Man trägt jetzt Aussage

In einer Zeit globaler Verunsicherung brachten Designer zur Mailänder Modewoche allerlei explizite Botschaften auf den Laufsteg. Auf die Straße kommen sie frühestens im Herbst.

Mailänder Modewoche - Prada
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Mailänder Modewoche - Prada – APA/AFP/GIUSEPPE CACACE

Wer weiß schon, wie die Welt aussehen wird, wenn es die soeben in Mailand präsentierte Herbstmode zu kaufen gibt. Nach den Vorkommnissen der vergangenen Monate, egal, wo auf dem Planeten, scheinen Selbstverständlichkeiten stärker erschüttert als früher. Dass die Welt so ins Wanken geraten ist, lässt naturgemäß auch Designer nicht unbeeindruckt. Viele von ihnen, das wurde in Mailand wieder deutlich, verspüren das Verlangen, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln einen Kommentar zur Lage der Gesellschaft abzugeben.

Das freilich ist in diesem Zusammenhang nur mäßig sinnvoll: So gut gemeint das Entwerfen einer „politischen Mode“ nämlich sein mag und so publikumswirksam sloganschwere Manifestbekleidung in unserer Social-Media-Ära auch ist, so sehr läuft dieses Vorhaben doch Gefahr, in die Nähe eines arglosen Zynismus zu rücken. Ein hochpreisiges Kleidungsstück bleibt nämlich in erster Linie ein Luxusprodukt und eignet sich nur bedingt als Mittel, Unzufriedenheit mit dem Gang der Welt zu manifestieren.

Aufbegehrende Mode

Doch der Protest ist definitiv auf den Laufstegen in Mode gekommen. Man trägt wieder Aussage, wenn diese auch selten so eindeutig ausfällt wie auf dem legendären – hier handelt es sich um den Slogan-Mode-Bezugspunkt Nummer eins – „58% Don't Want Pershing“-Leiberl der britischen Designerin Katharine Hamnett, die so in den Achtzigern Margaret Thatcher an den Unwillen der britischen Bevölkerung erinnerte, amerikanische Pershing-Raketen in ihrem Land stationiert zu sehen.

Die aktuelle Sloganmanie in der Mode wurde wohl von dem Pariser Avantgardelabel Vetements losgetreten. Auch die Römerin Maria Grazia Chiuri schickte in ihrer ersten Kollektion für Dior T-Shirts mit der Aufschrift „We Should All Be Feminists“ über den Laufsteg. Und nun sind eben in Mailand, in der ersten dortigen Modewoche nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, Parolen der Protestkultur in das „vocabolario della moda“ eingegangen. Sehr eindeutig lesbar war die Herbstmode von Donatella Versace: Sie platzierte da gut sichtbare Claims wie „Equal“, „Loyalty“, „Unity“ und „Power“. Das ist nicht besonders subtil, soll aber vielleicht auch bloß für Gesprächsstoff sorgen. Gar zum Verlesen eines Statements ließ sich wieder Angela Missoni nach dem Defilee ihrer Marke verleiten: Darin beschwor sie den Zusammenhalt der (unweigerlich freigeistigen?) Mode-Community. Als begleitendes Fashion-Statement hatte der Missoni-Clan bei dieser Schlusskundgebung rosarote Strickmützen angelegt, die auf die gegen misogyne Aussagen von Donald Trump protestierende Pussy-Hat-Bewegung verwiesen.

Als Vorzeigeintellektuelle unter den italienischen Designern gilt Miuccia Prada, deren Visionen zuletzt etwas weniger einflussreich waren als in der Vergangenheit und die sich bemühte, ihrem Modehaus neue Relevanz zu geben. Einige ihrer Silhouetten erinnerten an den Look von aufmotzenden Studenten in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Expliziten Manifestcharakter hatten jedoch in erster Linie Aufschriften auf den, von Filmplakaten inspirierten und von Rem Koolhaas' OMA-Studio verantworteten Plakaten, die im Showspace zu sehen waren: „Es ist schwer vorstellbar, dass gleich welche Art der Kulturproduktion davon ausgenommen ist, Position zugunsten unserer geteilten liberalen Werte zu beziehen“, stand da etwa.

