"Hean S', Frau Architektin, des geht so net"

Architektinnen, die selbst ein Büro führen, sind eine Seltenheit. Dabei studieren mittlerweile mehr Frauen Architektur als Männer. Vier Architektinnen über männliche Seilschaften und Konflikte auf der Baustelle.

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Sommerhaus Südburgenland – Architekturbüro 24 Gramm

Es gibt ein Gespräch, das alle vier Frauen an diesem Tisch schon oft geführt haben: Man lernt jemanden kennen, kommt auf den Beruf zu sprechen, sagt, dass man Architektin sei und hört prompt ein "Ah, Innenarchitektin, meinen Sie" vom Gegenüber.

„Ich sage dann immer: Ich könnte auch Flughäfen bauen“, sagt Judith Benzer und grinst. Sie leitet mit ihrer Kollegin Anja Löffler zusammen das Architekturbüro 24 Gramm. „Ich erwidere meistens, dass ich schon einmal eine Müllverbrennungsanlage gebaut habe“, sagt die selbstständige Architektin Sne Veselinovic.

In der allgemeinen Wahrnehmung ist die Architektur immer noch eine Männerdomäne. Und je größer, prestigeträchtiger, megalomaner die Projekte, desto männlicher wird die ganze Geschichte. Frauen, so das Klischee, haben ein Händchen, wenn's ums Einrichten geht, um Feinheiten, Farben, Details. Das mag schon sein – so der Tenor der Architektinnen – aber nicht nur. Frauen könnten genauso gut Hochhäuser bauen. Man müsste sie nur lassen.

Die öffentliche Wahrnehmung ist eine Sache. Die Befindlichkeiten in der Branche eine andere. Denn die klärenswerte Frage ist die: Warum gibt es mittlerweile mehr Studienabsolventinnen als -absolventen in der Architektur (auf der TU Wien waren es voriges Jahr 278 Frauen und 155 Männer). Warum haben Männer in der beruflichen Realität dann immer noch das Sagen?

Die Anwesenden sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Alle sind ihre eigenen Chefinnen, führen erfolgreiche Architekturbüros – Benzer und Löffler erst seit Kurzem, Veselinovic, deren Büro unter ihrem Namen läuft, oder Ulrike Pitro (Architekturbüro Orso.Pitro), sind schon etwas länger im Geschäft. Jedenfalls sind sie damit als Frauen definitiv in der Minderheit.


Männliche Seilschaften. „Man kann nicht leugnen, dass es Männerseilschaften gibt“, sagt Veselinovic. „Ich sehe das aber pragmatisch und denke mir immer, wenn Männer ein Problem mit Frauen haben, ist das deren Problem und nicht meines.“

„Wenn man studiert, merkt man noch nichts von diesen Einschränkungen – einmal abgesehen davon, dass die meisten Professoren Männer sind“, sagt Pitro, die selbst an der TU unterrichtet. Nach dem Studium stoße man als Frau aber relativ schnell an erste Grenzen: „Wenn man neu in einem Büro arbeitet, dann braucht man die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, jemand muss einem die Chance geben, Verantwortung zu übernehmen. Wenn es zum Beispiel darum geht, wer in Besprechungen mit Auftraggebern geschickt wird. Da wird einem schon in einem frühen Stadium der Karriere klar, dass da ein Unterschied zwischen Männern und Frauen gemacht wird“, sagt Pitro. Das geschehe subtil, und natürlich gebe es auch Männer, die anfangs keine verantwortungsvollen Aufgaben bekommen. Aber das passiere eben seltener.


Familie nicht der einzige Grund. Ist die Welt für angestellte Architektinnen schon schwierig genug, scheint die Hürde zur Selbstständigkeit noch höher zu sein: Bei den niedergelassenen Architekten sind die Frauen deutlich in der Minderzahl. Derzeit gibt in Österreich 2865 Architekten und Architektinnen mit „aufrechter Befugnis“. Das sind jene Kammermitglieder, die selbst ein Büro führen. Davon sind 389 Frauen und 2476 Männer. Was nach dem Studienabschluss passiert, wann genau die Frauen aufgeben und warum, darüber kann auch die Architektinnenrunde nur mutmaßen. „Es kann nicht nur daran liegen, dass alle eine Familie gründen und zu Hause bleiben“, sagt Pitro. Auch wenn der Berufsstart wegen des langen Studiums genau in die Zeit falle, in der für viele Frauen das Thema Familie aktuell werde. „Da muss man dann eben den französischen Weg wählen“, sagt Veselinovic, selbst Mutter, und meint damit: früh auf Kinderbetreuung setzen, wie das in Frankreich üblich ist.

Wenn man die Anfangshürden des Berufseinstiegs erfolgreich gemeistert habe, werde es leichter, findet Pitro. Gemeinsam mit einem niederländischen Architekturbüro hat das Büro Orso.Pitro vor kurzem den Auftrag an Land gezogen, die Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße neu zu gestalten – wenn es denn eine geben wird. Denn das entscheidet die Bürgerbefragung, die noch bis zum 7.März läuft.

Dass es leichter wird, je länger man im Geschäft ist, kann Veselinovic, die seit 20 Jahren selbstständig ist und ein Büro mit sechs Mitarbeitern führt, nicht unbedingt bestätigen: „Wenn die Projekte eine gewisse Größenordnung erreicht haben, wird es schwieriger. Gerade bei Wettbewerben. Der Kuchen, der da aufgeteilt wird, ist heiß umkämpft.“ Natürlich gelte das für Männer- und Frauenbüros gleichermaßen. Aber da würden dann – Veslinovic formuliert es vorsichtig – eben die männlichen Seilschaften aktiv.

Das zeige sich vor allem dann, wenn Wettbewerbe und Projektausschreibungen nicht anonymisiert seien. Sie habe versucht, dagegen anzukämpfen, und an einem gewissen Punkt in ihrer Karriere eine „Wettbewerbsoffensive“ gestartet, sich also vermehrt an Wettbewerben beteiligt. „Ich wollte mich mit größeren Maßstäben beschäftigen.“ Und die seien eben oft noch eine Männerbastion.

In dieser Größenordnung spielen Benzer und Löffler noch nicht – dafür sind sie zu frisch im Geschäft. Nachdem eines der ersten Projekte des jungen Duos, ein Sommerhaus aus Holz für einen privaten Auftraggeber, 2012 den Holzbaupreis Burgenland gewonnen hat, kommen derzeit vor allem Aufträge für weitere Einfamilienhäuser herein. Meist von jungen Paaren, die den ressourcenschonenden, reduzierten Zugang und die ökologische Bauweise der Architektinnen schätzen.


Klare Ansagen auf der Baustelle.
Dieses Jahr werde definitiv wieder ein „Baustellenjahr“ mit vielen privaten Aufträgen. Die Baustelle. Auch so eine Sache. Schließlich hat man da als Architektin hauptsächlich mit Männern zu tun. Mit „Gewerken“, wie es in der Fachsprache heißt, also mit Schlossern, Tischlern – Handwerkern eben. „Auf der Baustelle muss man klare Ansagen treffen. Das gilt aber für Männer wie Frauen. Architekten sind in den Augen der Handwerker immer die, die zu wenig Realitätssinn und technisches Verständnis haben“, sagt Benzer.

Natürlich komme es da schon öfter vor, dass ein Handwerker sage: „Hean S', Frau Architektin, des geht so net.“ Dann müsse man halt beweisen, dass man sich auch mit Mathematik auskenne. Ob sie so ein Verhalten als diskriminierend empfindet? „Ich kann es nicht genau festmachen – ist das, weil ich jung bin oder weil ich eine Frau bin?“ An sich sei der Umgang auf der Baustelle nämlich sehr respektvoll, fast gentleman-like: „Es wird einem schnell die Hand gereicht, wenn man auf eine Leiter steigt“, sagt Löffler und schmunzelt. Natürlich müsse man sich trauen, offen zu sagen, wenn etwas nicht passe. „Auf eine freundliche, aber bestimmte Art. Das wird geschätzt. Es gibt ja wahnsinnig viele cholerische Architekten“, sagt Benzer. „Wenn man mit allen Beteiligten auf der Baustelle respektvoll umgeht, bekommt man das auch zurück“, ist sie überzeugt.


