Rauchfrei: Die Chronologie eines Abschieds

In den vergangenen zwölf Jahren hat "Presse"-Redakteur Christoph Schwarz 129.600 Zigaretten geraucht. Seit 18. Oktober ist er rauchfrei. Über gute Vorsätze und ihre schmerzhaften Folgen. Ein Selbstversuch.

Rauchfrei Chronologie eines Abschieds
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Rauchfrei Chronologie eines Abschieds
(c) Clemens Fabry

Am 18.Oktober 2012 trat eine kleine rote Schaumstofftomate in mein Leben. Eine, wie man sie in Krimskramsläden kaufen kann, gemacht zum Darauf-Herumdrücken. Die korrekte Produktbezeichnung ist wohl Antistressball. Sie ist seither täglich in Gebrauch, als Ersatz für jene zwei Packungen rote Gauloises, die ich sonst rauchen würde.

Als „Bleigießen der Lebensbiografie“ bezeichnete die „Süddeutsche Zeitung“ die guten Vorsätze, mit denen wir so gern ins jeweils neue Jahr starten, einst in einem Artikel. Ein schönes Sprachbild. Gute Vorsätze haben eher etwas Ritual- denn etwas Dauerhaftes. Meistens jedenfalls. Wäre es anders, müssten die Österreicher längst ziemlich gesund sein. Ein Drittel von ihnen fasst nämlich laut Imas-Umfrage zu Silvester zumindest einen guten Vorsatz. Ganz oben rangieren mehr Bewegung (49 Prozent der Veränderungswilligen), „mehr auf sich schauen“ (43 Prozent) und abnehmen (31 Prozent). Mit dem Rauchen aufhören wollen 22 Prozent.

So wie ich. Ich habe am 18. Oktober 2012 mit dem Rauchen aufgehört. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle „Ich bin seit 18. Oktober 2012 Nichtraucher“ schreiben. Aber das stimmt nicht. Ich war zwölf Jahre lang glücklicher Raucher, und etwas in mir wehrt sich, mich als Nichtraucher vorzustellen. Eher bin ich so etwas wie ein trockener Alkoholiker. Ein „kalter Raucher“, falls es diesen Ausdruck geben sollte. Meiner Therapeutin würde er wohl nicht gefallen, sie nannte mich und die Kollegen in der Gruppentherapie lieber „rauchfrei“.

Die vergangenen zehn Wochen waren härter als gedacht. Hier ist die Chronologie eines Abschieds.

2. Oktober: Treffen mit der Therapeutin. Ich mag keine Therapeuten, keine Psychologen, keine Coaches. Ich mag das psychoesoterische Getue nicht, das wissende Nicken. Ich mag nicht meine Gefühle zeichnen und niemanden umarmen. Und nicht alles, was ich tue, hat mit meiner Beziehung zu meiner Mutter zu tun. Ich sage das der Psychologin, die mich und zwei andere Raucher im kommenden Monat „bei der Rauchentwöhnung unterstützen“ soll – so heißt das offiziell, genau so. Sie wirkt nicht sonderlich erfreut. Und bittet, ihr zu sagen, falls sie „psychoesoterisch“ wird. Dann nimmt sie die Daten auf: „Wie viele Zigaretten rauchen Sie am Tag?“ Dreißig. „Wann rauchen Sie die erste Zigarette?“ Nach dem Aufstehen. „Auf welche könnten Sie am ehesten verzichten? Die erste oder eine andere?“ Eine andere. Die Psychologin nickt.

3.Oktober: Die erste Gruppensitzung. Meine Vorstellungen von Gruppensitzungen sind klischeebehaftet. Sie werden nicht erfüllt. Weder müssen wir aufstehen und unsere Namen in die Runde sagen, noch handelt es sich bei den anderen beiden Aufhörwilligen um 65-jährige Lungenkrebspatienten, die meinem Vorhaben, das Rauchen aufzugeben, mit ihren Krankengeschichten jene Lockerheit nehmen, die ich ihm bisher zugemessen habe. Neben mir sitzen ein Fondsmanager im mittleren Alter und eine junge Ärztin. Beide wirken vernünftig und erzählen bekannte Geschichten. Von der Suche nach Raucherkabinen auf Flughäfen und davon, sich in der Nacht nochmals aus dem Bett zu schleichen, um zu rauchen. Es sind lustige Anekdoten. Nach 45 Minuten fordern wir eine Rauchpause. Unsere Konzentration lasse nach, argumentieren wir. Es folgt ein Vortrag über Inhaltsstoffe von Zigaretten. Der gelernte Raucher nickt an dieser Stelle artig.

