Cannabis aus dem Labor: "Das Zeug ist vielen zu stark"

Hanf hat seinen Nimbus als Bio-Rauschmittel schon lange verloren. Zuletzt waren synthetische Cannabis-Abkömmlinge und genmanipuliertes Saatgut der Renner. Mit zum Teil verheerenden Auswirkungen.

So ein kleines bisschen hat sich ein Teil der Cannabisszene immer um die Begriffe Öko und Bio gedreht. Auch wenn das meiste davon inszeniertes Image war und ist: Der passende Hanf für die Droge lässt sich auch hierzulande selbst ziehen, das sogenannte Homegrowing gilt als eine Art Statement gegen den Kommerz jener, die Geld mit dem Vertrieb eigentlich illegaler Substanzen verdienen wollen. Alternative Formen der Rauschbeschaffung kommen in diesen Kreisen gut an, der sprichwörtliche grüne Daumen wurde zum geflügelten Wort.

Nur: Am Nimbus vom Bio-Rauschmittel aus dem Schoß von Mutter Erde haben Pharmakologen und Kriminelle in den vergangenen Jahren ganz massiv gekratzt. Ganz ähnlich wie im Bereich der sogenannten Partydrogen ereröffnete die moderne Chemie völlig neue Möglichkeiten im Umfeld von Cannabis.

„Schuld“ daran ist an sich harmlose, wissenschaftliche Forschung. Während der vergangenen 20 Jahre wurden an verschiedenen Universitäten viele Geheimnisse rund um Cannabis und den psychoaktiven Wirkstoff THC (steht für Tetrahydrocannabinol) gelüftet. Entscheidend waren jedoch die Identifizierung und Beschreibung jener Rezeptoren im Nervensystem, an denen THC andockt und wirkt. Anders als zu Zeiten von LSD & Co. blieb dieses Wissen jedoch nicht mehr einer kleinen Gemeinde vorbehalten, die Zugang zu Fachzeitschriften oder Universitätsbibliotheken hatte. Via Internet verbreiteten sich die Erkenntnisse über den Erdball. Interessant waren damals vor allem Informationen darüber, was man tun muss, um Substanzen in unterschiedlicher Stärke an die THC-Rezeptoren zu binden. Denn starke Bindung bedeutet auch starke Wirkung.

So entstanden die synthetischen Cannabinoide, die mit THC im chemischen Sinn wenig zu tun haben, aber an derselben Stelle im Nervensystem andocken. Und dabei oft deutlich stärker wirken als die mit der Pflanze auf natürlichem Wege gewachsene Droge. Inklusive bekannter und unbekannter Nebenwirkungen.

Es sind Chemikalien mit wenig glamourösen Namen wie JWH-018, -19, -73 und -122, die seither für Furore sorgen und als unscheinbare Gewürz- oder Kräutermischungen verkauft werden. „Ein Trend, der wegen der Vielzahl an theoretisch möglichen Verbindungen bis heute anhält“, sagt Rainer Schmid, Toxikologe am Wiener AKH. „Leider.“

Die Dealer sitzen hierzulande meistens vor dem Bildschirm und bestellen die Wirkstoffe kiloweise bei indischen oder chinesischen Labors, die ganz legal Vorläuferstoffe für die pharmazeutische Industrie herstellen. Für die Produzenten ist es ein Geschäft wie jedes andere. Meistens als Pulver nach Europa verschickt, werden die Chemikalien dann mit Tabak und getrockneten Kräutern vermischt und zur Kundschaft gebracht. Das prominenteste Produkt schaffte es in Österreich vor ein paar Jahren als „Spice“ in die Medien. Gemeinsam mit genmanipuliertem Saatgut für den „echten“ Hanf landen sie dann auf dem Markt. Synthetisches Cannabis wirkt stärker als natürliches. Diese Neuzüchtungen glänzen inzwischen jedoch auch schon mit THC-Anteilen von zehn bis 20 Prozent. Wildsorten erreichen lediglich drei bis sieben Prozent.

Synthetisches Cannabis unterliegt nicht dem Suchtmittelgesetz. Natürliches schon. Konsumenten, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, bekommt Ewald Höld vom Wiener Institut für Suchtdiagnostik zur Begutachtung. Er hat in seiner Arbeit festgestellt: „Die unerwünschten körperlichen und psychischen Nebeneffekte nehmen zu.“ Wissenschaftlich belegen könne er es zwar nicht, aus der täglichen Beobachtung schließe er aber, dass verstärkt auftretende Kreislaufprobleme und Echoeffekte (das ist die veränderte Wahrnehmung der Umwelt noch Monate nach dem Konsum) mit dem höheren THC-Gehalt zusammenhängen. „Vielen der Konsumenten ist dieses Zeug einfach zu stark.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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