Liebe und Wi-Fi

Bizarr machte sich neben solchen Wortmeldungen die Message von Jeremy Scott bei Moschino aus: Bei den ersten paar Laufsteglooks steckten Frauen in Packpapierkreationen, die mit Versandetiketten wie „Fragile“ versehen waren. Wenngleich sie spaßig gemeint sein soll, ist das doch eine fragwürdige Botschaft. Poetischer ging der Moderomantiker Alessandro Michele die Aufgabe bei Gucci an. Innerhalb weniger Saisonen transformierte er das Florentiner Maison in das einflussreichste Modepowerhouse aus Italien. Zwar sind seine Kollektionen repetitiv, der kommerzielle Erfolg gibt ihm aber recht. Eine Kooperation mit der Künstlerin Coco Capitán zeitigte auch hier lesbare Folgen: Sie beschriftete etwa ein Oberteil mit dem Satz: „I want to go back to believing a story.“ Das passt zu Micheles Gucci-Ästhetik als vage Reminiszenz evasiver Unterhaltungsromane aus fernen Zeiten.

Ein wortloses Statement setzte indessen das Modehaus Max Mara, das (nicht als einziges in diesem Schauenzyklus) das Hijab tragende US-Model Halima Aden über den Laufsteg schickte. Das Interesse für diese Geste war ebenso groß wie zuletzt in New York, wo Aden ebenfalls als Model gebucht wurde. Nicht nach Modemärchen, doch glücklicherweise (wie fast immer) nach geschmackvollen Kreationen stand Karl Lagerfeld bei Fendi der Sinn: Er entwarf eine No-nonsense-Kollektion, die zu Filmmusikklängen von Ennio Morricone über den Catwalk paradieren durfte. Das allergrößte Spektakel in Mailand liefern verlässlicherweise Domenico Dolce und Stefano Gabbana: ein Millennial-Sänger als Modebarde, ein nicht endendes Defilee mit unzähligen Looks, Kinder auf dem Laufsteg und livrierte, Champagner kredenzende Kellner am Schluss – das ist zwar aufsehenerregend, bei Dolce & Gabbana aber nicht weiter verwunderlich. Hier sollen offenbar sehr junge Kunden angesprochen werden: Auf wen sonst sollen Botschaften wie ein „D&G Loves Justin Bieber“-Shirt abzielen oder der (realistischerweise allerdings generationsübergreifend zutreffende) Satz „All I need is love and wi-fi“ auf eine Abendtasche.

Starke Aussage

Allem plakativen Charakter zum Trotz, den es in Mailand vielerorts zu sehen gegeben hat, sind die stärksten Aussagen von Designern wohl einfach harmonische Kollektionen. Da ist etwa Giorgio Armani hervorzuheben, der mit bald 83 Jahren in seiner Haupt- und der Nebenlinie Emporio Armani darüber nachdenkt, wie Mode für das Heute aussehen kann. Eine ausgezeichnete Entwicklung durchläuft auch der italienische Shootingstar Marco de Vincenzo: Er kann auf die Unterstützung des einflussreichen LVMH-Konzerns zählen, was ihm genau die richtige Dosis an Nonchalance beschert.

Eine frohe Botschaft verbreitet auch der Österreicher Arthur Arbesser mit seiner geschmackvollen Kollektion, mit der er weiterhin Teil des „Swarovski Collective“-Förderprogramms ist. Arbesser gilt in Mailand als Garant für originelle Showlocations (diesmal in der stillgelegten Bäckerei einer Militärinstitution) und, wichtiger noch!, starke, unprätentiöse Mode als Ausdruck von großer Experimentierfreude. Und das ist es doch, was am Ende in der Mode zählt. Denn eine Kollektion wird nicht zum Manifest, nur weil plakative Parolen auf Kleidungsstücken prangen. Und auch das Anlegen eines „Equality“-Sweaters ist per se kein Akt politischer Meinungsäußerung – ebenso wenig übrigens, wie bei einer auf Facebook angekündigten Demo auf „Like“ zu klicken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2017)

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