4.Oktober: Die Liste. Der Auftrag für die erste Woche mutet einfach an. Ich darf normal rauchen. Muss aber jede Zigarette vor dem Rauchen dokumentieren – und sie mit Uhrzeit und Begründung in einer Tabelle vermerken. „Weil ich sie brauche“, „Langeweile“, „zur Kontaktaufnahme“, „aus Genuss“, „einfach so“ lauten die gängigsten Kategorien. Das sollte zu schaffen sein.

5.Oktober: Wo ist die Liste? Das Eintragen ist mühsam. Ständig muss ich nach der Liste kramen. Genuss? Doch Langeweile? Während eines Termins außer Haus kann ich gleich gar nicht rauchen. Ich habe die Liste vergessen. Von da an tippe ich Uhrzeit und Begründung ins iPhone – und übertrage die Werte später auf die Liste. Das ist nur ein bisschen geschummelt. Dafür doppelt mühsam.

7.Oktober: Zweifel. Die Liste widerlegt mein Selbstbild vom Genussraucher. Von den täglich 27 bis 35 Zigaretten kreuze ich nur bei fünf bis sechs „Genuss“ an. Es überwiegt „einfach so“. Jeder Raucher kennt den Geschmack dieser einen Zigarette zu viel, die man nur aus Gewohnheit noch ganz schnell raucht, vor einem Flug etwa. Sie ist zu stark, man hat einen komischen Geschmack im Mund, will sie vorzeitig abdämpfen. Irgendwie schmecken jetzt alle so. Das hindert mich nicht, sie zu rauchen.

9.Oktober: 25.000 Euro. Ich errechne, wie viel ich in meinem Leben geraucht habe. Ich komme auf 129.600 Zigaretten. Das sind, nicht inflationsbereinigt und ohne Preisanpassung, 25.000 Euro.

10.Oktober:
Zweite Gruppensitzung.Wir stellen Vor- und Nachteile des Rauchens gegenüber. Bei den Vorteilen – es schmeckt, entspannt, regt an, ist sozial, lenkt ab, macht Spaß, tröstet, vertreibt Langeweile – wird uns der Platz auf dem Packpapier zu klein. Die Nachteile sind rascher abgehandelt. Es ist ungesund, sagen wir. Es stinkt. Teuer ist es auch. Der Psychologin reicht das nicht. Wir einigen uns, dass Rauchen unsere Freiheit beschneidet. Warum ich gerade jetzt aufhören wolle zu rauchen, fragt die Psychologin. Es sei ungesund, antworte ich. Sie schüttelt den Kopf. „Zu wenig. Das wussten Sie ja bisher auch.“ Ich solle einen positiven Satz formulieren, an den ich mich erinnere, wenn die Sucht kommt. „Weil ich gesund für meine Tochter da sein will.“ Der gilt.

12.Oktober: Was tut ein Nichtraucher?Die Aufgabe für diese Woche: Beobachten, was Nichtraucher in Situationen tun, in denen wir rauchen. Mein Fazit: Sie tun nichts. Generell haben Nichtraucher etwas Lustfeindliches an sich, etwas Freudloses. Der Gedanke, einer von ihnen zu sein, frustriert mich.

14.Oktober: Ersatzhandlung. Wir sollen Ersatzhandlungen überlegen. Mir fällt kaum etwas ein, was mich nicht ans Rauchen erinnert. Rauchen ist für mich ein Ritual. In zwölf Jahren habe ich gelernt, fast jede Tätigkeit damit zu verknüpfen. Ich habe während des Essens geraucht. Zu Lasagne passt es gut. Die Gruppe meint, man könne Mandalas ausmalen. Die Ärztin kauft für jeden ein Buch, meine Mandalas sind mit Glitzer verziert.

