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Das Runde und das Eckige

22.12.2012 | 18:00 | von Norbert Philipp (Die Presse)

Am Autodesign kann man ablesen: Alles kommt zyklisch wieder. Auch unsere visuellen Gewohnheiten und unsere Präferenzen für die Formen.

Die Zähne bleichen, Haare frisieren, eincremen, Nägel schneiden: Schön sein macht Arbeit, erhöht aber die Chancen. Wenn Menschen Menschen suchen. Aber auch die Dinge wollen Lebenspartner. Abschnittsweise zumindest, bis sie die Beziehung von sich aus beenden. Indem sie kaputt werden. Oder wenn sie von den Konsumenten abserviert werden, weil die Produkte unwürdig gealtert sind. Es sei denn, sie machen die seltene Traumkarriere zum Designklassiker.

Heirats- und Warenmarkt funktionieren ähnlich: Die Evolution hat nach wie vor Fäden und Instinkte fest in der Hand. Bei der Partnerwahl und bei der Kaufentscheidung. Schön und innovativ, das steht den Dingen gut, die uns die Produktmanager in die Verkaufsregale legen und uns in die Autohäuser zum Bestaunen schicken. Zum Streicheln schöne Dinge, die wir nichts als haben wollen. Weil uns die Designer darauf programmieren? Oder es die Evolution schon längst gemacht hat? Was Design und seine Formen mit den Menschen machen, das untersucht seit Langem schon der Experimentalpsychologe Claus-Christian Carbon von der Universität Bamberg. Und er weiß: Das Schwierigste beim Produktdesign ist wohl das Ausbalancieren von Vertrautem und Neuem.

Die Dinge, in denen wir Parkplatz suchen, sie formen die Welt, wie wir sie sehen. Nur den Häusern und wie sie aussehen, können wir noch schwieriger entgehen. Das Autodesign zeichnet den Geschmacks- und Formenkanon in den öffentlichen Raum. Und prägt das ästhetische Empfinden der Menschen.


Kenn' ich nicht, mag ich nicht.
Neu? Bäääh! Noch nie da gewesen? Bitte nicht. Zumindest nicht zu viel davon. „Was wir mögen, ist das, was wir kennen“, so viel traut sich Claus-Christian Carbon als grundlegende Aussage zu formulieren. „Es sind visuelle Gewohnheiten, die sich einschleichen.“ Stimuli prasseln und fluten genügend auf uns ein – aus dem engeren, kulturellen Kontext, dem der Freunde, Eltern, Nachbarn, Peergroups. Und dem weiteren: der Gesellschaft, in der die Medien die Bilder auf die Menschen loslassen. Da kommt schon einiges zusammen an visueller Information. Vor allem durch die Werbung, den hartnäckigsten Hammer. Sie beweist: Liebe lässt sich doch erzwingen. Mit ausreichendem Marketingbudget. Wer oft genug das Bild wiederholt, erkauft sich Sympathie. „Mere Exposure“ heißt das Phänomen. Quasi: Frequenz macht Freunde. Dann werden auch die seltsamsten Sneakers irgendwann cool. Das funktioniert auch mit hässlicher Architektur. Mehr Geld, mehr Sichtbarkeit, mehr visuelle Gewohnheit, mehr Will-ich-Haben. Und wenn die Dinge gekauft sind, ist es ohnehin zu spät, sie hässlich zu finden, erzählt Carbon. Dann spulen sich im Hirn routiniert die Rationalisierungs- und Vermeidungsstrategien ab: War ja billig. Hilft ja den Kindern. Kann man immer brauchen.


Kurvig für die Kurven.
Was Menschen schön finden, bestimmen weniger die Designer als das intelligente Design der Evolution. Schön sein war ja nie Selbstzweck, sondern hatte stets biologische Funktion. Schön sein erleichtert die Auslese. Die Evolutionspsychologie spürt den Urinstinkten bis in die Gegenwart nach. Und schaut heute darauf, zu welchen Entscheidungen sie uns treiben, auch jenen, was wir kaufen. „Vitale“ Formen – das lieben Auge und Instinkt. Und so schwingen, kräuseln und ranken sich florale Ornamente seit jeher über die Dinge, egal, ob sie Kunsthandwerk, Architekten oder Industrie produzieren. Die „Schönheit des Biologisch-Funktionalen“: Da wölben auch Autos gern formal ihre Muskeln, zeigen sich sehnig, schwingen ihre eigenen Kurven dynamisch in die Kurven der Straßen. Und das auch jenseits der aerodynamischen Erfordernisse. Das Runde, das Gerundete – das gefällt. Das Eckige steht eher verlassen im Beliebtheitseck, so könnte man meinen. Denn evolutionspsychologisch scheint alles klar: stachelig, spitz, kantig. Das kann nichts Gutes bedeuten: Gefahr, Schmerz, Verderben im besten Fall. Der Hai, seine Zähne, seine Flossen. Die Stacheln. Die Dornen. „Aua“ statt „oh, wie schön“.

Doch Claus-Christian Carbon lässt mit seinen Studien die These der Evolutionspsychologen ein wenig bröckeln. Er hat Studienteilnehmern Bilder aus 50 Jahren Automobilgeschichte vorgelegt, um sie auf „gefallen“ und den Faktor „Innovation“ abzufragen. „Rund gefällt, das ist klar.“ Aber auch das Eckige kann sich ästhetisch etablieren. Sonst hätten sich die Autoformen in den 1970ern nicht so derartig kantig gezeigt. Und dass – in einer Hochkonjunktur der Autoproduktion – ohne verkaufte Stückzahlen einzubüßen. Die 1950er-Jahre, das war noch das „runde“ Jahrzehnt. „Ende der 70er-Jahre war hingegen einer der eckigsten Phasen überhaupt“, sagt Carbon. Der Golf I, der Lamborghini Countach – das waren Design-Protagonisten dieser Epoche. „Die 70er-Jahre werden so, wie sie formal waren, nicht wiederkommen. Aber Teile davon schon“, meint Carbon. Denn: „Runde oder eckige Formen erscheinen in zyklischer Abfolge.“ Der Formenkanon verändert sich: Die Automarken „synchronisieren“ ihre Designs. Alle sind gleichzeitig eher „rund“ oder „eckig“. Und die Menschen adaptieren ihr „Gefällt“-Konzept dementsprechend: Sie verändern ihren Geschmack, wenn sie nur oft genug sehen, was die Designer für sie vorgesehen haben. „Ein Adaptionseffekt, ein kognitiver Prozess“, erklärt Carbon.


Poleposition. „Ein Vorreiter im Design zu sein ist Vorteil wie Nachteil“, meint Carbon. Der Platz ganz vorn, den man sich mit innovativen Formen erkämpft, der lässt sich leicht verteidigen. Doch „wenn man zu früh ist, brauchen die Menschen lange, um sich an die Form zu adaptieren“. Schließlich müssen sich die neuen „visuellen Gewohnheiten“ erst entwickeln.

In jedem Fall komme das sogenannte Maya-Prinzip bei der Gestaltung zum Tragen: ein Akronym für „Most advanced, yet acceptable“. Sprich: Das Design muss innovative und vertraute Formen geschickt ausbalancieren. Und nicht zu abrupt die Menschen aus ihrer gelernten ästhetischen Komfortzone reißen, eine Verbindung zur vertrauten Vergangenheit lassen. Die Überzeugungsarbeit für ästhetischen Wandel leistet schließlich wieder die Frequenz der Bilder, die „Mere Exposure“. Die Evolution des Designs ist ein sanfter Wandel der Formen.


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