"Merii Kurisumasu": Weihnacht, postmodern
Die japanische Gewohnheit der Aneignung interessanter Versatzstücke fremder Traditionen zwecks der Erzeugung eines interkulturellen Potpourris ist immer wieder ein Quell der Freude – und das ganz besonders in der Adventzeit, in der sich Tokio in ein postmodernes Winterparadies verwandelt. Die Einkaufsstraßen werden mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt und sprechende Plastiktannen an den Straßenecken platziert, auf dass sie arglose Passanten erschrecken mögen.
In den Vitrinen der Konditoreien wird der „authentische“ Weihnachtskuchen, „Kurisumasu Keeki“ genannt, ausgestellt: ein mehrstöckiges Ungetüm aus weißer Crème und knallroten Erdbeeren. Und die Fastfood-Kette „Kentucky Fried Chicken“ bereitet sich auf den alljährlichen Massenandrang vor, denn aus unerklärlichen Gründen gilt ein Kübel Chicken Wings in Japan als die weihnachtliche Delikatesse schlechthin. Wer mag, kann zu den panierten Vogelteilen auch ein Glas Champagner bestellen. In diesem Sinne: Merii Kurisumasu!
Von Michael Laczynski
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