16.Oktober: Noch zwei Tage. Ich erzähle von meinem Vorhaben. Die Freunde sind erfreut. Endlich würde ich ihnen nicht länger bei halbherzigen Versuchen, aus dem Fenster zu rauchen, die Vorhänge verstinken. Meine Mama ist begeistert. Mein Vater spart sich den sonst üblichen Einwurf, er selbst „wäre willensstark genug“, das ohne Therapie zu schaffen. Er raucht bis heute.

17.Oktober: Der letzte Abend. Heute ist unser letzter Abend, wir gehen essen. Wir haben drei Packungen gekauft, und rauchen „auf Vorrat“, also die ganze Zeit. Die Ärztin raucht dem Fondsmanager ins Beef Tatar, während der Nachspeise revanchiert er sich bei uns. Wir vereinbaren, dass derjenige, der rückfällig wird, alle ins „Steirereck“ einladen muss. Vor Mitternacht die letzte Zigarette. Ich rauche langsam, voller Wehmut. Es ist schön, der aufleuchtenden Glut zuzusehen. In Wahrheit bin ich mittlerweile einfach betrunken.
18.Oktober: Rauchfrei. Ich stehe auf, dusche, ziehe mich an. Nur den Kaffee erspare ich mir – von wegen Ritual und so. Bis exakt 8.43 Uhr, ich habe auf die Uhr geblickt, ist alles kein Problem. Dann treffe ich auf der Straße auf einen Mann, der raucht. Ich verfolge ihn, um den guten Rauch einzuatmen. Ich werde das noch öfter tun. Im Übrigen halte ich mich an das Drei-Phasen-Konzept der Psychologin. Bei 1) leichtem Verlangen soll ich dieses ignorieren. Bei 2) mittelstarkem Verlangen soll ich mich ablenken. (Die Tomate ist übrigens sozial akzeptiert, ein Buch mit Glitzermandalas nicht.) Bei 3) übermächtigem Verlangen hilft nur „radikale Akzeptanz“. Das klingt so schmerzhaft, wie es ist. Man solle dann rausgehen und laut schreien, sagt die Psychologin. Ich finde das übertrieben. Bis ich am Nachmittag tatsächlich nur noch schreien will. Ich übe das Schreien an meinen Kolleginnen, denen ich ohnehin nicht ordentlich zuhören kann. Wer aufhört zu rauchen, hat Konzentrationsprobleme.

19.Oktober: Müde. Wer aufhört zu rauchen, kann auch nicht schlafen. Ich zittere leicht und schwitze stark. Phase 3 wird zum Normalzustand. Ich stehe mit den Kollegen in SMS-Kontakt. Das hilft.

22.Oktober: Durststrecke. Jetzt wird es erst richtig hart. Die „Ich höre auf“-Euphorie der ersten Tage ist vorbei. Es folgen die Mühen der Ebene, Alltag. Wie es einem gehe, wollen alle wissen. Das ist eine dumme Frage. Wie soll es schon gehen? Schlecht.

24.Oktober: Bergauf. Die körperlichen Entzugserscheinungen sind weg, jetzt ist es eine Frage des Willens. Ich bin selten in Phase 3, und mit Phase 2 kann ich umgehen. Der Geruchssinn wird besser (stinkt es eigentlich immer so im Bus?), der Geschmackssinn auch (ich wusste nicht, dass Molke so schmeckt. Ich kaufe sie seither nicht mehr).

30.Oktober: Die letzte Sitzung. Alle haben durchgehalten. Es geht mir mittlerweile gut damit, meist jedenfalls. Bis heute übrigens. Ich wiege auch nur acht Kilo mehr. Auch die anderen sind nach zehn Wochen noch „rauchfrei“. Zumindest habe ich noch keine Einladung ins „Steirereck“ erhalten.

Entwöhnt

In Österreich rauchen rund 38Prozent der Bevölkerung,
15 Prozent sind Exraucher. Am höchsten ist der Anteil der Raucher in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen, hier liegt er bei 40 Prozent. Der durchschnittliche Tageskonsum liegt
bei 18Zigaretten.

Methoden zur Raucherentwöhnung gibt es viele – von der Hypnose über Do-it-yourself-Bücher bis hin zur Medikamententherapie.

Der Selbstversuchgelang dank eines Entwöhnungsseminars von Brigitte Zinner. Sie ist Gesundheits- und Klinische Psychologin in Wien. Infos und Termine: www.brigittezinner.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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