Weibliche Formensprache? Die Frage, ob es denn eine weibliche Ästhetik in der Architektur gibt, weckt bei den Architektinnen großen Widerspruch. „Das ist ein absolutes Klischee. Es geht um tolle Qualität. Die ist geschlechtsunspezifisch“, sagt Veselinovic.

Benzer stimmt zu: „Eigenschaften wie Sensibilität und Zurückhaltung gibt man ja meist ins weibliche Lager. Aber wenn man sich zum Beispiel eine Zaha Hadid anschaut und ihren WU-Campus, ist das nicht gerade das Projekt, das am wenigsten aufzeigt“, sagt Benzer. Will heißen: Zaha Hadids Design übt sich nicht in nobler (weiblicher) Zurückhaltung, sondern fällt auf.

Es sei keine bewusste Entscheidung gewesen, sich als „Frauenteam“ zu formieren, sagen Benzer und Löffler, genauso wie Pitro, die ihr Büro mit ihrer Kollegin Franziska Orso führt. Man kenne sich eben aus dem Studium und ergänze sich gut. Dass es auffallend viele „Architektenpaare“ gibt, viel mehr als Frauenteams, führen sie nicht darauf zurück, dass es für Frauen mit einem Mann an der Seite in dem Business leichter ist. Veselinovic hatte anfangs nur männliche Mitarbeiter. Jetzt sind vier von sechs Frauen. Keine bewusste Wahl, sagt auch sie.

Und sie als Chefin habe auch gesehen, dass nicht nur Männer Frauen im Weg stehen, sondern Frauen sich manchmal auch selber.


Zweifel nicht nach außen tragen. „Neulich habe ich einer Mitarbeiterin eine Projektleitung angeboten. Sie hat gesagt, sie muss erst darüber nachdenken, ob sie sich das zutraut. Ich habe gesagt: Du kannst das.“ Zweifel seien prinzipiell gut, aber: „Man muss das mit sich selbst ausmachen, man darf das nicht nach außen tragen.“ Sonst bekomme eben ein Mann den Job.

vorzeigeprojekte

24 Gramm. Judith Benzer und Anja Löffler gewannen mit einem ihrer ersten gemeinsamen Projekte, einem Sommerhaus aus Holz im Burgenland, den Burgenländischen Holzbaupreis. Das Team setzt auf einen ressourcenschonenden Umgang mit Raum und Material. Der Name des Duos spielt auf das Gewicht des Skizzenpapiers an, mit dem die Architektinnen arbeiten. www.24gramm.com

Sne Veselinovic betreibt seit 20 Jahren in Wien ein Architekturbüro mit sechs Mitarbeitern. Bekannte Projekte sind die Müllverbrennungsanlage MVA Pfaffenau in Wien Simmering oder das Kurhaus Baden Engelsbad.
www.architektur.sne

Orso.Pitro. Ulrike Pitro und Franziska Orso warten gerade mit Spannung die Bürgerbefragung zur Mariahilfer Straße ab. Sie haben gemeinsam mit dem niederländischen Bureau B+B urban planning für Landschafts- und Städtebau den Auftrag erhalten, die Begegnungszone zu gestalten. Pitro hat auch einen Lehrauftrag an der TU.
http://ar.tuwien.ac.at/de/ulrike-pitro/

Fakten

AbsolventInnen. Im Jahr 2013 gab es im Fach Architektur an der TU Wien 278 Absolventinnen und 155 Absolventen.

Selbstständigkeit.389 Frauen und 2476 Männer führen derzeit in Österreich ein eigenes Architekturbüro. Dazu kommen noch 235 Frauen und 1072 Männer mit „ruhender Befugnis“. Diese hätten die Befähigung (Ziviltechnikerprüfung), sich selbstständig zu machen, haben es bisher aber nicht getan.

Angestellte. Rund 8700 Architektinnen und Architekten waren im Jahresdurchschnitt 2012 angestellt. Damit liegt das Verhältnis Angestellte zu
Selbstständige in
etwa bei 3:1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)

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