„Tanzen, plärren oder schmusen“ Herr Hermes präsentiert den Swing

01.02.2013 | 18:27 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Herr Hermes, bekannt aus Radio, Fernsehen und Club, stellte im Wiener 25 Hours Hotel seinen ersten Tonträger voll jazziger Sounds vor.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Ein Gott der Gymnastik wie der Hermes der griechischen Antike ist die österreichische Ausgabe wohl nicht. Nicht einmal seine Mimik gibt sich besonders sportlich, wenn er für seine Sendung „Die unteren Zehntausend“ allwöchentlich in die Provinz reist, um mehr oder weniger skurrilen Zeitgenossen Wortspenden zu entlocken. Miene wie Gemütszustand können trefflich mit dem Wort „stoisch“ beschrieben werden.

Dabei wohnt ein großes Herz in dieser breiten Brust. „Meine Idee war, eine Art Seitenblicke zu machen, wo die normalen Leute gezeigt werden. Manche finden das, was ich da mache, zynisch, sprechen vom Spira-Ansatz“, seufzt Hermes, „dabei ist es das genau nicht. Zu meinen Prinzipien zählt, niemals Leute vorzuführen, niemals Fangfragen stellen.“

Vorbild für seine an entlegendste Orte führenden Beiträge ist Franz Xaver Gernstl, ein Bayer, der in verwunschene Gegenden Deutschlands reist, um dort Menschen aufzustöbern, die noch nicht den Zwängen der Konsumgesellschaft anheimgefallen sind. Auch Hermes sucht Menschen mit Leidenschaften, obwohl er weiß, dass hinter mancher eine ziemliche Lebenskatastrophe steckt. Während Gernstl die Menschen mit Empathie dazu verführt, etwas von sich preiszugeben, gibt sich der stets in einen weißen Anzug gehüllte Hermes beim Zusammenprall mit dem Volk zurückhaltender.

Er kann es sich leisten. Egal, ob bei Kleintierzüchterverein, Christbaumwerfern oder Feuerwehrfest, die Menschen kommen auf ihn zu, sobald er das Mikrofon ausfährt. „Es überrascht mich immer wieder, wie hurtig mir die Leut' in die Kamera laufen. Die wittern ihre Warhol-Viertelstunde und schieben dafür die ärgsten Meldungen raus.“


Es ist noch gar nicht so lange her, da drängte der unbekannte Hermes selbst ins Medium. Der damalige Student der Raumplanung arbeitete als Nachtportier in Mannswörth, als er eines Abends spontan beschloss, bei „Radio Blume“ anzurufen, einer Sendung von Stermann/Grissemann. „Die haben mich richtig fertiggemacht“, stöhnt Hermes heute noch. Er rief mit verstellter Stimme nochmals an und bekam eine kleine Ecke in der Sendung zugewiesen. Stermann/Grissemann konsultierten ihn die ersten Jahre ausschließlich telefonisch. Erst nach drei Jahren lernte man sich wirklich kennen. Die wechselseitige Sympathie war so durchschlagend, dass Hermes bald ihre FM4-Sendung übernahm. Aus dem „Salon Helga“ wurde der „Salon Hermes“, eine akustische Raststation auf einem Sender, dem oft das Aktuelle schon zu alt ist. Hermes frönt in seinem Salon einem Musikgeschmack, der jüngst wieder modern geworden ist. Sein Faible sind patinierte Swing- und Cha-Cha-Cha-Nummern, die wie steinalter R&B derzeit beim jungen Publikum boomen.

Um die abgehangenen Sounds feil zu machen, hat Hermes nun im Wiener 25 Hours Hotel seine erste Kompilation „SehrSuperSampler #1“ vorgestellt, zu der sogleich heftig Lindy Hop und Cha-Cha-Cha getanzt wurden. „Das derzeitige Revival kann ich nicht ganz nachvollziehen, weil ich ja schon immer auf diese Sounds gestanden bin. Der Swing ist einfach eine grundlegend gute Musik.“ Als DJ hat sich Hermes mittlerweile einen fixen Platz in der Wiener Clublandschaft gesichert. Zunächst ordinierte er im Wiener Tanzcafe Jenseits, seit zwei Jahren jeden Mittwoch im 25 Hours Hotel.

Er weiß um seine Verantwortung. „Als DJ musst die Leut' zum Tanzen, zum Plärren oder zum Schmusen bringen.“ Dass es da manchmal zu Überschneidungen kommt, stört ihn nicht. Schmerzen bereitet ihm hingegen die wild wuchernde Gratismentalität. „Heute kommen Leute zu mir, die drücken mir einen USB-Stick in die Hand und sagen: Geh, spiel mir alles rauf, was du in den letzten drei Stunden aufgelegt hast.“ Auch um solche Haltlosigkeit zu verhindern, gibt es nun den ersten von Hermes autorisierten Tonträger.

Zur Person

Herr Hermes (geb. 1974) heißt eigentlich Hans Szivats und wurde 1995 durch Anrufe bei „Radio Blume“ auf FM4 bekannt. 1998 wurde er Moderator. In „Willkommen Österreich“ besucht er für die „unteren Zehntausend“ skurrile Veranstaltungen. Jeden Mittwoch legt er im 25 Hours Hotel auf. „SehrSuperSampler #1“ ist seine erste Kompilation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

Tonträger

Wo kann man denn den Tonträger kaufen? Oder den "SehrSuperSampler #1"?

AnmeldenAnmelden