Shoppingdiät: Kostverachtung im Modebrei

09.05.2012 | 15:41 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Verzicht liegt im Trend: Anhänger der Shoppingdiät entsagen der saisonalen Garderobenerneuerung.

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Die Liste der von Lifestyle-Meinungsmachern oktroyierten Imperative will nicht enden: Kauf dich schön, kauf dich gesund, kauf dich jung! – das gab es alles schon. Und seit Kurzem gilt es im Sinn eines nachhaltigen Tuns und Handelns auch noch das „Kauf dich grün!“ zu bedenken. Ihr Verantwortungsbewusstsein untermauern Konsumenten demzufolge, indem sie am besten heute noch ihre gesamte Garderobe durch nachhaltig produzierte Ware ersetzen. Oder greift es womöglich zu kurz, einfach nur die eigenen Konsumgewohnheiten mit einem Hauch von Grün zu veredeln?

Shoppingstopp. Als das gute Gewissen des Modebusiness entpuppte sich vor zwei Jahren Vivienne Westwood. Sie forderte ausgerechnet während des Treibens der Londoner Modewoche Endverbraucher auf, sich sechs Monate lang keine neuen Kleider zuzulegen. Den Managern ihres Unternehmens dürfte sie damit Zornesfalten in die Stirn gegraben haben. Doch war die Britin mit ihrem, allerdings ein wenig fadenscheinig anmutenden Appell am Puls der Zeit, denn von den USA ausgehend greift nicht mehr nur in spartanischen Kreisen die Idee des Shoppingverzichtes um sich.

Einen bemerkenswerten Vorstoß startete zum Beispiel Sheena Matheiken, die sich ein Jahr lang täglich für das gemeinnützige „Uniform Project“ in immer demselbem schwarzen Kleid, entworfen von ihrer Designerfreundin Eliza Starbuck, fotografieren ließ. Diesen Look ergänzte Matheiken mit „nachhaltigen“ Accessoires wie Flohmarktfunden, Recyclingobjekten und Ähnlichem. Offensichtlich trafen die beiden damit einen Nerv, denn es gab in der Branche viel Aufmerksamkeit für ihr Projekt, mit dem sie Geld für eine indische Bildungsorganisation sammelten.

Mittlerweile ist eine ähnliche Idee auch auf der anderen Seite des Atlantiks angekommen. Sowohl in Österreich als auch in Deutschland dokumentieren Bloggerinnen ihre Versuche, sich ein Jahr lang in „Shoppingdiäten“ zu üben, um aus dem Teufelskreis von Habenwollen und Kaufenmüssen auszubrechen. Angenehme Nebenwirkung: Das Sparschwein füllt sich. Zwischen 100 und 300 Euro spare sie im Monat, meint die Wienerin Nunu Kaller (Ichkaufnix.wordpress.com), und ihre deutsche Konsumverweigerungskollegin Katrin Becht (Shoppingdiaet.wordpress.com) beziffert die Ersparnisse ebenfalls mit 300 Euro pro Monat. Becht, die selbst als PR-Beraterin in der Lifestylebranche tätig ist („Hier wird man schon nach dem Äußeren beurteilt“), zeigt sich außerdem erfreut darüber, dass ihre neue Enthaltsamkeit Kreativitätsschübe bedingt hat: „Man trägt ohnehin nur 20 Prozent der Dinge, die im Kleiderschrank hängen. Das wird dann doch schnell langweilig, und man muss kreativ werden.“ An dieser Stelle tritt die Nähmaschine auf den Plan, auch wenn nicht jede Shoppingdiättreibende sich automatisch als DIY-Profi entpuppt. Nunu Kaller entdeckt derweil die Stylistin in sich: „Durch das viel bewusstere Überlegen, was ich anziehen soll, wird mir ganz allgemein nicht fad. Was nicht heißt, dass ich nicht manchmal komplett danebenhaue und mich den ganzen Tag in meiner Kleidung nicht wohlfühle.“ Vor dieser Art von Unbehagen ist allerdings auch nicht gefeit, wer jeden Arbeitstag mit einer Belohnungs-Shoppingorgie ausklingen lässt.

Tausch dich chic. „Leider musste ich feststellen, dass es einen Grund gibt, warum ich einige Dinge schon sehr lange nicht mehr anhatte: Sie waren entweder hässlich, schlecht geschnitten oder passten nicht mehr“, fasst Katrin Becht eine Situation zusammen, die auch bei Nichtkonsumverweigernden die Teilnahme an einer Swapping-Party zur Option werden lässt. In immer mehr Städten, zuletzt auch in Wien, werden diese Veranstaltungen abgehalten: „Swapper“ tauschen Kleider, die ihnen nicht mehr gefallen oder einfach Fehlkäufe waren. Auf einem besonders hohen Level möchten ein paar New Yorker Insider, die sich ebenfalls mit dem Nachhaltigkeitsmascherl schmücken, demnächst eine Onlinetauschbörse ins Leben rufen: Zugang zur Tausch-Community „Bib + Tuck“ soll nur erhalten, wer sein Profil von einer gestrengen Jury evaluieren lässt. Nachahmungstäter in Europa werden wohl nicht auf sich warten lassen.

Ebenfalls absehbar ist, dass sich Nunu Kaller und Katrin Becht eines Tages wieder unter die Einkaufenden mischen. Für diese Zukunft haben sie freilich gute Vorsätze: „Ich habe mir fest vorgenommen, im nächsten Jahr klüger einzukaufen“, bemerkt Becht und gibt doch zu: „Beim Winterschlussverkauf 2013 sehe ich mich aber schon zuschlagen.“ Auch Kaller meint, sie wolle künftig der „Fast-Food-Kultur im Textilbereich“ den Rücken kehren, selbst wenn sie wohl nicht zur reinen Ökomode-Fetischistin mutieren wird. Als Belohnung stellt sie sich übrigens einen aus Socken gefertigten Pulli der Wiener Remade-Fashion-Spezialistin Anita Steinwidder in Aussicht. Quasi das ideale Menü, um nach einem Jahr Modediät wieder in die Gänge zu kommen. 

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