Die New Yorker U-Bahn-Designer

Das österreichisch-japanische Duo Antenna Design ist in New York erfolgreich – unter anderem designen Sigi Moeslinger und Masamichi Udagawa dort die U-Bahn.

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Antenna Design

Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Das wissen Sigi Moeslinger und Masamichi Udagawa nur zu gut. Ende der 90er wollte MTA, die New Yorker Verkehrsbehörde, Verkaufsautomaten für ihre neuen MetroCards einführen, am liebsten ganz moderne mit Touchscreen. Doch Moeslinger und Udagawa, die mit dem Design des Automaten beauftragt waren, stellten fest, dass die Hälfte der U-Bahn-Nutzer kein Bankkonto besitzt – und daher den Umgang mit Touchscreens nicht gewöhnt ist. Das Resultat ihrer Beobachtung ist ein Apparat mit großen Knöpfen und blauen, gelben, grünen und roten Feldern zur besseren Orientierung. Der Kaufvorgang ist so einfach, dass die „New York Times“ bei der Einführung eine 81-Jährige zitierte: „Ich bin ein Computer-Ignorant. Aber ich glaube, wenn mir das noch einmal jemand erklärt, kann ich mit den neuen Maschinen umgehen.“

Das war 1999, die beiden Produktdesigner hatten gerade ihr Label „Antenna Design“ gegründet. Getroffen haben sich die Österreicherin und der Japaner in San Francisco, wo beide gelebt hatten, bevor sie nach New York gingen. Sigi Moeslinger hatte gerade eine Zusatzausbildung in Interaktionsdesign abgeschlossen, als sich Masamichi Udagawa von der großen Designagentur Ideo trennte. Dabei nahm er den Auftrag für die Verkaufsautomaten gleich mit. „Ich habe den Leuten von MTA ganz offen gesagt, dass ich Ideo verlassen wollte und dass sie Ersatz für mich bekommen würden“, erzählt Udagawa. Aber sie wollten lieber ihn. Die Zusammenarbeit klappte so gut, dass Antenna einen Folgeauftrag bekam: „Wir waren selbst überrascht, als MTA uns bat, die neue U-Bahn-Garnitur zu entwerfen“, so Moeslinger. „Allerdings bekommt man hier in New York viel eher Gelegenheit, sich zu beweisen. Wer versagt, ist draußen. Aber wer gute Resultate liefert, kommt schneller voran als woanders.“ Gute Resultate haben Moeslinger und Udagawa geliefert. Mehr als 1000 ihrer Wagen sind im New Yorker U-Bahn-System unterwegs und über 200 von einem weiteren Modell, das ebenfalls von Antenna stammt. MTAs Treue kommt nicht von irgendwo. „Ich glaube, wir haben es geschafft, Design als Weg, Konsens zu erreichen, zu präsentieren“, sagt Udagawa, „wir haben versucht, den Interessengruppen im Unternehmen zuzuhören, ihren Input auch zu berücksichtigen.“ Die Designer machen ihrem Namen alle Ehre: Wie eine Antenne – ein sensibles Gerät, Sender und Empfänger zugleich – nehmen sie Wellen auf, wandeln sie um.

Böse Broker. Im Falle des New Yorker U-Bahn-Zuges führte das zu einer freundlichen Innenausstattung mit hellblauen Sitzbänken und schwarzem Boden, auf dem man Schmutz nicht so sieht. „Wir sind davon ausgegangen, dass ein attraktives Ambiente den Vandalismus reduziert“, sagt Moeslinger. Mit Zerstörungswut hatte sie auch in einem anderen Projekt zu tun. „Wertpapierhändler können wirklich brutal mit ihrem Equipment werden, wenn sie gerade viel Geld verloren haben.“ Beobachtet hat sie das, als sie für einen neuen Bildschirm recherchierte, den Bloomberg mit seinem Finanzinformationsdienst mitverkauft. Das Resultat ihrer Nachforschung ist ein Screen aus Stahl und Aluminium, der langlebig ist, gut zu warten und der das Prestige widerspiegelt, das für Trader mit dem Zugang zu Bloomberg einhergeht.

Blumen für alle. Gute Recherche ist für Antenna wichtig. „Auf eine Art ist Design die materielle Verkörperung von Information“, sagt Masamichi Udagawa, „aber es ist wichtig, die richtige Information zum Ausdruck zu bringen.“ Sie versuchen, komplexe Dinge zu vereinfachen: „Unser Design enthält gerade das, was es braucht. Manchmal müssen wir Komplexität reduzieren. Aber in anderen Fällen kommt es vor, dass wir Poesie hinzufügen müssen.“

Diese Philosophie hat ihnen 2008 den wichtigsten Designpreis der USA beschert, den Cooper Hewitt National Design Award. In einer Ausstellung, die letzten Winter zum 10-jährigen Jubiläum des Preises lief, sah man dementsprechend nicht nur die kommerziell erfolgreichen Produkte von Antenna Design, sondern auch einige ihrer Kunstinstallationen. „Wir wollten immer auch etwas anderes als Transportmittel machen“, sagt Moeslinger, „mehr in eine poetische oder humorvolle oder leichtere Richtung.“ Das gilt etwa für die Installation, die im kommenden Herbst in der U-Bahn-Station in der 96th Street eröffnet wird: 180 stilisierte Stahlblumen an der Decke, die mitten im Verkehrschaos daran erinnern sollen, dass die Gegend einst „Bloomingdale“ hieß, holländisch für Blumental.

Blumen standen auch im Zentrum von Antennas Installation „Power Flower“. Kurz nach 9/11 war sie drei Wochen im Schaufenster des Luxuskaufhauses Bloomingdale's zu sehen: blaue Neonblumen, die aufleuchteten, wenn sich Passanten den Sensoren näherten. Manche merkten das Geschenk nicht, die meisten aber lächelten. Die Beziehung Mensch-Maschine muss nicht immer eine Geschichte voller Missverständnisse sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)

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