Politischer Lifeball: "Demokratie nicht selbstverständlich"

Zeithistoriker Oliver Rathkolb von der Uni Wien im Interview über seine Rolle beim heurigen Life Ball und die Notwendigkeit einer „wehrhaften Demokratie“.

Oliver Rathkolb gibt den historischen wissenschaftlichen Sparring Partner von Gery Keszler.
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Oliver Rathkolb gibt den historischen wissenschaftlichen Sparring Partner von Gery Keszler.
Oliver Rathkolb gibt den historischen wissenschaftlichen Sparring Partner von Gery Keszler. – (c) APA/HANS PUNZ (HANS PUNZ)

Welche Rolle spielen Sie in der Konzeptionierung des heurigen Life Ball?

Oliver Rathkolb: Die Idee kam von Gery Keszler. Er hat, wenn man so will, einen historischen wissenschaftlichen Sparring Partner gesucht. Wir haben uns wirklich viel Zeit genommen. Ich war auch einer der ersten, der die Probebilder gesehen hat, wir haben sie dann inhaltlich diskutiert - die Frage, wo es Ähnlichkeiten zu Entwicklungen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gibt, als die Demokratiewelle, die es nach dem Ersten Weltkrieg gegeben hat, in fast ganz Europa vernichtet wurde. Das war meine Hauptfunktion - seine Thesen, sein Gefühl zu verifizieren oder falsifizieren. Und das habe ich gerne gemacht. Dieses Bild im Justizpalast, da hat man gemerkt, dass er schon vor eineinhalb Jahren wirklich am Puls der Zeit gelegen ist. Wir sind extra für die Genehmigung des Fotoshootings zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofs gegangen.

Was sind aus Ihrer Sicht die Parallelen?

Die Parallelen sind, dass man nach dem Ersten Weltkrieg geglaubt hat, Demokratie ist das selbstverständliche Modell. Gleichzeitig ist aber die parlamentarische Demokratie ein sehr fragiles System, das in Zeiten sozioökonomischer Krisen extrem gefährdet ist, wenn es nicht tief sitzende demokratische Einstellungen in der Gesellschaft gibt, und man auch so etwas wie eine „wehrhafte Demokratie“ entwickelt. Und das ist nicht nur eine Elitenangelegenheit, sondern das muss im öffentlichen Raum verhandelt werden. Das ist genau das Thema, das der Life Ball auch anspricht. Wir hatten ja schon vor einigen Jahren - und machen das jetzt wieder im Jänner - eine große Meinungsumfrage über das autoritäre Potenzial durchgeführt. Schon vor drei Jahren hat sich gezeigt, dass ungefähr 30 Prozent der Österreicher eigentlich einen neuen „starken Führer“ will. Das ist kein Adolf Hitler, aber eine starke Persönlichkeit, ohne Parlament, ohne diese komplizierten Verhandlungsprozesse. Und ich bin sicher, dass das in der nächsten Umfrage höher sein wird. Ich glaube, insofern ist das diesjährige Projekt Keszlers auch der Versuch, für diese gefährliche Entwicklung Bewusstsein zu wecken. Dass Demokratie etwas ist, das nicht selbstverständlich ist, vor allem nicht parlamentarische Demokratie. Dass das ein schwieriger Aushandlungsprozess ist, dem man sich aber unterziehen muss. Und dass die scheinbar perfekten Modelle eines autoritären Führers nur in die Katastrophe geführt haben. Die wurden damals übrigens ähnlich wie heute verkauft: Mussolini und die anderen seien die wahren Demokraten, sie seien vom Volk legitimiert. Wir haben schon auch so eine Tendenz: Alles muss vom Volk abgestimmt werden. Und ich muss sagen, das sind Ähnlichkeiten, die mich als Historiker, aber auch viele Journalisten und Experten irritieren.

Sind Sie besorgt?

Das, was mich eigentlich am meisten nachdenklich gestimmt hat, ist, dass sich die Identitären genau mit den Theoretikern dieser Zeit beschäftigen. Carl Schmitt ist dort ein Hero, war aber auch ein großer Gegner der parlamentarischen Demokratie, und letzten Endes einer der großen Rechtfertiger des Nationalsozialismus. Und insofern legt eigentlich Gery Keszler mit seinem Slogan und auch mit diesen unglaublich gut gemachten, ästhetisch-emotional aufgeladenen Bildern wirklich seinen Finger in die Wunde unserer Gesellschaft. Die amerikanischen Wahlen sind ja nur eine Bestätigung dieser Spaltung der Gesellschaft. Es hat keiner damit gerechnet, dass jemand mit solch aggressiv populistischen und untergriffigen Botschaften wie Trump die Wahlen gewinnen kann. Alle Experten haben gesagt: unmöglich. Da ist genau das Phänomen der Zwanziger- und Dreißigerjahre eingetreten. Natürlich haben die Amerikaner andere Rahmenbedingungen. Aber ich finde es einen extrem spannenden Ansatz, so eine globale Ikone, wie es der Life Ball ist, zu benützen, um ein klares politisches Statement zugunsten der parlamentarischen Demokratie abzugeben.

Können Initiativen wie der Life Ball denn etwas ausrichten?

Ich glaube schon. Wie leben ja in einer ganz anderen Zeit als in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Die von uns so oft verteufelte digitale Mediengesellschaft hat natürlich auch Vorteile. Es gibt natürlich auch eine andere Gesellschaft, die andere Inhalte kommuniziert. Ich glaube, man muss sich einfach nur auf die Füße stellen und bestimmte Dinge aussprechen. Dieser lange Präsidentschaftswahlkampf  in Österreich war für mich eine sehr positive Entwicklung. Zum ersten Mal ist bewusst geworden und wurde offen angesprochen, übrigens auch vom jetzt gewählten, künftigen Bundespräsidenten , dass wir nach wie vor die Überreste einer autoritären Verfassungsänderung aus 1929 haben. Die ist zwar vom Parlament beschlossen, bedeutet aber im Krisenfall autoritäre Kompetenzen für den Präsidenten, wo man schon fragen muss: Wollen wir das im 21. Jahrhundert?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2016)

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