitliche Hosentaschen und im Schritt eine runde Öffnung hat, die man mit einer Kordel zuziehen kann. Umgedreht wird dieser Overall zum engen Kleid mit langen wallenden Ärmeln. Und das bietet ganz nebenbei einen weiteren angenehmen Aspekt, den Eva Poleschinski anhand ihrer realisierten Idee so erklärt: „Wenn ich in den Urlaub fahre, packe ich es einfach in den Koffer. Es braucht nicht viel Platz und ich habe gleich mehrere Looks mit dabei.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden